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Streit um Stauffenberg:Die Moderne und die Reaktionäre

Die Geisteswissenschaftler Evans und Bohrer streiten, wie man Graf Stauffenberg gerecht wird. Dabei bedarf der Hitler-Attentäter keiner Verteidigung.

Franziska Augstein

Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Gefährten haben am 20. Juli 1944 ihr Leben für eine gute Sache aufs Spiel gesetzt. Ihre Motive waren ehrenwert. Das lange geplante und immer wieder aufgeschobene Attentat auf Hitler misslang nicht zuletzt deshalb, weil die Attentäter zu viel auf einmal wollten.

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Galt in den fünfziger Jahren vielen als Verräter: Claus Schenk Graf von Stauffenberg, hier während der zwanziger Jahre.

(Foto: Foto: Bundesarchiv)

"Für Männer wie Tresckow und Stauffenberg", hat der Historiker Hans Mommsen geschrieben, "stand die Erhaltung der Armee und die Abwendung einer vernichtenden militärischen Niederlage im Mittelpunkt ihrer Erwägungen."

Sie wollten Hitler nicht bloß beseitigen, sondern ein starkes Deutschland erhalten, für dessen künftige Führung sie bereitstanden. Mit diesen angesichts der desaströsen Kriegslage illusionären Ansprüchen überforderten sie ihre Kräfte - und am Ende ging eben alles daneben.

Der britische Historiker Richard Evans hat unlängst im SZ-Magazin eine kritische Würdigung des Grafen Stauffenberg veröffentlicht (SZ-Magazin vom 23. Januar).

Evans zollt Stauffenberg die ihm gebührende Hochachtung für seinen Mut. Zugleich ist Evans jedoch der Meinung, dass die elitäre, antiliberale und zutiefst antidemokratische Haltung des Grafen Stauffenberg ihn nicht als Vorbild für die heutige Jugend empfehle.

Das findet der Literaturwissenschaftler und Merkur-Herausgeber Karl-Heinz Bohrer unerträglich: Evans verbreite "historische Halbwahrheiten", "widersprüchliche Thesen und ehrabschneiderische Allusionen" schreibt er in seiner Entgegnung (SZ vom 30. Januar).

"Stauffenbergs politisches Denken zweifellos kein Modell"

Evans' "Entstellung des 20. Juli und seiner zentralen Gestalt" sei "reichlich naiv, aber auch scheinheilig". Sie sei "ehrabschneiderisch verleumderisch", "nicht ohne Infamie", "begriffsstutzig", "philiströs und geschichtsphilosophisch naiv".

Nicht viele international angesehene Historiker dürfen von sich sagen, in einer großen deutschen Zeitung so ausführlich beschimpft worden zu sein. Wie kam es dazu?

Karl-Heinz Bohrer schreibt selbst, dass Stauffenbergs "politisches Denken zweifellos kein Modell" für die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg sei. Er stellt auch fest, dass Evans lediglich aufgeschrieben hat, was deutsche Historiker seit langem sagen. Am Inhalt von Evans' Artikel kann es also nicht liegen, dass Karl-Heinz Bohrer sich jetzt aufregt.

Der Grund ist denn auch ein anderer: Er ergibt sich aus Bohrers Charakterisierung von Evans' Text als "Tendenzschrift". Evans' Artikel kam Bohrer vor, als sei er dem Autor "souffliert worden" und zwar von einem bestimmten "Milieu".

Bohrer charakterisiert es so: Das seien "die Kinder und Enkelkinder" der Nazis, die "nicht müde wurden, mit ihren 'antifaschistischen' Selbstsdarstellungen das intellektuelle Klima zu verkitschen".

Man sieht: Bohrer hat wieder einmal sein altes Steckenpferd namens "Achtundsechziger-Bashing" bestiegen. Seitdem die Achtundsechziger in die Generation der Großeltern aufgerückt sind, zählt er auch Jüngere dazu.

Wozu? Zu dem, was Bohrer "politisch korrekten Konformismus" nennt. Da er darunter ausdrücklich auch Zeithistoriker subsumiert, liegt der Schluss nahe: Für kritisch-sachliche Forschung hat er im Fall des Grafen Stauffenberg nicht viel übrig, er bezeichnet das als Geschichtsschreibung unter dem "sozialdemokratisierten Gesichtswinkel".

Der alte Streit zwischen Moderne und Reaktion

Ihm missfallen Evans' Hinweise darauf, dass Stauffenberg bis 1941 den Krieg für ein großartiges Unterfangen und Hitler für einen großen Führer hielt. "Um die Motive Stauffenbergs zu verunklären, operiert Evans gern mit Jahreszahlen", kommentiert Bohrer.

Ganz offenbar liegen da zwei Positionen im Widerstreit: Hier das Bemühen um historische Aufklärung; dort die Sehnsucht nach etwas Ewigem, das seine Dauerhaftigkeit lohnt, nach einer Größe, die verehrungswürdig ist. Wer dieser zweiten Sichtweise auf die Vergangenheit anhängt, dem verstellen Jahreszahlen in der Tat nur den Blick.

