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Streit um TV-Dokumentation:Wie der Dokumentarfilm "Salafistes" Frankreich spaltet

Im Dokumentarfilm "Salafistes" von François Margolin und Lemine Ould M. Salem kommen radikale Islamisten zu Wort.

(Foto: Margo Films)

Ist das noch Anklage oder schon Verherrlichung? Frankreich streitet über eine Filmdoku, die Folterungen und Morde durch Salafisten zeigt.

Von Alex Rühle

Welche Grausamkeiten darf man aus dokumentarischen Gründen zeigen? Muss man Propagandabilder kommentieren? Reicht das filmische Stilmittel der Montage, um Bilder als Lügen zu denunzieren? Und was, wenn diejenigen, die man ausstellen will, beim Drehen alle Regeln vorgegeben haben? Mit anderen Worten: Kann man beim Filmen "embedded" sein und danach dennoch einen unabhängigen Film machen?

Diese Fragen bilden den Kern einer heftigen Debatte, die in Frankreich um den Dokumentarfilm "Salafistes" entbrannt ist. Der französische Regisseur François Margolin und der mauretanische Journalist Lemine Ould M. Salem haben zwischen 2012 und 2015 salafistische Hassprediger und Milizenanführer interviewt, im Irak, in Mauretanien, in Mali und Tunesien. Diese Hassmonologe und Predigten mischen sie mit Aufnahmen von Steinigungen und Amputationen, Auspeitschungen und Massenerschießungen, Strafexzessen im Namen Allahs, begangen von den Scharia-Islamisten im Norden Malis, dort, wo kein Journalist eigentlich hinkommt.

Zusätzliches Material bilden unkommentierte Propagandavideos des IS, Amateuraufnahmen von 9/11 und Aufnahmen der Pariser Terroranschläge vom Januar 2015.

Als der Film auf dem Festival international des programmes audiovisuels (Fipa) gezeigt wurde, kam es zu Tumulten. Grund war zum einen die extreme Grausamkeit vieler Aufnahmen selbst. Dazu kam aber der Vorwurf, die beiden Regisseure würden den Islamisten in die Hände spielen, schließlich gibt es keine Stimme von außen, keine Erklärungen, wer da jeweils spricht. Die Commission de classification des œuvres du CNC (Centre national du cinéma), eine Art Pendant zur deutschen FSK, empfahl, den Film erst ab 18 freizugeben, was es in Frankreich noch nie bei einem Dokumentarfilm gab. Das Innenministerium drängte sogar auf ein völliges Verbot des Films. Grund: Verherrlichung des Terrorismus und Angriff auf die Menschenwürde.

Es gibt in dem Film keine Stimme von außen, keine Erklärungen, wer da jeweils spricht

Besonders inkriminiert wurde die unverpixelte Aufnahme der Ermordung des Polizisten Ahmed Merabet durch die Brüder Kouachi nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo. François Margolin hat bereits zugesichert, diese Szene genauso aus dem Film zu nehmen wie das Abhacken einer Hand.

Es stellen sich aber viel grundlegendere Fragen: Lemine Ould M. Salem, der ein Experte für den Islamismus in der Sahelzone ist, brachte zwar Exklusivmaterial aus Mali mit, gab aber im Interview mit rfi Afrique zu, dass er sich beim Filmen nie frei hat bewegen können: "Wir waren bei ihnen zu Gast. Sie waren die Chefs und haben die Regeln geschrieben. Unsere Freiheit war ganz klar eingeschränkt durch die Grenzen, die sie uns gesetzt haben."

Der Regisseur François Margolin verteidigte die Brutalität der Aufnahmen mit dem Argument, man müsse "zeigen, was die Salafisten machen und zwar im Gegenschnitt zu ihren sanften, oft fundiert klingenden Reden". Margolin, der bis zuletzt dagegen kämpfte, dass sein Film nur für Erwachsene zu sehen sein soll, muss sich freilich die Frage gefallen lassen, was potenzielle jugendliche Zuschauer mit unkommentierten Monologen rhetorisch hochversierter Gewaltapologeten anfangen sollen. Der "Shoah"-Regisseur und Autor Claude Lanzmann sprang den beiden Filmemachern bei und pries "Salafistes" als einmaliges Dokument und "veritables Meisterwerk, zeigt es doch den Alltag unter der Scharia, wie kein Buch und kein Islam-Spezialist es ähnlich gut könnte".

Mehrere Kinos, die den Film ursprünglich zeigen wollten, haben nach dem Verdikt der CNC einen Rückzieher gemacht. Margolin hat Angst, dass der Film nun auch nicht von France 3, dem TV-Sender, der ihn mitproduziert hat, gezeigt werden wird.

© SZ vom 27.01.2016/cag
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