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"Spielart"-Festival:Wut auf Tournee

Entrüstungssuada: Das Stück "Le socle des vertiges" von Dieudonné Niangouna fordert den Zuschauer.

(Foto: Armel Louzala)

Das Münchner Festival entrüstet sich über den Kolonialismus - mal wütend und enervierend, mal leise und trauernd. Eine große, kaum zu beruhigende, maßlose Empörung verschafft sich hier Luft.

Laute Wut: Sechs schwarze Menschen aus der Republik Kongo stehen auf der Bühne der Muffathalle in München und überschütten das Publikum mit Wortkaskaden, die kaum enden und mit einem aggressiven Duktus auf die Zuschauer zurollen. Im Moment sind sie kaum zu verstehen, kaum zu entschlüsseln. Man spürt nur eines: Eine große, kaum zu beruhigende, maßlose Empörung verschafft sich hier Luft. Stille Wut: Nebenan, in einem Studio der Muffathalle, zeigt Akira Takayama seine Videoinstallation "Happy Island", inspiriert von einer sehr frühen Bibelillustration des "Messianischen Gastmahls der Gerechten am letzten Tag".

Ja, auch Takayama lädt zu einem Gastmahl, aber diese Speise lebt noch, und ihr Verzehr wäre garantiert tödlich: Sie besteht aus 330 Kühen auf einer Farm, 14 Kilometer vom zerstörten Kernkraftwerk Fukushima entfernt. Die Kühe, die man auf den Videobildschirmen sieht, sind nichts anderes als lebender, atomarer Sondermüll.

"Spielart", das Festival der freien Theaterformen, zeigt in diesem Jahr vor allem Positionen außereuropäischen Theaters. Seit der Gründung des alle zwei Jahre stattfinden Festivals im Jahr 1995 sammelt dessen Leiter Tilmann Broszat die unterschiedlichsten ästhetischen Formationen, um sie, locker verknüpft in weiten thematischen Bögen, in München zu präsentieren.

Viele der Künstler, die er über die Jahre hinweg hier vorstellte, arbeiten inzwischen an deutschsprachigen Stadt- und Staatstheatern. Dahin dürfte es für viele der in diesem Jahr auftretenden Gruppen und Künstler dann aber doch noch ein weiter Weg sein.

In den kommenden zwei Wochen kann man in München den diesjährigen Schwerpunkt des Festivals kennenlernen: das Theater aus Lateinamerika, Afrika, Asien und dem Nahen Osten, begleitet von einer Kuratorentagung, die unter anderem der Frage nach dem eurozentristischen Blick nachgeht. Kann man den überwinden, muss man den überwinden? Welche Länder kuratieren und welche werden kuratiert? Ist das Postkolonialismus?

Manchmal muss man zum Verständnis in der Erde wühlen. Wörtlich. Die Syrerin Tania El Khoury vergräbt zehn Lebensgeschichten in der Erde, Geschichten von Toten, von Aktivisten, die im Bürgerkrieg umkamen.

Einst beobachtete sie, wie eine Mutter im Garten ihres Hauses ein Grab für den toten Sohn aushob. Nun schafft sie zehn Gräber, legt jeweils einen Lautsprecher hinein, aus dem die Lebensgeschichte heraus klingt, wenn man das Ohr nah an die Erde legt. Die Toten sprechen von ihrer Sehnsucht nach einem westlichen Leben, davon, dass es vollkommen egal ist, wer sie drangsaliert und letztlich tötet, IS oder Assad. "Gardens Speak" ist auch eine Anklage an Europa, das für alle, die nun tot sind, als Zuflucht versagt hat.

Die Gewalt in Afrika hat ihren Ursprung in den Jahrzehnten der Fremdbestimmung

Takayamas 330 Kühe werden begleitet von Bach. Eine Grundschülerin aus Fukushima spielt "Schafe können sicher weiden" in einem Video, spielt mit einer emsigen Sturheit, die einerseits jungen Klavierschülern innewohnt, andererseits aber auch wie das trotzige Behaupten von Kultur, von Zivilisation, von einem normalen schönen Leben wirkt. Daneben führt der Bauer Masami Yoshizawa eines seiner Tiere durch eine verlassene Stadt. Man sieht Erdbeben-Schäden, aber eigentlich wirkt alles erschreckend normal, nur eben völlig menschenleer. Man wartet darauf, dass jemand um die Ecke kommt, etwa aus einem Einkaufszentrum tritt. Aber hier ist ja niemand, hier kann ja niemand mehr leben.

Takayamas Installation ist ein stiller Schock, El Khourys Arbeit eine intime, semiöffentliche Trauer. Die meistdiskutierte Aufführung der "Spielart"-Eröffnung aber ist "Le socle des vertiges" von Dieudonné Niangouna. Niangouna wurde geboren in Brazzaville in der Republic Kongo - das ist der "kleine" Kongo, westlich vom großen gelegen, der zwischenzeitlich Zaire hieß und belgische Kolonie war. Die Republic Kongo war eine französische Kolonie, wurde 1960 unabhängig, 1969 zu einer sozialistischen Diktatur und versank zwischen 1997 und 2003 in einem Bürgerkrieg. Während des Krieges gründete Niangouna, der Schauspiel in Brazzaville studiert hatte und von seinem Vater, einem Dozenten an der Sorbonne und Pendler zwischen Paris und der Heimat, mit europäischer Bildung erzogen wurde, seine erste Theatertruppe.

Vielleicht ist dies der Grund, weshalb seine Wut-Produktion in französischer Sprache stattfindet. Französisch ist Amtssprache im Kongo, ist aber auch die oktroyierte Sprache des Kolonialismus - daneben existieren auch zwei weitverbreitete indigene Verkehrssprachen. Vielleicht will Niangouna aber einfach nur mit seiner Produktion auf Tournee gehen. Und das geht auf Französisch leichter.

Die Aufführung selbst ist kaum zu dechiffrieren, zu überbordend, auseinanderklaffend. Die sechs Akteure erzählen eine grausame Geschichte von zwei Brüdern, die unterschiedlich aufwachsen und in ihren Lebensläufen die Zerstörung einer normalen Welt widerspiegeln. Dazu kommen viele kleine, farbige, fabulierende Geschichten aus der oral history des Landes - insgesamt ein Sprachduktus, der an Jean Genet erinnert. Die unendlichen Suaden, die den Zuhörern entgegengeschleudert werden, sind schon in sich, in ihrer sprachlichen Struktur, Ausdruck des Dilemmas der eigenen Identität; sie sind französisch kulturiert und afrikanisch gefärbt. Dazu, Einsprengsel eines wilden Afrika, sieht man Videos vom Schlachten verschiedener Tiere, eine Kuh wird geschächtet - Afrika, der ausblutende Kontinent, der wegen seines Öls ausgebeutet wird, ohne dass die Einwohner etwas vom Reichtum ihres Landes haben, der seine Sprache verloren hat, dessen Bewohner vor allem Krieg und Gewalt kennen, eine Gewalt, die ihren Ursprung in den Jahrzehnten der Fremdbestimmung hat.

So geht es ohne Pause, mit seltsamen Bühnenaktionen und schrillem Afro-Funk, bis man vollkommen genervt ist, was Niangouna ja auch erreichen will, auch mit seinem Testosteron-geschwängerten Gerede. Der Kerl ist unverschämt, zu Recht, subtil ist er gewiss nicht, und eine Hoffnung für den Kongo will und kann er schon gleich gar nicht vermitteln. Nun tourt seine Wut weiter.

© SZ vom 26.10.2015

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