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Sorgen um die Art Basel:Ballast

Moderne Architekturfassade bestehend aus 14 000 verschiedenen Aluminiumlamellen Messezentrum Messe

Blick in den Äther aus der teuren Messehalle, die Herzog & de Meuron 2013 gebaut haben. Heute wären die Messechefs froh, sie könnten sie verkaufen.

(Foto: imago/imagebroker)

Die Art Basel galt bisher als konkurrenzlos unter den Zeitgenossen-Messen. Nun ist sie ins Trudeln geraten. Kaum begann das Management, gegenzusteuern, kam die Corona-Krise.

AIDS. Vier braune Buchstaben auf grünem und gelbem Grund, spiegelbildlich auf einer Leinwand angeordnet wie die zwei Seiten eines Rohrschachtests. "Great Aids" - das Werk des Künstlerkollektivs General Idea ruft eine Epidemie auf, die 30 Jahre zurück liegt.

Eigentlich hatte die Berliner Galerie Esther Schipper die Arbeit für einen Preis von 50 000 Euro aufwärts auf der Art Basel Hongkong verkaufen wollen, die in diesen Tagen hätte stattfinden sollen. Jetzt kann man sie wenigstens im Netz bewundern.

Ein "Online-Viewing-Room" soll die schon vor einigen Wochen wegen Corona abgesagte Messe nun ersetzen. Über 2000 Kunstwerke von 233 internationalen Galerien sind auf dem virtuellen Marktplatz zu sehen. Wer eine der virtuellen Kojen betritt, wird eingeladen, auf einer leeren Bank Platz zu nehmen und kann sich von dort zu den gezeigten Werken klicken.

Die Online-Schau soll nicht nur helfen, wenigstens einen Teil der Umsätze zu retten, sie soll auch die Präsenz der ins Wackeln geratenen Art Basel demonstrieren: Was nicht live gezeigt werden kann, soll das Publikum wenigstens im Netz sehen können.

Ob die bislang gemeldeten Verkäufe einiger Blue-Chip-Galerien wie Zwirner und Gagosian die Hongkonger Geschäfte ersetzen können, bleibt abzuwarten. Jedenfalls ist es ein zweifelhafter Genuss, Werke der Schweizer Malerin Miriam Cahn oder die Abfallskulpturen der Hongkonger Bildhauerin Leelee Chan in gekrümmter Haltung vor dem Bildschirm zu goutieren statt mit Champagnerglas und charmanter Begleitung daran entlang zu flanieren.

Die wichtigere Frage aber ist, ob diese "aufregende neue Plattform", wie die Messe ihr virtuelles Surrogat nennt, die schleichende Auszehrung der Mutter aller Kunstmessen aufhalten kann, die sich nicht erst seit gestern abzeichnet. Und die hat nicht nur mit dem vermaledeiten Virus zu tun, der Menschenleben genauso dahinrafft wie - via Börsencrash - märchenhafte Sammlervermögen.

Begonnen hatte alles im Sommer 2018. Es war ein Donnerschlag, als sich 200 Uhrenhersteller, allen voran die Firma Swatch von der Luxusmesse Baselworld zurückzog. Kunstfreunden dürfte der Name damals kaum etwas gesagt haben. Dabei war diese Messe, nicht etwa die Art Basel, das wichtigste Standbein der Schweizer Messegesellschaft MCH Group, die 2010 aus der Fusion der Messen in Zürich und Basel entstanden war.

In der Folge musste MCH-CEO René Kamm zurücktreten, der dem Unternehmen 20 Jahre lang vorgestanden und die Baselworld gegründet hatte. Herumreißen konnte Kamms Nachfolger Bernd Stadlwieser das Ruder aber auch nicht. Kurze Zeit später strich der frühere Chef des Uhrenherstellers Mondiane drei weitere beliebte Publikumsmessen.

Aber auch das half nicht, aus den roten Zahlen zu kommen, die die Messe schon seit 2017 schrieb. Im Frühjahr 2019 musste Stadlwieser 35 der rund 900 Mitarbeiter entlassen. Seit dem Ausbruch der Corona-Krise hat die MCH Kurzarbeit angemeldet. Der Betrieb ist faktisch zum Erliegen gekommen.

