Stimmen von Kollegen :Missverstanden

Wie ist das Werk Ernst Noltes zu werten, was bedeutete der Historikerstreit? Hier sind Einschätzungen von einigen bedeutenden Fachkollegen zu finden.

Ernst Nolte war der einzige geschichtsphilosophische Denker unter den heutigen Historikern, das erklärt die Sonderstellung des im Fach Philosophie über Karl Marx Promovierten. Er wollte nicht nur Fakten rekonstruieren, sondern die Ursachen der wirkungsmächtigen Ideologien des 20. Jahrhunderts deuten. Deshalb interpretierte er Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus und Islamismus.

Viele seiner 20 großen Bücher widmen sich den politischen Wirkungen von Ideologien, auch die zum Kalten Krieg oder "Marxismus und Industrielle Revolution". Sein 1963 veröffentlichtes, im historischen Kontext international vergleichendes Werk "Der Faschismus in seiner Epoche" zählt zu den meistübersetzten Geschichtswerken und wurde im In- und Ausland als fundamental gerühmt, auch von vielen seiner späteren Kritiker. Nolte erhielt Einladungen an ausländische Universitäten, darunter nach Yale und zur Hebräische Universität Jerusalem.

Einige seiner in den Achtzigerjahren zugespitzten Thesen waren missverständlich und provozierten heftige Kritik, die sein reiches und komplexes Oeuvre auf wenige Kernaussagen reduzierte, vor allem seine These, der Bolschewismus (und der Archipel Gulag) sei "ursprünglicher" als der Nationalsozialismus (und die KZ), was zwar chronologisch unbestreitbar, aber keine ausreichende Erklärung ist.

Nolte hat nie den antisemitischen Rassismus und den millionenfachen Mord an den europäischen Juden geleugnet. Dieses ungeheuerliche, in seiner Art singuläre Massenverbrechen ist bis heute nicht zureichend erklärt, deshalb versuchte auch Nolte, den irrationalen Extremismus rational und historistisch nachzuvollziehen. Seine Interpretation ist kritisierbar, doch Holocaust-Leugner war er sowenig wie "nationalapologetisch". Mit den Traditionen einer nationalgeschichtlich verengten oder gar nationalistischen Historiografie hatte Nolte nie etwas im Sinn, weswegen auch diese Verortung Noltes im so genannten Historikerstreit 1986 verfehlt ist.

Horst Möller ist Professor emeritus für Neuere und Neueste Geschichte. Er hat von 1992 bis 2011 das Institut für Zeitgeschichte in München geleitet.

Radikale Antworten

Ursprünglich von der Philosophie kommend etablierte sich Ernst Nolte in den Sechzigerjahren als Historiker von internationalem Rang. Sein Buch von 1963 über den "Faschismus in seiner Epoche" war ein bahnbrechendes Werk. Hieran anknüpfend entwickelte er ein historisches Denkgebäude, das seine Herkunft von der Philosophie nicht verleugnen konnte, ihn aber auch in neue Konflikte brachte.

Noltes Grundidee bestand darin, dass die Widersprüche der modernen bürgerlich-liberalen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zugleich deren radikale Infragestellung erzeugten. Das betraf zunächst den Marxismus, dem Nolte mit seinem 1983 erschienenen Werk "Marxismus und Industrielle Revolution" eine große Abhandlung widmete. Es betraf aber vor allem den Faschismus, der, so wie er ihn verstand, eine radikale Reaktion auf den Marxismus bildete. Faschisten wollten demzufolge dem Marxismus eine "gleichartige", ebenso radikale Bewegung entgegenstellen. 1963 war der Faschismus für Nolte demzufolge noch "Antimarxismus".

Später allerdings verkürzte er diesen Begriff zum "Antikommunismus", der sich auf die russische Oktoberrevolution bezog. Wie erklärte sich dann aber der Rassenantisemitismus? War er Teil der völkischen Tradition, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hatte und aus der sich der Nationalsozialismus speiste? Oder gehörte er zu der radikalen "Antwort", die der Faschismus auf den Kommunismus gab?

Nolte entschied sich für die zweite Antwort und identifizierte den Antisemitismus mit dem Antikommunismus. Empirisch haltbar war diese These nicht, sodass Nolte mit ihr nicht zufällig den sogenannten Historikerstreit auslöste. Den Vorwurf, den Holocaust durch falsche Kausalitäten zu verharmlosen, hat er stets zurückgewiesen. Seitdem hat sich die Weltlage dramatisch gewandelt, sodass auch der Historikerstreit und mit ihm das Werk Ernst Noltes als Teil der deutschen Historiografie-Geschichte gelten können.

Andreas Wirsching ist Direktor des Instituts für Zeitgeschichte und lehrt heute in München Neueste Geschichte und Zeitgeschichte.

