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Serie: Was ist deutsch?:Gut vernetzt

Wenn man in die Flüchtlingsheime geht oder sich an die Konzentrationspunkte der Fluchtrouten begibt, um sie mit Internet-Anbindung und Strom für die Mobiltelefone zu versorgen, fällt eines auf: Ein Großteil der Flüchtlinge ist gut vernetzt.

Wie praktisch alle Fluchtbewegungen in der Geschichte ist auch diese stark von Gerüchten getrieben. Der Unterschied ist nur, dass sich jetzt die Informationssplitter über die unübersichtliche Lage mit der Geschwindigkeit des Internets verbreiten. Die fliehenden Menschen ändern ihre Reiseziele, ihr Verhalten, ihre Pläne ebenso schnell.

Die großen Gruppen beweglicher Demonstranten, die zu Beginn des Arabischen Frühlings schneller auftauchten, als die Polizei reagieren konnte, versammeln sich nun an Grenzübergängen. Familien und Menschen, die sich auf der Flucht treffen, vernetzen sich in Whatsapp-Gruppen. Jedes Fitzelchen Information wird sofort weiterverteilt. Die Menschen versuchen, sich im Nebel der Halbwahrheiten möglichst viele Quellen und Kontakte zu erschließen, um keine - möglicherweise tödlichen - Fehler zu begehen.

Kommunikations- und Informationsfreiheit sind universelle Menschenrechte

Unter den Helfern, die versuchen, auf den Fluchtrouten neben leiblicher Versorgung auch Netzinfrastruktur zu schaffen, sind viele Deutsche. Ihr Motiv ist einfach: Auch Kommunikations- und Informationsfreiheit sind universelle Menschenrechte. Sie engagieren sich mit deutscher Effizienz, um diese zu verwirklichen.

Auf die Frage "Was ist deutsch?" ist eine der populären Antworten der Kanon der deutschen Ingenieurstugenden: pünktlich sein, präzise, gründlich, diszipliniert und nachhaltig arbeiten, Probleme klar benennen, Lösungen finden oder erfinden - zwar manchmal teuer, kompliziert und langwierig, aber am Ende meist erfolgreich.

Dies ist sicherlich kein schlechter Ansatz in einer globalisierten Welt, in der wesentliche Faktoren für die Standortwahl für Hochtechnologie-Produktion Infrastruktur-Zuverlässigkeit, Bildungsniveau und Arbeitsethos sind. Es hilft jedoch nicht bei der schwierigen ethischen Frage, welchen Lösungspfad der deutsche Ingenieursgeist für die Probleme der Flüchtlingsbewegung einschlägt.

Sollen künftig wieder Mauern und Stacheldraht "typisch deutsch" sein?

Werden Menschenrechte und Ethik außer Acht gelassen, ließen sich Hightech-Grenzbefestigungen bauen, gegen die die deutsch-deutsche Mauer wie ein Vorgartenzaun wirkt. Einer der Marktführer ist der EADS-Airbus-Konzern, der gerade die Zaun- und Grabenanlage an der saudisch-irakischen Grenze mit Radars, Kameratürmen, Bewegungssensoren und Lagezentren hochgerüstet hat.

Solche Menschen-Aussperrriegel, bewacht von Drohnen, durch Nordafrikas Küstenregionen oder auch quer durch Mitteleuropa zu legen, darauf sind die modernen Festungsbaumeister des europäischen Gemeinschaftsunternehmens bestens vorbereitet. Es gibt sicher auch genügend deutsche Techniker und Ingenieure, die solche Aufträge ausführen würden.

Doch kein Grenzzaun hält, wenn Gruppen von Tausenden Flüchtlingen auf einmal den konzertierten Durchbruch versuchen. Die eigentliche Funktion der technischen Befestigung eines Strichs auf der Landkarte ist es daher, Fluchtwillige so sehr in ihrer Bewegung zu verlangsamen, dass ausreichend viele Soldaten mit Maschinengewehren und Schießbefehl zum Ort des Grenzdurchbruchsversuchs gelangen können, bevor er Erfolg hat.

Die Frage, die wir als Gesellschaft beantworten müssen, ist deshalb: Wollen wir das wirklich? Sollen künftig wieder Mauern und Stacheldraht mit schwer bewaffneten Grenzsoldaten "typisch deutsch" sein?

Deutschland wird sich verändern, wenn Hunderttausende neu hinzukommen. Aber was ist das - deutsch? Darüber debattieren Deutsche aus Ost und West, Wissenschaft und Praxis in dieser Serie. Heute: der Soziologe Stephan Lessenich.

Serie
Was ist deutsch?

Die Serie "Was ist deutsch?" behandelt Facetten und aktuelle Fragestellungen deutscher Identität. Erschienene Artikel:

Zwischen völkisch-identitärer Nationalideologie und naiv-idealistischer Grenzenlosigkeitsutopie

Wir steuern auf eine Welt zu, in der alles grenzenlos fließen kann, außer den Menschen. Getrieben von Terrorfurcht und dem verständlichen Bedürfnis, den lokalen Wohlstand zu schützen, werden Grenzen nun wieder als Bollwerke in die Landschaft gegraben. Die Menschen auf beiden Seiten der Gräben und Zäune können jedoch besser denn je in der Geschichte miteinander kommunizieren. Und sie tun dies auch.

Die Begründungen und Rechtfertigungen dafür, warum Grenzen zwar nicht mehr für Waren, Geld und Daten gelten, für Menschen aber immer schwerer zu passieren sein sollen, werden den moralischen Kern der zukünftigen Gesellschaften Europas bestimmen. Das Spektrum zwischen völkisch-identitärer Nationalideologie und naiv-idealistischer Grenzenlosigkeitsutopie ist breit.

Wo sich Deutschland verorten wird, welchen Abwägungen und Relativierungen die Menschenrechtsideale unterworfen werden, wird in Zukunft das Bild davon bestimmen, was "deutsch sein" bedeutet. Deutsch im besten Sinne wäre es, Erfindergeist und reichlich Ressourcen auf gute, schnelle Integration statt auf perfekte Abschottung zu verwenden. Mit einem Bruchteil des Geldes, das in die Bankenrettungen versenkt wurde, wären gute Lösungen möglich.

Frank Rieger ist ein Sprecher des Chaos Computer Clubs. Zuletzt erschien von ihm zusammen mit Constanze Kurz das Buch "Arbeitsfrei: Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen" (Riemann Verlag).

© SZ vom 16.12.2015/luc
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