Schriftsteller Menasse über den Krieg im Nahen Osten Bitte noch mehr Bomben!

Bestürzend simpel

Warum sollte ich heute zum Beispiel den USA so bedingungslos dankbar sein, dass ich auch nicken muss, wenn sie Dutzende unnötige Kriege auf der Welt anzetteln, den demokratisch gewählten Präsidenten eines souveränen Staates ermorden lassen, aber in anderen Staaten Diktatoren unterstützen? Warum soll ich England dankbar sein, das dringend Dresden bombardieren musste, aber nicht die Eisenbahnschienen nach Auschwitz? Und immer aufs Neue erschien mir fragwürdig und antwortverweigernd, wenn so besonders martialisch Frieden und Demokratie versprochen wurden: bei den Bomben auf Belgrad, den Bomben auf Bagdad.

Ich habe vor Jahren geschrieben und publiziert, dass ich den Irak-Krieg für ein Verbrechen halte, dass er nicht Freiheit, sondern Leid, nicht Demokratie, sondern Bürgerkrieg, nicht Frieden, sondern Gewalt auf unabsehbare Zeit bringen wird. Und dass kein Attentat auf welches Gebäude der Welt auch immer diesen Krieg rechtfertigen kann. Da war ich noch Pazifist. Es war noch leicht, Pazifist zu sein. Saddam Hussein war ein Diktator nach innen, keine Bedrohung nach außen. Das Argument, dass ein Diktator beseitigt werden müsse, hätte ich als Kriegsgrund nur dann akzeptiert, wenn die Amerikaner auch den Mördern vom Tiananmen-Platz den Krieg erklärt hätten.

Aber nein - es gibt in jeder Administration so viele Hinsicht- und Rücksicht-Nehmer, und, was mir am sympathischsten ist: Feiglinge. Und was mir zum Kotzen ist: Moralisten. Die ihre Moral jetzt entdecken, da Israel seine schiere Existenz verteidigt.

Denn so komplex die Lage im Nahen Osten auch ist, eines ist bestürzend simpel: kein einziger israelischer Soldat wäre heute im Libanon, keine einzige israelische Bombe würde über einem Nachbarstaat Israels abgeworfen werden, wenn Israel in Ruhe leben könnte, ohne Raketeneinschläge auf seinem Territorium, ohne terroristische Attentate in seinen Städten. Das muss, denke ich, die Welt doch begreifen! Shalom Israel mit seiner bunten - nicht zu vergessen: auch arabischen - Bevölkerung, Shalom Israel mit der einzigen Demokratie in dieser Weltregion, Shalom Israel, Kind von sechs Millionen Toten.

Jetzt sitze ich vor dem Fernseher, will Bomben sehen, noch mehr Bomben, so viele Bomben, bis die Hisbollah ausradiert ist und alle Vernichter vernichtet sind. Ich will keine Bomben sehen. Ich hasse mich, weil ich diese Bomben sehen will. Kein Israeli hat je das Existenzrecht eines anderen Staates in Frage gestellt. Wenn aber andere Staaten die Existenz Israels in Frage stellen, dann muss Israel diesen Krieg führen. Einen - verdammt, ich bringe das Wort kaum heraus: - gerechten Krieg. Dieser Krieg will kein Opfer in Israel und im Libanon. Deshalb muss er gewonnen werden. Kann er gewonnen werden? Wahrscheinlich nicht. Darf er aufgegeben werden? Nein, auf keinen Fall.

Ich sitze vor dem Fernseher und weine und bin nicht ich: ein Pazifist, der Daumen drückt bei einem Krieg!

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse veröffentlichte zuletzt den Roman ,,Die Vertreibung aus der Hölle'' und die Frankfurter Poetikvorlesungen ,,Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung'' (beide bei Suhrkamp).