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Spurensuche:Heimlichkeit der Männer

Georg Friedrich Kersting hat sein Bild "Lesender bei Lampenlicht" 1814 gemalt.

(Foto: Museum Oskar Reinhart Winterthur)

Die lesende Frau ist ein Lieblingsmotiv der Kunstgeschichte. Der lesende Mann dagegen wurde fast nie gemalt, schon gleich gar nicht, wenn er ein Buch (!) in der Hand hält.

Frauen, die über ein Buch gebeugt sind oder sich mit einem Buch in den Händen bequem zurücklehnen, gehören zu den beliebtesten Motiven der Malerei. Schon die Jungfrau Maria wird beim Ereignis der Verkündigung stets mit einem Buch gezeigt, das die Reinheit ihrer Gedanken verkündet. Aber auch später wurden Frauen immer gerne mit Büchern porträtiert. Madame Pompadour beispielsweise hält in jedem der zahlreichen Porträts, die sie in Auftrag gegeben hat, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wird das Motiv der lesenden Frau dann gar zu einem Genre, das viele Maler gereizt hat. Besonders schön haben Camille Corot, Pierre-Auguste Renoir und August Macke die Stille beschrieben, in die sich Frauen beim Lesen zurückziehen. In den Bildern von Edward Hopper aber lassen Frauen, die sich in leeren Zimmern mit einem Buch aus der Welt verabschiedet haben, etwas von den Kommunikationsschwierigkeiten der Moderne erahnen.

Nimmt man schließlich noch das Sujet der brieflesenden Frau dazu - Vermeer hat die schönsten Beispiele geliefert -, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass Lesen wie Stricken und Wäschewaschen eine Tätigkeit ist, die ausschließlich von Frauen ausgeübt wird.

Männer jedenfalls wollen beim Lesen nicht beobachtet werden. Die wenigen Herren, die überhaupt jemals mit einem Schriftzeugnis porträtiert worden sind, waren Landesfürsten mit Urkunden, Feldherren mit Schlachtplänen oder Schriftsteller mit eigenen Werken. Keiner von ihnen liest. Die paar Männer aber, die irgendwann in Cafés beim Lesen erwischt wurden, haben stets eine Zeitung in der Hand, nie ein Buch oder einen Brief.

Umso überraschender die Ausnahme: Der deutsche Maler Georg Friedrich Kersting, der das erfüllte Dasein von Menschen in Räumen darstellen konnte, etwa im Porträt Caspar David Friedrichs, hat mit seinem "Lesenden bei Lampenlicht" eindrucksvoll etwas von der Magie vermittelt, die Bücher auch auf Männer auszuüben vermögen.