bedeckt München

Scorseses Bob Dylan-Film:Oh, die Fische werden lachen!

Bob Dylan, der einzige, der größte, hat die Marotte perfektioniert, in Interviews auf zutiefst nachdenkliche Art nichts zu sagen. Jedenfalls nichts über sich. Das ist in dem Dokumentarfilm "No Direction Home" von Martin Scorsese kaum anders. Auch hier schreibt Bob Dylan sein Leben und Werk mal wieder völlig um.

Bevor Charlie aufwacht aus seinem Alptraum und sich im Spiegel besieht, erscheint auf der Leinwand eine Schrift, die noch Schrecklicheres androht als der knapp überstandene Alptraum: "Twenty years of schoolin' / And they put you on the day shift".

Im kommenden Jahr wird Bob Dylan zusammen mit Edmund Stoiber 65 und wäre in den alten deutschen Zeiten rentenanspruchsberechtigt.

Übrigens: Der Titel unseres Artikel ist identisch mit einer Zeile aus dem Dylan-Lied: "When the ship comes in".

Das waren - und wer hätte es nicht gewusst? - die berühmten Verse aus Bob Dylans epischem Song "Subterranean Homesick Blues" (1965). Im Staccato des Videos, das 1965 für dieses Lied entstand, wird auch Charlies Lebensgeschichte erzählt: Wie er seine Eltern liebt und katholisch ist und sich vor der Hölle fürchtet wie der Teufel vor dem Weihwasser und doch nichts anderes im Sinn hat als die verbotenen Mädchen und die Drohung im Nacken, dass er sich tatsächlich von Schichtarbeit ernähren müsste ...

Als Martin Scorsese 1973 seinen Film "Mean Streets" über Charlie und Johnny Boy in Little Italy drehte, war der als Motto zitierte Autor bereits sieben Jahre in der inneren Emigration verschwunden.

Gerüchte umgaben ihn wie ein Hofstaat. Zwei, drei Mal war er leibhaftig aufgetaucht, hatte eins seiner Lieder gesungen und war - wie nach dem "Konzert für Bangladesh" - wieder zurück ins Dunkel getreten.

Doch schon im Jahr darauf feierte er ein triumphales Comeback, ging auf Tournee, wurde nacheinander Buddhist, Jungianer, Veganer, Christ und fundamentaler Jude, verschwand wieder, erkrankte wenigstens einmal körperlich und künstlerisch gleich mehrfach bis auf den Tod, und kam jedes Mal wieder, um nur noch strahlender dazustehen.

Im kommenden Jahr wird Bob Dylan zusammen mit Edmund Stoiber 65 und wäre in den alten deutschen Zeiten rentenanspruchsberechtigt. Wieder ist er auf Tournee (ab Montag auch in Deutschland), lässt sich mit Blicken abtasten, ob er noch der Alte ist oder vielleicht doch noch was von dem Jungen in ihm steckt, der vor Jahrzehnten gegen das Unrecht in der Welt sang.

Als wär's ein Nachlass zu Lebzeiten, erscheinen jetzt in der so genannten "Bootleg Series" immer neue Ausgaben technisch nachgebesserter früher Aufnahmen, die bisher nur auf dem grauen Markt zu haben waren. Exklusiv bei Starbucks, dem Fachmann für zimthaltigen Kaffeezucker, gibt es eine CD, die Aufnahmen vom Herbst 1962 aus dem "Gaslight" in Greenwich Village bringt. Dylan zupft die Gitarre, als würde er einem Lehrer vorspielen, und tatsächlich spielte er damals noch um ein Trinkgeld. Allein die Aufnahme der Ballade "Barbara Allen" ist das Geld für die CD wert. Als ebenso monströses wie abscheuliches Beiwerk ist (bei Hoffmann und Campe) ein "Scrapbook" erschienen, eine Krabbelkiste von faksimilierten Zetteln und wertlosem Tand, oder das ideale Weihnachtsgeschenk für den besten Feind.

Vor allem aber gibt es, begleitet von einer weiteren Doppel-CD mit dem vollständigen Soundtrack, auf DVD eine Dokumentation von Martin Scorsese, die Bob Dylans Leben von seiner Geburt 1941 bis zu seinem vorläufigen Verschwinden nach dem Motorradunfall von 1966 getreulich nachzeichnet. Scorsese hat 1978 bereits das Abschiedskonzert von Dylans Begleitband The Band gedreht, "The Last Waltz". Für "No Direction Home" musste er nicht viel mehr als seinen berühmten Namen geben und das von etlichen Rechercheuren zusammengetragene Material kompilieren und schneiden. Die besten Szenen stammen aus dem unveröffentlichten Film "Eat the Document" von D. A. Pennebaker, der den zunehmend erschöpften, besinnungslos überdrehten Künstler während seiner allzu vielen Auftritte 1965 und 1966 aus porentiefer Nähe gefilmt hat.

In einem langen Interview gibt Dylan auf seine bewährte undurchdringliche Art wenig Auskunft über sich, aber das Interview stammt nicht von Scorsese, sondern wird von Dylans Manager Jeff Rosen geführt, der außerdem der Produzent des Film ist. Wie in seiner 2004 erschienenen Autobiographie "Chronicles" schreibt Dylan sein Leben und Werk wieder einmal völlig um. Ein "musikalischer Expeditionär" sei er gewesen und deshalb schon gar keiner Richtung zuzuordnen. Folk-Musik? Protestsongs? Ach was: "zeitgenössische Lieder". Aber welche Zeit es war! Der junge Präsident Kennedy regiert im Hintergrund, als Bob Dylan aus dem fast nordpolaren Minnesota ("Zu kalt, um was Schlimmes anzustellen") nach New York kommt, die Kubakrise bringt die Welt an den Rand des Untergangs, in Dallas wird Kennedy auch schon wieder ermordet, in den Südstaaten greift die Nationalgarde ein, damit schwarze Studenten nicht mehr totgeschlagen werden, sondern zur Universität gehen dürfen. "I have a dream": Als Martin Luther King seine messianischen Worte spricht, ist Dylan dabei, als Stimme des besseren, auf jeden Fall des jungen Amerika. Wie ein paar Jahre vor ihm Elvis Presley setzt er Mann und Frau und Kind in maßloses Erstaunen über diese Frechheit, es mit Kriegstreibern und Präsidenten aufzunehmen und sich dabei klassischer schwarzer und linksradikaler Formen zu bedienen.

