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Spurensuche:Brückenstürze

Quelle: http://digital.nls.uk/74585164

Blick auf die Eisenbahnbrücke Firth of Tay unmittelbar nach dem Einsturz.

(Foto: National Library of Scotland)

Wir suchen nach wiederkehrenden Motiven in der Kunst. Von einem Vorläufer des Brückeneinsturzes von Genua erzählt Fontane.

Die Welt verändert sich, nicht aber die großen Fragen bleiben.Wir suchen in Kunstwerkennach wiederkehrenden Motiven.Von einem Vorläufer des Brückeneinsturzes von Genua erzählt Theodor Fontane.

Zu Unrecht steht die Ballade im Ruf, der Vergangenheit zugewandt zu sein. Am 28. Dezember 1879, nach Einbruch der Dunkelheit, brach gegen 19.17 Uhr der Mittelteil der über dreitausend Meter langen Eisenbahnbrücke über den Firth of Tay unter einem aus Edinburgh kommenden Schnellzug zusammen. In ganz Europa berichtete die Presse. Schon am 10. Januar erschien in der Berliner Wochenzeitung Die Gegenwart Theodor Fontanes Ballade "Die Brück' am Tay".

Ein Sturm mit Windgeschwindigkeiten zwischen 10 und 11 hatte zur Katastrophe beigetragen, ihr Schauplatz war Schottland, und so ließ Fontane zu Beginn und am Ende die Hexen aus Shakespeares "Macbeth" auftreten, die "in thunder, lightning or in rain" in ihrem Element sind: "Ich komme vom Norden her." / "Und ich von Süden." / "Und ich vom Meer." // "Hei, das gibt einen Ringelreihn, / Und die Brücke muß in den Grund hinein." / "Und der Zug, der in die Brücke tritt / Um die siebente Stund'?" "Ei, der muß mit."

Der Unfall beerbte im 19. Jahrhundert das mythische Unglück, das in älteren Balladen über die Figuren hereinbrach. Generationen von Schulkindern haben Fontanes Ballade auswendig gelernt, auch den berühmten Refrain ihres Hexengesangs: "Tand, Tand / Ist das Gebilde von Menschenhand." Er setzt ein Kernmotiv der Fortschrittsskepsis ins Bild, die Deutung des Unfalls als Quittung für die Hybris moderner Technik.

Aus den Zeitungsberichten wusste Fontane, dass die Katastrophe, bei der 72 Passagiere und drei Bahnbedienstete starben, von Augenzeugen auf der Nordseite beobachtet worden war. Er setzte den Brückenwärter und seine Frau an die Nordseite der Brücke, ihren Sohn in den Zug, der sich von Süden annähert. Die Eltern blicken angstvoll in die Sturmnacht, der Sohn verkörpert die Selbstgewissheit der Ingenieurskunst: "Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf, / Die bleiben Sieger in solchem Kampf, / Und wie's auch rast und ringt und rennt, / Wir kriegen es unter: das Element." Gegen diesen Stolz der Technik behalten die Hexen das letzte Wort.

Aber nur in der Ballade. Der Untersuchungsbericht fügte der mythologischen Deutung des Unfalls seine prosaischen Ursachen hinzu. Zu Konstruktionsfehlern und Mängeln in der Bauausführung der erst eineinhalb Jahre zuvor fertiggestellten Brücke traten die Fehler der Verantwortlichen in der North British Railway. Sie hatten technische Vorzeichen des Unfalls ignoriert. Lothar Müller