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Susan Sarandon:Die Kunst der Verführung

Zunächst war Susan Sarandon vor allem ein begnadeter Sidekick für andere Stars. Ihren Durchbruch hatte sie erst spät, unter anderem im Roadmovie "Thelma & Louise" (1991).

(Foto: imago)

Zum 70. Geburtstag der Schauspielerin aus "Thelma & Louise", die sich im Kino mit Zitronen eingerieben und die Zuschauer mit einem einzigen Augenblinzeln verzaubert hat.

Von Philipp Stadelmaier

Einer ihrer ersten Filme war "Extrablatt" von Billy Wilder, in dem sie 1974 an der Seite von Walther Matthau und Jack Lemmon spielte. Das war nur eine kleine Nebenrolle, aber schon damals konnte sie mit winzigen Gesten einen ganzen Film dominieren. Sie musste zum Beispiel nur einmal kurz die Augen kritisch zusammenkneifen, um die irre Welt der Reportermänner um sie herum als große Kinderei zu entlarven.

Zu diesem Zeitpunkt war Susan Sarandon, die 1946 im New Yorker Stadtteil Queens geboren wurde, achtundzwanzig Jahre alt und von ihrem Durchbruch noch weit entfernt. Aber in ihrem Blick war eine Anmut zu spüren, die sie den Dingen und Männern um sie herum enthob, sie reif und souverän wirken ließ. Das faszinierte auch den französischen Autorenfilmer Louis Malle, für den sie "Pretty Baby" und "Atlantic City" drehte, der ihr 1980 eine erste Oscarnominierung einbrachte. Sie arbeitet darin in einer Austernbar, und es kam zu dieser berühmt gewordenen Szene: Sarandon steht am Fenster und reibt sich zur Musik aus einer Bellini-Oper mit Zitronen ein, um den Fischgeruch von der Haut zu kriegen. Wobei sie sich, wie eine Ikone, vom Fenster gegenüber von Lancaster beobachten lässt, einem alternden Kleinganoven, der sich in sie verlieben wird. Damals wirkte sie viel älter, als sie eigentlich war, und hatte dennoch die Alterslosigkeit einer Ikone.

Sie ist gegen die Todesstrafe, unterstützt Bernie Sanders und die LGBT-Bewegung

Entsprechend musste sie sich nicht beeilen, anders als viele Starlets von heute hatte sie ihren eigentlichen Durchbruch erst spät, mit etwa vierzig. Das war gegen Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre. Zu der Zeit spielte Sarandon neben Michelle Pfeiffer und Cher eine der "Hexen von Eastwick", die den diabolischen Jack Nicholson aufs Kreuz legen, während sie sich im romantischen Baseball-Film "Annies Männer" zwischen Kevin Costner und Tim Robbins entscheiden musste. Letzterer wurde im wirklichen Leben ihr Ehemann. Während sie in diesen Filmen eher noch als Sidekick die Star-Ensembles aufpeppte, drehte sich Ridley Scotts Roadmovie "Thelma und Louise" 1991 dann ganz um sie: Als Louise floh sie mit Geena Davis quer durch die USA, nachdem sie einen Vergewaltiger umgebracht hatten.

In Scotts Kultfilm, der sie weltberühmt machte, entfaltete Sarandon endgültig ihre Kunst des Schauens. Ihre braunen Pupillen, die aus dem Weiß ihrer riesigen Augäpfel hervorstechen, wirken mal leicht schielend, fast desinteressiert und ganz und gar in sich versunken, als würden sie sich zum einzigen Zentrum der Erde erklären. Um dann blitzartig durch ein kurzes Weiten oder Zusammenziehen der Augenpartie voller Energie den anderen zu fixieren. Sarandons Louise ist ganz bei sich, offen und bereit für alles andere. Sie saugt ihre Innenwelt in ihrem Blick auf, um sie dann mit voller Wucht in die Welt zu schleudern.

Für ihre Rolle in "Dead Man Walking" wurde die Blickkriegerin 1995 mit einem Oscar geehrt, für die Darstellung einer Nonne, die gegen das Todesurteil eines Mörders kämpft. Überhaupt hat Sarandon, die neben Schauspiel unter anderem Militärstrategie studiert hat und aus einer streng katholischen Familie stammt, viel gekämpft, und tut es noch immer: Sie hat gegen die Todesstrafe protestiert und gegen den Irakkrieg. Sie unterstützt Bernie Sanders, und vor allem auch die LGBT-Bewegung, mit der gleichen Energie, mit der sie in der "Rocky Horror Picture Show" Geschlechterkorsetts abzulehnen lernte.

Wirkte Sarandon, die stets über jedem Alter zu schweben schien, in ihren früheren Filmen älter, so wirkt sie heute fast jünger. Einen ihrer schönsten Auftritte hatte sie in den letzten Jahren im Saturday Night Live-Sketch "Motherlover" an der Seite von Justin Timberlake. Hier spielte Susan Sarandon, die an diesem Dienstag 70 Jahre alt wird, eine geschiedene Singlemutter auf der Suche nach neuen Abenteuern. Mit einer Lebenslust, die nicht nur Show gewesen sein kann.

© SZ vom 04.10.2016
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