Das Staunen geht bis heute, und selbst der Musikverleger Izzy Young, dem der hereingeschneite Provinzler eine bilderbuchmäßige Landstörzer-Vita vorlog, muss zugeben, wie gern er sich täuschen ließ. Andere tragen ihm ein bisschen nach, dass er ihnen Platten geklaut hat, und Pete Seeger ist bis heute nicht darüber hinweg, dass sein Lieblingsjünger 1965 in Newport die Gitarre einstöpselte und mit (einer ziemlich schlechten Version von) "Maggie's Farm" Hörgeräte und den Traum von einer politischen Folkmusik zerschrillte.

Aber ich war doch nie ein Folkie, versichert Dylan in dieser neuesten Version seines Lebensgeschichte. Zu Hause im kalten Hibbing spielte er schon elektrisch, hing wie noch alle Hinterwäldler Wachträumen von Glück, Glanz, Ruhm nach und kam so auf die akustische Gitarre als das zeitgemäße Werkzeug für die Großstadt New York. Im Greenwich Village schaute das Landkind den anderen die Griffe auf der Gitarre ab und wie sie redeten und sich kleideten. Kommerz war streng verboten in dieser Welt der urbanen Folk-Spätlinge, denn es ging allein um die Sache der Erniedrigten und Beleidigten, die der inzwischen todkranke Woody Guthrie schon in den Dreißigern vertreten hatte. Der Träumer vom Land wollte aber nicht ablassen von seinen Träumen und tat den wichtigsten Schritt, änderte, weil es der grassierende Antisemitismus nahe legte, seinen Namen von einem deutsch-jüdischen Robert Zimmerman in den keltischen "Bob Dylan" und inszenierte sich als unehelicher Sohn des großen Woody.

"No Direction Home" wurde kürzlich in den USA im spendenfinanzierten Bildungsfernsehen PBS uraufgeführt, mit freundlicher Unterstützung von Apple und Starbucks und Aol aber dafür wird man auch mit dem Geständnis des Meisters überrascht, dass er zunächst gar nicht Musiker werden, sondern sich in Westpoint zum Offizier ausbilden lassen wollte. Oder man hört die junge Joan Baez, die sich auf die Bühne neben ihren Schützling Bobbie stellt und seine Songs mit ihrem gnadenlosen Diskant zersägt. Als er sie nicht mehr brauchte, hat er sie von seiner Tür weisen lassen, aber noch heute, vierzig Jahre nach dieser Demütigung, verehrt sie dieses struwelige Genie, das unter ihrer Obhut, und ohne selber zu verstehen, was es da dichtete, "When the ship comes in" schrieb.

Dave van Ronk, Allen Ginsberg, Al Kooper und Peter Yarrow (von Peter, Paul and Mary) legen Zeugnis ab für das Wunderkind aus Minnesota. Nicht alle singen sein Lob, aber alle tragen noch immer das Glühen einer Begeisterung im Gesicht, die vor gut vier Jahrzehnten so gewaltig gewesen sein muss, dass sie zumindest bei ihnen noch anhält und sich wenigstens für die knapp vier Stunden Sendelänge überträgt. Nicht bloß Bob Dylan, nicht bloß Amerika, sondern die ganze Welt war jung damals. "No Direction Home", und das ist dann doch wieder dem Schnitt Scorseses zu verdanken, zeigt eine Energie, die heute unvorstellbar ist, zumal sie sich am Ende erschöpft hat im Dosenpfand und einem Fleck auf Monica Lewinskys Kleid.

Einmal, ein einziges Mal, meldet sich Martin Scorsese in seinem Film, und es ist wie ein akustischer Hitchcock-Auftritt: Er liest im Off einige Sätze aus der Rede, mit der Dylan eine Auszeichnung für sein Engagement in der Bürgerrechtsbewegung entgegennahm. Das war 1963, wenige Wochen nach Kennedys Tod, und der Preisträger war so betrunken, dass er die Anwesenden nicht bloß beschimpfte, sondern erklärte, dass er mit dem Mörder Lee Harvey Oswald sympathisiere. Diese Stelle durfte Scorsese allerdings nicht vortragen, das hat sein Regisseur Bob Dylan dann doch zu verhindern gewusst.

Er hat in diesem Jahr wieder nicht den Literaturnobelpreis erhalten, den ihm vor allem die Literaturprofessoren seiner Generation so gern zuerkannt hätten. Statt seiner bekam ihn der etwas aus der Mode geratene Dramatiker Harold Pinter. Der britische Autor Nick Hornby entdeckte in dieser Entscheidung eine zauberhafte Analogie, die das Nobelkomitee am Ende doch noch salviert. Pinter habe in seinen Stücken einen unverwechselbaren Stil entwickelt, der scheinbar leicht nachzuahmen ist, den aber nur einer, Pinter selber, beherrscht. "Harold Pinter", sagte Nick Hornby auf der Buchmesse, "ist wie Bob Dylan."