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Starreporter Bob Woodward:Der Unbezahlbare

Bob Woodward muss in den Ruhestand, aber die Legende schreibt weiter - für 100 Dollar im Monat als der am wenigsten verdienende Redakteur der Washington Post.

Thomas Schuler

Leicht ist ihm die Entscheidung vermutlich nicht gefallen. Zweimal hat Bob Woodward in den vergangenen Jahren das Angebot seiner Zeitung, mit einer sechsstelligen Abfindung in den Ruhestand zu gehen, abgelehnt.

Bob Woodward - mit 65 im besten Rentenalter, aber der Gedanke an den Vorruhestand war ihm offensichtlich ein Graus.

(Foto: Foto: Reuters)

Woodward, 65, wollte davon nichts wissen und bot an, für das Jahresgehalt von einem Dollar weiter zu arbeiten. Das wiederum wollte der Verleger der Washington Post, Donald Graham, nicht.

Wie würde das aussehen, wenn der Starreporter, der zusammen mit Carl Bernstein den Watergate-Skandal enthüllte und dazu beitrug, dass Richard Nixon 1974 als amerikanischer Präsident zurücktreten musste, für einen Praktikantenlohn arbeitete?

In Amerika, wo man unter Jahresurlaub ein verlängertes freies Wochenende versteht, ist der Gedanke an Vorruhestand vielen ein Graus. Andererseits zwingt die Zeitungskrise die Washington Post, Leute nach Hause zu schicken - in der dritten Runde wurde 200 Mitarbeitern der Vorruhestand angeboten. Die Hälfte willigte ein. Woodward, seit 1982 assistent managing editor, ist der prominenteste unter ihnen.

Dinge, die andere nicht wissen

Am 15. September 1971 wurde er nach mehrmaligen Bewerbungen von der Washington Post eingestellt. Man zahlte ihm 156 Dollar pro Woche, womit er eigenen Worten zufolge einer, wenn nicht sogar der am schlechtesten bezahlte Reporter der gesamten Zeitung war.

Er wurde Polizeireporter und die Gewerkschaft beklagte sich beim Verleger, dass er seine Überstunden nie abrechnete. Woodward besitze die Art von unersättlicher Neugier, die gute Reporter auszeichnet, meint seine Biographin.

Gute Reporter werden nicht des Geldes wegen Journalisten, behauptet sie, sondern weil sie Dinge herausfinden wollen, die andere nicht wissen. Über die Watergate-Enthüllung schrieb er mit Bernstein zwei Bestseller und verdiente damit 1977 mehr als 840.000 Dollar, wie er in einem Scheidungsprozess offenlegte. Die Washington Post zahlte ihm 1978 nur ein Jahresgehalt von 33.600 Dollar.

Der Redakteur Woodward war nie so brillant wie der Reporter Woodward. Seinen größten Misserfolg hatte er als Lokalchef der Washington Post zu verantworten, als die Reporterin Janet Cooke 1980 eine Story über einen heroinsüchtigen Achtjährigen erfand und dafür den Pulitzerpreis erhielt.

Woodward, der eigentlich irgendwann Chefredakteur der Washington Post werden sollte, war blamiert, blieb leitender Redakteur und schrieb weiter Bücher. Vor drei Jahren legten Leser und Kollegen ihm sogar einmal den Rücktritt nahe, manche forderten seinen Rauswurf: Es ging um die Frage, ob Woodward vertraulich vom Verrat der Bush-Regierung an einem ehemaligen Diplomaten und dessen Frau, einer Geheimdienstagentin, wusste und schwieg. Woodward vertiefte sich in Arbeit.

Fast alles bleibt, wie es ist

Der Buchautor blieb gefragt, wird verehrt und verdient mit seinen Bestsellern Millionen. Als er kürzlich per Anzeige einen Assistenten suchte, bewarben sich Hunderte Journalisten, darunter Reporter von angesehenen Zeitungen.

Für Woodward bedeutet Vorruhestand bei der Washington Post, dass fast alles bleibt wie es ist. Er wird weiter Bücher schreiben, die die Zeitung vorab drucken wird. Am 8. September erscheint sein neues Werk, das 14. Und natürlich wird er weiter Artikel liefern.

Bis vor zwei Jahren verdiente er rund 180.000 Dollar jährlich. Auf seine eigene Bitte hin verringerte die Zeitung sein Jahresgehalt auf 10.000 Dollar. Legt man das zugrunde, würde er nur 20.000 Dollar erhalten.

Woodward schweigt über die Höhe der Abfindung und verriet dem Fachblatt Editor and Publisher lediglich, dass er künftig monatlich nur mehr 100 Dollar erhält.

Wenn Kollegen über den Vorruhestand sprechen, sagen sie, endlich könnten sie mehr Zeit mit der Familie verbringen. Woodward sagte: "Ich liebe die Zeitung, ich betrachte sie als Teil meiner Familie." Vermutlich ist er nun wie vor 37 Jahren wieder der schlechtestbezahlte Reporter seiner Zeitung. Es muss wahre Liebe sein.

© SZ vom 08.08.2008/pak
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