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Sorj Chalandons Roman "Wilde Freude":Die Rasselbande

Eigene Erfahrungen mit der Diagnose: der Journalist und Schriftsteller Sorj Chalandon.

(Foto: JOEL SAGET/AFP)

Sorj Chalandon erzählt von vier Frauen und ihrem Kampf gegen den Krebs.

Von Joseph Hanimann

Brigitte, Assia, Mélody und Jeanne heißen die vier Insassen in dem schlecht geparkten Auto vor einer Luxusschmuckladen am Pariser Platz Vendôme. Drei von ihnen verbergen ihren kahlen Schädel unter einer Kunsthaarperücke. "Wie ist denn dein Name?" hatte im Warteraum beim ersten Chemo-Termin die leutselige Brigitte ihre Nachbarin gefragt und zur Antwort ein scheues "Jeanne, Pardon" bekommen. Jeanne Pardon, das klingt putzig und ist seither für alle ihr Name geworden. Sie entschuldigt sich ja tatsächlich für alles. Dafür, dass sie früh ihr einziges Kind verloren hat, dass es auch mit ihrem Mann nicht mehr recht läuft und dass sie nun Krebs hat. Sie ist die erzählende Hauptfigur dieses Romans.

Die Rasselbande um Brigitte, mit der die schüchterne Jeanne sich allmählich anfreundet, verhilft ihr zu ersten Akten der Auflehnung. Das beginnt auf dem Friseurstuhl. Die Dinge sollen nicht mehr einfach immer nur passiv hingenommen werden. Ihren verbleibenden Haaren will Jeanne mit der Schere "ein Schnippchen schlagen", wie Brigitte das nennt.

So sitzt sie vor dem mit einem Rollvorhang verhüllten Spiegel im Friseursalon, während die letzten Locken vor ihr auf den Boden fallen. Die drei Komplizinnen auf den Wartesitzen reden ermunternd auf sie ein. Und in der heiteren Runde nimmt das Trotzen gegen das Unabwendbare dann spaßend, spöttelnd, manchmal keifend immer wildere Züge an.

Von einem Anspruch auf besondere Empfindlichkeit wollen sie nichts wissen

Der achtundsechzigjährige Autor Chalandon, der bei seiner Frau und bei sich selber die Erfahrung einer Krebsdiagnose gemacht hat, schildert mit routiniertem Blick alle Details von Klinikatmosphäre, medizinischen Handgriffen, aufdringlichem Mitgefühl auf der Straße, plötzlichen Schweißausbrüchen, innerer Panik und erfrischendem Galgenhumor. Er ist auch erfahren genug, Anflüge von Pathos, billigem Trost oder hysterischer Trotzeuphorie zu vermeiden.

Jeannes plötzliche Vision im Haschrausch beim Anblick ihrer Komplizinnen, barfuß im Pyjama mit ihren kahlen Schädeln - "Ghetto, Lager" - wird von Brigitte sofort abgeblockt: "Bitte nicht das jetzt". Und auch wenn Jeanne plötzlich ein Foto hervorzieht von einer Frau mit aufgerissener Bluse, einem Hakenkreuz auf der Stirn und Haarbüscheln am Boden, umringt von Männern mit Schere, und mit der Inschrift auf der Rückseite "Deutschflittchen, 3. September 1944, Place Bellecour in Lyon", ist das nur Anlass zu einem kurzen, heftigen Streit. Von Jeannes Anspruch auf besondere Empfindlichkeit gegenüber nackter Kopfhaut, weil der Mann mit der Schere auf dem Foto ihr Großvater war, wollen die Anderen nichts wissen.

Ausgerechnet die Kranken schonen die Gesunde mit einer Lüge

Chalandon versteht es, Figuren zu zeichnen und Situationen zu schildern. Doch ging ihm das Thema dieses Buchs zu nahe, als dass sein journalistischer Weitwinkelblick diesmal hätte zum Zug kommen können? Alle Anläufe, die Einigelung in die durch den eigenen Körper sich fressende Krankheit zu durchbrechen und durch Nebenhandlungen so etwas wie Welt drum herum zu schaffen, bleiben stecken. Mit dem Raubzug der vier Frauen im gestohlenen Auto zur Pariser Bijouterie kommt zwar etwas Fahrt in den eintönigen Patientinnenalltag. Der Roman knickt da aber in eine ganz andere Story ab.

Sorj Chalandon: Wilde Freude. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Grosse. dtv Verlagsgesellschaft, München, 2020. 285 Seiten. 22 Euro.

© SZ/fxs
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