Spanische Literatur Francos Chauffeur

Ibiza von innen: In seinem schmalen, reichen Roman "Übergänge" erzählt Vicente Valero, der 1963 auf Ibiza geboren wurde, von einer Jugend an der Schnittstelle zwischen Diktatur und Demokratie.

Von Ralph Hammerthaler

Jedes Jahr im Sommer trifft ein U-Boot der amerikanischen Marine im Hafen von Ibiza ein, und auch dieses Jahr dürfen es Einheimische besichtigen, leutselig an Bord gelotst von Offizieren und Matrosen. Vier Jungs im Alter von zwölf Jahren staunen über die beklemmende Enge, die schmalen Pritschen, die unzähligen Metallrohre. Ignacio und der Ich-Erzähler Vicente stecken, wann immer die beiden Soldaten, der eine weiß, der andere schwarz, nicht herschauen, Bleistifte, Zigaretten, Feuerzeuge ein - und dann auch eine Mütze, die nicht ganz ins Ignacios Hosentasche passt.

Dadurch fliegen sie auf, die Soldaten sind sauer und wollen sie nicht gehen lassen. Weil sie aber vorhin dauernd nach den großen Schwestern gefragt haben, kommt Ignacio der rettende Einfall, sie müssten jetzt los, um die Schwestern zu holen. Als Lockmittel zieht Vicente ein Foto der jungen Amelia hervor, wie sie sich im Badeanzug sonnt auf einem Felsen. Da grinsen die Soldaten unanständig, "und der schwarze Matrose leckte es sogar auf widerliche Weise mit seiner langen roten Zunge ab". Dieses Foto sieht Vicente nie wieder.

Vicente Valero braucht nicht mehr als achtzig Seiten, um einen sprachlich, gedanklich und vom Aufbau her großartigen Roman vorzulegen, er heißt "Übergänge". Dabei wirkt der Anfang nicht einmal originell: Am Tag der Beerdigung von Ignacio, der 33-jährig an Drogen gestorben ist, treffen die übrigen drei Kindheitsfreunde wieder zusammen. Dieser Tag erzählt von der Trauerfeier in der Kirche, vom Begräbnis, vom Whiskytrinken im Café und dem anschließenden Besuch in einer Toplessbar - und setzt so den Rahmen für Abschweifungen in die Vergangenheit, ohne große Instrumente, mitten im Absatz sind die Siebziger wieder da, in dichten, atemberaubenden Episoden. In der Kirche erspäht Vicente die trauernde Mutter und die drei Schwestern, auch die jüngste, Amelia. Sie sieht immer noch fabelhaft gut aus, mit ihrer blonden Mähne, ihrem federleichten Körper und ihrem "sozusagen vollkommenen" Hintern. Für seine unangebrachten Gedanken schämt sich Vicente ein bisschen, aber nicht länger als nötig.

Prosa dagegen helfe ihm, seine Erinnerungen zu entpoetisieren

Vicente Valero wurde 1963 auf Ibiza geboren. Nach einer längeren Zeit in Barcelona lebt er heute wieder auf der Insel, weil er, wie er sagt, dort die Ruhe hat, um zu schreiben. In Spanien ist er als Lyriker bekannt geworden. Im Augenblick aber scheint er unschlüssig zu sein, ob er die Lyrik ganz aufgeben will oder nur vorübergehend. Jedenfalls hat er sich der Prosa zugewandt. Auf Deutsch ist ein Buch über Walter Benjamin und seinen Aufenthalt auf Ibiza in den Jahren 1932 und 1933 erschienen, "Der Erzähler". Und vor anderthalb Jahren kam der Roman "Die Fremden" heraus, in dem er vier schillernden Verwandten nachspürt, die die Insel verlassen haben. Schon dieser Roman überzeugte durch seine Stilsicherheit, die langen, rhythmischen Sätze mit ihren schweifenden Gedanken, die Unlust, Punkte zu setzen oder gar einen Absatz zu riskieren. Auch das alte Casino in Ibiza, wo Väter und Großväter ihre Nachmittage verbringen, kommt da bereits vor. Kaum um fünf aus der Schule, rennen die Kinder hin und stellen bei ihren Vätern die Schultaschen ab. Es gibt Küsse und etwas Kleingeld.