Joachim Fest hat bei den Verschwörern des 20. Juli einen "Affekt gegen die moderne Welt" diagnostiziert. Bohrer hat auch etwas gegen die Zeit, in der er lebt: Er nennt "politisch korrekt", was ihm nicht passt, dazu gehört nicht nur der "sozialdemokratisierte" Blick auf die Geschichte, sondern auch alles "Konformistische" - was immer er darunter verstehen mag.

Angesichts der Verallgemeinerungen, mit denen Bohrer Richard Evans angreift, drängt sich der Eindruck auf: Es geht Bohrer eigentlich weniger um die Verteidigung des Andenkens an Graf Stauffenberg als um die Verdammung all dessen, wovon er sich schon seit Jahr und Tag belästigt fühlt.

Hier ist er wieder einmal aufgebrochen, der alte Streit zwischen Moderne und Reaktion - ein Streit, der in der Bundesrepublik gern auch auf dem Feld der Geschichtsbetrachtung ausgefochten wird.

Die Moderne und die Reaktionäre

Das Andenken des Grafen Stauffenberg muss eigentlich nicht verteidigt werden. In den fünfziger Jahren galt er vielen als eidbrüchiger Vaterlandsverräter. Doch seitdem "die hergebrachten obrigkeitsstaatlichen Reflexe" (Joachim Fest) in den sechziger Jahren abgeklungen sind, werden die Attentäter des 20. Juli anerkannt und regelmäßig alle Jahre geehrt.

Wird geehrt, andere Hitler-Gegner nicht: Stauffenberg.

(Foto: Foto: dpa)

Das unterscheidet die Männer, die zum militärischen Widerstand gehörten, von dem Schreiner Georg Elser, der ganz allein schon 1939 erkannte, dass Hitler Deutschland ins Unglück stürzen werde.

Georg Elser war aber ein einfacher Mann, man konnte sich nicht vorstellen, dass allein sein Gewissen ihn leitete, gab es da nicht Hintermänner, die ihn zu ihrem Werkzeug machten?

Wegen seiner Herkunft war Georg Elser selbst in der demokratischen Bundesrepublik bis in die neunziger Jahre nicht würdig genug, als Held zu gelten. Graf Stauffenberg war nicht nur gebildet, sondern auch - was ihn während des Kalten Kriegs in Westdeutschland empfahl - ein glühender Antibolschewist.

Hans Mommsen zufolge hatte er "ursprünglich erklärt, dass die Abrechnung mit dem NS-Regime erst erfolgen könne, wenn der Bolschewismus ausgeschaltet sei".

Der Antikommunismus hat Westdeutschland nach dem Krieg tief geprägt. Tatsächlich hält seine Wirkung bis heute an. Georg Elser ist rehabilitiert. Die Attentäter des 20. Juli werden von der Bundeswehr als Muster soldatisch-gesellschaftlichen Verantwortungsgefühls gerühmt.

Andere sind immer noch nicht rehabilitiert: Das gilt für die Soldaten, die von der NS-Justiz verurteilt wurden, weil sie - wie spätere Ermittlungen ergaben: zumeist aus ethischen Gründen - desertiert waren. Das gilt auch für die Mitglieder der Berliner Widerstandsgruppe, denen ihre nationalsozialistischen Häscher den Namen "Rote Kapelle" gaben.

Zu ihnen zählten "Männer und Frauen aller sozialen Schichten und politischer Couleur" (so der Historiker Wolfram Wette). 1942 wurden mehr als hundert Angehörige der sogenannten "Roten Kapelle" verhaftet. Einer von ihnen war Harro Schulze-Boysen, der militärische Information an die Sowjetunion weitergab.

Andere Mitglieder der Organsation halfen versteckten Juden oder brachten Flugblätter in Umlauf. Für die zum Tode Verurteilten wurden in der Haftanstalt Plötzensee die Fleischerhaken installiert, an denen man 1944 auch einige Verschwörer des 20. Juli aufhängte, darunter auch Harro Schulze-Boysen.

Sein Bruder Hartmut, der 37 Jahre lang im Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik tätig war, hat ein Interview gegeben, das 2004 in dem Buch "Rote Kapellen - Kreisauer Kreise - Schwarze Kapellen" publiziert wurde.

Da sagte der pensionierte Diplomat: "Der Kernsatz im Todesurteil des Reichsgerichts gegen meinen Bruder im Dezember 1942 lautete: 'Schulze-Boysen hat niemals ehrlich dem nationalsozialistischen Staat gedient.' Ein solches Kompliment hätten wohl die Männer des 20. Juli kaum verdient."

Die Angehörigen der "Roten Kapelle" und die Deserteure sind, wie gesagt, immer noch nicht rehabilitiert. Eine entsprechende Gesetzesinitiative wurde 2006 in den Bundestag eingebracht, aber die Koalitionsregierung hat sich bis heute damit nicht beschäftigen wollen.

Bis heute wird die "Rote Kapelle" auch in vielen Medien als kommunistische - und daher sui generis unpatriotische - Organisation abgehandelt. Wer gegen Konformismus und Philiströsität wettern will: Hier findet er einen gerechtfertigten Anlass.

© sueddeutsche.de/odg
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