Der Uhrenmesse Baselword geht es nicht gut, und das gefährdet auch die Art Basel

Die diesjährige Baselworld, die ab Ende April stattfinden sollte, wurde schon im Februar auf Anfang 2021 verschoben. Es ist aber auch kaum vorstellbar, dass sich Anfang Juni wieder Hunderttausende zur Art Basel treffen können. Ein existenzielles Dilemma also für die MCH. Doch noch will sie sich nicht festlegen. "Zum jetzigen Zeitpunkt hoffen wir, die Messe wie geplant im Juni abzuhalten und prüfen die Möglichkeit, die Messe auf den Herbst zu verschieben, falls dies erforderlich werden sollte", formulierte die Sprecherin der Art Basel am Mittwoch vorsichtig.

Zwar wird jeder einsehen, dass dieser Schritt wohl unausweichlich sein wird. Trotzdem wäre selbst eine Verschiebung - so kurz nach der Absage in Hongkong - ein symbolischer Schock. Schließlich ist die Art Basel, nach der Biennale in Venedig, eine Art Olymp der Kunstwelt. Womöglich wäre die Absage aber auch eine überfällige Reaktion auf eine tiefere Krise des Kunstmessen-Betriebs.

2017 kaufte sich die MCH bei Regionalmessen ein, 2018 verwarf man den Plan wieder

Anzeichen dafür gibt es seit längerem. 2017 posaunte die Messe ihre neue Strategie in die Welt, mit dem Zukauf eines Portfolios regionaler Kunstmessen von London über Düsseldorf bis Neu Delhi einerseits den internationalen Kunstmarkt langfristig zu stabilisieren und andererseits sich zu dessen beherrschendem Player aufzubauen. Doch schon im Herbst 2018 gab sie den Plan Hals über Kopf wieder auf.

Der Notfall Corona wäre ein willkommener Anlass, die "tiefgreifende Transformation", die sich die MCH nach dem Baselworld-Desaster auf die Fahnen geschrieben hatte, weiterzutreiben. Und die Digitalisierung und Nomadisierung in Angriff zu nehmen, die MCH-Chef Stadlwieser sich für den Konzern vorgenommen hatte.

Auffällig ist schon, dass der "Curiator" bislang von dem großflächigen Gesundschrumpfen der MCH-Kunstsparte ausgenommen geblieben ist. Dieses Online-Tool hatte die Gruppe 2016 von den US-Software-Ingenieuren Tobias Boonstoppel und Moenen Erbuer gekauft. Der Name des Start-ups ist Programm. Auf "der "größten kollaborativen Art Collection der Welt" können sich Kunstfreunde und Sammler eine virtuelle Kunst-Kollektion zusammenstellen. Auf dieser Website ist, frei nach Joseph Beuys, jeder Mensch sein eigener Kurator.

Noch wichtiger ist ein anderer Umstand: Stadlwieser hatte 2019 vorgerechnet, dass die Hallen der Messen durchschnittlich nur zu 25 Prozent genutzt sind. Es stelle sich also die Frage, ob die MCH überhaupt noch eigene Hallen benötige. Andere internationale Messefirmen besäßen überhaupt keine Hallen mehr. Weniger Ballast bedeute weniger Fixkosten und mehr Flexibilität. Dem Manager schwebten Roadshows vor, wo Werbeinhalte "von Ort zu Ort wandern."

Auch die moderne Basler Messehalle, erbaut von Herzog & de Meuron, würde der MCH-Chef am liebsten loswerden. Der 430 Millionen teure Prunkbau war 2013 eröffnet worden. Spötter nannten den Bau angesichts des schrumpfenden Messegeschäfts "die teuerste Lagerhalle der Welt".

Stadlwieser schwärmte stattdessen von Live-Marketing-Lösungen. Schließlich nennt sich die MCH Group bereits "Das einzigartige Live-Marketing Netzwerk". Sogenannte Business-to-Business-Messen, die auf den Fachhandel fokussiert sind, will Stadlwieser ergänzen mit originellen und neuen Marketingaktionen. "Warum nicht zusammen mit Netflix Interessierte zu einer "Bird Box Challenge" in Doppeldeckerbussen einladen?", fragte er. Dabei werden Interessierten wie im Film die Augen verbunden.

Auf die Art Basel wäre dieses Prinzip natürlich nur begrenzt anwendbar. Es zeigt aber eine mögliche Entwicklungs-Richtung für das Messewesen insgesamt an. Die "Preview" getaufte Verlegung einer Messe ins Internet wäre dann eine Art Vorschau auf die goldene Messezukunft à la Stadlwieser: Kunstmesse goes digital. Sollte der Test erfolgreich sein, könnte die MCH trotzdem immer noch dort vor Ort temporär einen Art-Pop-Up-Store dort öffnen, wo alte und neue Käuferschichten es lohnend erscheinen lassen: Ob nun in Basel, Frankfurt, Miami oder in Singapur.

© SZ vom 21.03.2020
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