In Widersprüchen

Ernst Noltes Lebenswerk ist hinter den Historikerstreit zurückgetreten. Als er 1983 "Marxismus und industrielle Revolution" veröffentlichte, priesen die Rezensenten sein "drittes großes Buch". Nur vier Jahre nach der Vollendung seiner Trilogie legte Ernst Nolte den "Europäischen Bürgerkrieg" vor, ein mit dem er seine Thesen über das "logische und faktische Prius" des "Klassenmords" der Bolschewiki gegenüber dem "Rassenmord" der Nationalsozialisten zu belegen versuchte. Das wurde zu Recht als eine Relativierung der Singularität der Shoa kritisiert. So spitzte sich die Auseinandersetzung um sein Buch, ja um sein gesamtes Œuvre, auf ein äußerst fragwürdiges Argument zu. Die Art und Weise, in der sich Ernst Nolte in den folgenden Monaten und Jahren verteidigte, trug dazu bei.

Abgesehen von Noltes Klassiker der "Faschismus in seiner Epoche" ist für mich "Marxismus und industrielle Revolution" ein nach wie vor lesenswertes Buch. Vielleicht auch deshalb, weil es nicht damit beginnt, Geschichte idealtypisch zu modellieren, wie es sonst Noltes bevorzugte Methode ist, sondern anschaulich und dicht die Entwicklung der englischen Gesellschaft in der Zeit der Industrialisierung zu beschreiben. Dies bildet für Nolte allerdings nur den Hintergrund für eine beachtliche Synthese von intellektuellen und realgeschichtlichen Bewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts. Im eklatanten Unterschied zum "Europäischen Bürgerkrieg", der bei seinem epochalen Anspruch mit seinen vielen hundert Seiten doch auch ein Debattenbuch war, offenbart "Marxismus und industrielle Revolution" Noltes unnachahmliche Fähigkeit, vielschichtig und in Widersprüchen zu denken. Lernen kann man von seiner Darstellung noch heute, dass die konservative Fortschrittskritik keineswegs als Widerspruch zur modernen Zivilisation aufgefasst werden muss, sondern ein wichtiges Korrektiv darstellen kann. Auch der Sozialismus wird in seiner Ambivalenz - als Ideologie der Moderne, aber auch in seinen traditionellen Verhaftungen - erkennbar.

Martin Schulze Wessel ist Vorsitzender des Historiker-Verbandes Deutschland. Er ehrt die Geschichte Osteuropas und Südosteuropas in München

Zerstörter Ruf

Vor allem mit seinen Studien über die faschistischen Bewegungen im Europa der Zwischenkriegszeit hat Ernst Nolte die bundesdeutsche Zeitgeschichtsforschung in den Sechzigerjahren um eine wichtige Dimension bereichert. Seit den frühen Achtzigerjahren jedoch hat er sich zunehmend daran gestört, dass die NS-Vergangenheit (genauer gesagt: die Beschäftigung mit ihr) "nicht vergehen" wollte - und nach dem Historikerstreit schließlich sogar manche Thesen der Holocaust-Leugner für diskussionswürdig erklärt. Im Zuge dieser Selbstradikalisierung hat er sich eine kleine, aber offenbar treue Gemeinde von Bewunderern erschrieben und seine fachwissenschaftliche Reputation zerstört.

Norbert Frei lehrt Neuere und Neueste Geschichte in Jena.

Politisch rechts

Ernst Nolte sah sich nicht als Zunftgenossen der Historiker, er wollte als Geschichtsdenker erinnert werden. Tatsächlich war er in Philosophie promoviert und blieb sein Leben lang in ausgeprägter Distanz zur professionalisierten Geschichtswissenschaft, die er gleichwohl seit 1965 als Professor vertrat. Aus dieser Distanz resultierten imponierende Stärken, die am deutlichsten in seinem bahnbrechenden Werk "Der Faschismus in seiner Epoche" von 1963 zum Vorschein kamen: die Fähigkeit zur scharfen begrifflichen Analyse, die Neigung zum breiten, zumindest europaweiten Vergleich, das Denken in großen und grundsätzlichen Zusammenhängen, die Intellektualität der historischen Darstellung, Originalität. Damit hingen aber auch einige Schwächen zusammen, vor allem eine Geringschätzung für empirische Befunde, deren kritische Potenz die geschichtswissenschaftlichen Praktiker oft vor Einseitigkeit, Proportionsverlust und Verstiegenheit bewahrt und auch davor, dass politische Präferenzen ungefiltert in die wissenschaftliche Argumentation Eingang finden.

In Noltes Werk als produktiver Wissenschaftler und engagierter Intellektueller traten diese Stärken und Schwächen in sich stark verändernden Mischungsverhältnissen auf. Nach dem Historikerstreit gewann das Spekulative in Nolte weiter an Boden, seine intellektuell-politische Verortung im rechten politischen Spektrum wurde deutlicher, und seine Isolierung in der Zunft nahm zu. Aber nur mit geschichtswissenschaftlichen Methoden wird es möglich sein, Noltes Werk mit zeitlicher Distanz zu historisieren, es als wichtigen Teil der intellektuellen Geschichte der Bundesrepublik zu begreifen und ihm gerechter zu werden als es in den Kämpfen der letzten Jahrzehnte möglich war.

Jürgen Kocka ist Professor emeritus für Sozialgeschichte an der Freien Universität Berlin.

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