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Soul:Und den Menschen ein Wohlgefallen

Die Sehnsucht nach Authentizität und Unmittelbarkeit beschert der Soul-Musik einen dritten Frühling.

"Wann wird der Krieg enden? Der Krieg in meiner Seele?" Eine Frage, die Marvin Gaye inspirierte, sein großartiges 1971er Album "What's Going On" aufzunehmen. Damals waren es Vietnam, die Straßenkämpfe der Black Panther, das Scheitern der Bürgerrechtsbewegung, die mit der inneren Zerrissenheit des Sängers korrespondierten. Dreißig Jahre später steht die Antwort immer noch aus. Wenn ein HipHop-Star wie Kanye West heute aber beinahe wortwörtlich dieselben Zeilen vorträgt wie einst Marvin Gaye, dann, so werden Zyniker behaupten, habe sich die Welt nicht gebessert - haben Tausende von "Love, Peace and Understanding"-Predigten nichts an der Natur des Menschen ändern können.

Joss Stone

"Joss Stone hat einfach schon ein paar Leben hinter sich." In diesem ist sie 16.

(Foto: Foto: AP)

Was aber sagt das über Soul aus? Barg diese Musik nicht schon immer eine tragische Note? Hatte sie nicht die Kommunion der Liebenden und Verzweifelten, das Zusammenfallen von Innen und Außen zum Thema?

Blonder Versuch

Zweifellos glaubte Marvin Gayes Publikum an die Heilkraft seiner Musik. Ebenso zweifellos lässt sich feststellen: Soul-Qualitäten sind heute stärker gefragt denn je. In einer Zeit, in der die Album-Klassiker von Marvin Gaye, Curtis Mayfield oder Leon Ware in Luxus-Editionen mitsamt den Outtakes und alternativen Mixen auf den Markt geworfen werden, Wiederveröffentlichungen die Plattenfächer schneller füllen als der aktuelle Gesamtausstoß der R&B-Industrie, bleibt es der Traum eines jeden Talent-Scouts, die Erfolgsästhetik von gestern mit dem Nachwuchs von heute einzulösen.

Einer dieser Versuche heißt Joss Stone. Engländerin,16 Jahre alt, niedlich, blond - aber eine Stimme, als hätte sie dreißig Jahre Kette geraucht, als sei sie durch drei Scheidungen und jede nur erdenkliche Ehehölle gegangen. Wenn Soul die Geschichte eines universellen Sounds erzählt, der einst aus der afroamerikanischen Kirche und dem Traum von Freiheit und Gleichheit entstand, dann liefert das Mädchen aus Devonshire mit seinem Debütalbum "The Soul Sessions" den Beweis dafür, wie weit sich die ursprünglichen Koordinaten verschoben haben.

Wem gehört Soul?

Kann man Soul ohne seine Geschichte verstehen? Die Inkongruenz von Erscheinung und vokaler Ausdruckskraft reizte viele Kritiker: Einige afroamerikanische Medien hatten gar laut räsoniert, dass wohl in jedem zweiten Gospelchor Amerikas eine Stimme wie Joss Stones anzutreffen sein - nur eben keine mit weißem Elfengesicht und blonden, langen Haaren.

Wem aber gehört Soul? "Joss Stone hat einfach schon ein paar Leben hinter sich." Sagt Lamont Dozier, einstiger Hit-Autor von Motown. Gerade wurde er von Stones Management als Songwriter für deren nächstes Album angeheuert. "Ich habe in meinen Songs stets die verschiedensten Elemente von Jazz, Country über italienische Oper bis zu russischer Folklore kombiniert. Die Sprache der Seele kennt keine Unterschiede."

Kümmern wir uns also nicht weiter um Alter und Hautfarbe. Sondern fragen wir lieber, wie eine Sammlung von Coverversionen, eingespielt in nur zehn Tagen und begleitet von einem Häuflein Soulveteranen aus den 70er Jahren so schnell zum internationalen Bestseller aufsteigen konnte - fast ohne Radioeinsätze, mit wenig mehr als Mundpropaganda.