In einem Interview mit El Cultural spricht Valero von den Gefahren der lyrischen Gattung, vor allem der, dass sie ins Elegische abgleitet. Prosa dagegen helfe ihm, seine Erinnerungen zu "entpoetisieren". Nichts Nostalgisches, nichts Melancholisches und schon gar nichts Sentimentales. Tatsächlich trifft das auf seinen Roman "Übergänge" zu. Er lebt von der genauen, nie wertenden Beobachtung.

1975 stirbt Franco. Im Casino, wo der erste Farbfernseher auf der Insel steht, sitzen die Einheimischen und verfolgen die Trauerzeremonie. Don Alfonso - Vicente wird ihn beim Begräbnis von Ignacio wiedersehen, überrascht, dass er noch lebt - steht plötzlich auf und schleudert seinen Stuhl gegen den Bildschirm, "verfluchter Franco!". Das ist nur halbwegs politisch gemeint. Denn Alfonso diente Franco bei dessen Besuchen auf der Insel als Chauffeur, in den Jahren 1933 und 1957. Jedes Mal hat sich Franco mit einem Brief bedankt. Den ersten ließ Alfonso rahmen und in seinem damaligen Hotel an die Wand hängen. Als im Bürgerkrieg ein republikanisches Expeditionskorps versuchte, die abtrünnige Insel zurückzuerobern, und im Hotel ihr Hauptquartier aufschlug, wurde der Brief entdeckt und Alfonso zum Feind der Republik erklärt. (Den zweiten Brief verbrannte er dann lieber, kaum dass er ihn erhalten hatte.)

Houellebecq hält Franco für den Erfinder des Massentourismus

Alles Zeithistorische spielt in diesem kurzen Roman nur beiläufig, ganz unaufdringlich herein. Und wird unweigerlich vom Sog der Sprache, auch in der kongenial soghaften Übersetzung von Peter Kultzen, erfasst. Einzig dass zweimal ein Name verwechselt wird, auf den Seiten 15 und 42, wirkt überraschend g'schlampert, weil das Buch sonst so gewissenhaft lektoriert ist und noch dazu, wie bei Berenberg üblich, bestechend gut aussieht. Im Original heißt es "Las Transiciones", Übergänge in jeder Hinsicht, die Pubertät ist nur einer davon. Bekanntlich steht der Singular La Transición speziell für den Übergang Spaniens von der Franco-Diktatur in die Demokratie.

Valero zufolge hat diese Phase die Inseln bereits zehn Jahre früher erreicht als das Festland, durch den aufblühenden Tourismus, die Begegnung mit der Welt. Und Diktator Franco war, genau betrachtet, nicht ganz unschuldig daran. Michel Houellebecq hält ihn, wie er in seinem neuen Roman "Serotonin" behauptet, sogar für den "Erfinder des Wohlfühltourismus auf Weltniveau" - oder wenigstens des Massentourismus. So gelangen aufregende Pornos auf die Insel, von Ignacio entdeckt im Arbeitszimmer seines verstorbenen Vaters; die Jungs verhökern sie Seite für Seite unter ihren Mitschülern.

Älter geworden, kleben die vier Kindheitsfreunde Wahlplakate an die Hausmauern, um ihr Taschengeld aufzubessern. Für wen sie losziehen, ist fast egal, weil die neuen Parteien allesamt im Casino gegründet worden sind, beim Politisieren an der Theke, man kennt und schätzt einander. "Irgendwelche festen Überzeugungen", schreibt Valero, "hatte ich damals, soweit ich mich erinnere, schließlich nicht, das ist bis heute so."

Mit der schönen Amelia ist Vicente als 16-jähriger dann nur zwei, drei Wochen zusammen. Aber sie verschwindet nie aus seinem Horizont und so auch nicht aus diesem Roman, selbst wenn sie bei der Trauerfeier ihre Löwenmähne an den Hals eines anderen Mannes schmiegt. Sie ist schwer zu fassen. Früher, beim Baden im Meer, setzten die Jungs alles daran, "um sie im Wasser zu betatschen, wie entschlüpfte sie uns, wenn wir gerade die Arme um sie schließen wollten, als wäre sie einer der silbrig glänzenden Fische, die sich stets in der Nähe des Ufers aufhielten und die wir ungeschickt mit bloßen Händen zu fangen versuchten".

Vicente Valero: Übergänge. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Berenberg Verlag, Berlin 2019. 88 Seiten, 22 Euro.