bedeckt München 19°

Sterbehilfe: Papst sorgt für Zündstoff:Benedikt XVI. ruft zur Dienstverweigerung auf

Der Papst möchte, dass Apotheker ihre Hilfe bei Abtreibung oder Sterbehilfe verweigern. Es sei nicht möglich, "das Gewissen zu betäuben", wenn es um Menschenleben gehe. Er bezieht sich auch auf die Pille danach.

Der Papst hat Apotheker zur Dienstverweigerung aus Gewissensgründen bei Abtreibung oder Euthanasie aufgerufen. Es sei nicht möglich, "das Gewissen zu betäuben", wenn es etwa um Medikationen gehe, die die Einnistung eines Embryos verhinderten oder ein Menschenleben beendeten, hatte Benedikt XVI. am Montag vor katholischen Apothekern, die in Rom an ihrem Weltkongress teilnahmen, erklärt. Die Rede des katholischen Kirchenoberhauptes löste am Dienstag in Italien heftige Diskussionen aus.

Gesundheitsministerin Livia Turco betonte, dass per Rezept verschriebene Medikamente an die Patienten ohne Wenn und Aber verkauft werden müssten: "Sie dürfen nicht verweigert werden."

Gleichzeitig wies Turco darauf hin, dass nur das Parlament für die Gesetze des Landes verantwortlich sei: "Wenn ein Kirchenoberhaupt Gesetze in Frage stellt, dann ist es meine Pflicht als Ministerin, an die unbestreitbare Souveränität des Parlamentes zu erinnern", erklärte sie.

"Das Recht auf Leben" scheint sich zu einem Hauptthema des Pontifikats von Benedikt XVI. zu entwickeln. Schon mehrmals hat er in seiner Amtszeit mit deutlichen Worten die Meinung des Vatikans zum Ausdruck gebracht, wenn es um heikle Themen wie Abtreibung und Sterbehilfe geht - und dabei ohne große Umschweife die geltenden Gesetze angeprangert. Dass sich Joseph Ratzinger bei eher liberal eingestellten Bürgern und Politikern damit keine Freunde macht, wurde jetzt wieder spürbar. Sein Aufruf an Apotheker, aus Gewissensgründen ihren Dienst zu verweigern, führte zu einem wahren Aufschrei im Land.

"Wir respektieren zwar die Worte des Papstes, aber seine Forderung ist weder in Italien noch in einem anderen Land durchführbar", erklärte der Präsident der italienischen Apotkeker-Vereinigung Federfarma.

"Jedes Mal ein Erdbeben"

Gesundheitsministerin Livia Turco führte fort: "Dieses Land sollte endlich einmal eins lernen: Es kann nicht sein, dass es jedes Mal, wenn der Papst etwas sagt, ein Erdbeben gibt", sagte sie. Von Ärzten verschriebene Medikamente müssten von den Apotheken verkauft werden - und damit basta.

Das sieht Benedikt anders - zumindest wenn es um die Pille danach oder die bald auch in Italien erhältliche Abtreibungspille RU 486 geht. Apothekern müsse es erlaubt sein, sich nicht direkt oder indirekt an der Lieferung von Medikamenten zu beteiligen, die eindeutig unmoralische Ziele haben, "wie beispielsweise Abtreibung oder Euthanasie", brachte er es auf den Punkt. Das Leben müsse von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende verteidigt werden, und Medikamente sollten dabei eine rein therapeutische Rolle spielen.

Apothekern komme dabei eine erzieherische Rolle zu, indem sie die Kunden auf "die ethischen Folgen des Gebrauchs einiger Medikationen" hinweisen. Solche Vorschläge sorgen in Italien aber selbst bei eingefleischten Katholiken für Zündstoff. "Persönlich bin ich auch gegen die Pille danach", sagte Maria Catena Ingria, eine tiefgläubige Apotheken-Inhaberin in Rom. "Aber ein Apotheker darf keinesfalls über die Entscheidungen anderer richten. Da gibt es klare Gesetze - wenn die Pille vom Arzt verschrieben wurde, müssen wir sie verkaufen, da gibt es keine Dienstverweigerung." Schließlich könne ein Apotheker ja auch nicht wissen, was hinter der Verschreibung stehe, ob die Kundin etwa gesundheitliche Probleme habe oder zu alt für eine Schwangerschaft ist.

Mit schneidendem Unterton fragte denn auch die römische Zeitung La Repubblica am Dienstag: "Sollen wir uns jetzt, bevor wir in eine Apotheke gehen, über die religiöse und moralische Orientierung des Inhabers informieren, um ungewünschte Diskussionen über den Sinn des Lebens zu vermeiden?"

Ganz anders reagierte Piero Uroda, der Präsident der Katholischen Apothekerkammer: Die Position des Papstes trage zum Schutz des Lebens bei, meinte er - und die Pille danach sei kein Kontrazeptivum, sondern eine Abtreibung.

Mehr noch als der inhaltliche Aspekt verärgert aber vor allem viele die offensichtliche Einmischung der Kirche in staatliche Angelegenheiten. "Dies ist eine weitere Etappe auf dem langen Marsch des Vatikans ins Innere des öffentlichen Lebens dieses Landes", kommentierte La Repubblica. Und Gesundheitsministerin Turco brachte es auf den Punkt: "Das Gesetz sieht keine Dienstverweigerung aus Gewissensgründen vor, und ich glaube, diese Norm ist sehr weise."

© Carola Frentzen/dpa/sueddeutsche.de/rus
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema