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Schostakowitschs Musik:Durch die Schallmauer

Leningrad, Südossetien, Palmyra, Belarus: Schostakowitschs Musik wird immer wieder von der Restauration vereinnahmt. Doch in der belarussisch-russischen Literatur zeigt ein Dialog, dass Belarus zum Vorbild für Russland werden könnte.

Von Sonja Zekri

Schostakowitsch hat das nicht verdient, aber er kann sich nicht wehren. Andere Künstler und Intellektuelle - aus Russland, aus Belarus - sind mitten ins Getümmel des belarussischen Ringens geraten, und wie sie da wieder herauskommen, ist noch offen. Dmitrij Schostakowitschs Musik ist seit Jahren eine Art inoffizieller Hymne des Kreml und nun auch Alexander Lukaschenkos in Belarus.

Im belagerten Leningrad wurde Schostakowitschs 7. Symphonie aufgeführt, die "Leningrader", mit verhungernden Musikern in einer sterbenden Stadt. Es war ein Triumph der Kunst über den Faschismus. Vorausgegangen aber war ihm die Erfahrung des stalinistischen Sadismus, als Stalin Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" hatte ächten lassen, was Schostakowitsch in Lebensgefahr brachte. Das postsowjetische Russland nutzt das Pathos der 7. Symphonie inzwischen nach Kräften. Nach dem Krieg gegen Georgien 2008 spielte Valery Gergiev, selbst Südossete, die "Leningrader" im zerstörten Zchinwali, der Hauptstadt der abtrünnigen georgischen Provinz Südossetien. Nach der Befreiung Palmyras vom IS reiste Gergiev nach Syrien. Wieder Schostakowitsch. Und nun hat Lukaschenko protestierende Belarussen mit der "Leningrader" beschallen lassen. Könnte man ein Werk in den Arm nehmen, man täte es mit dieser so übel missbrauchten Partitur.

Vielversprechender hingegen gestaltet sich der belarussisch-russische Dialog zwischen den Literaten. Die bedrängte Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, letztes in Freiheit verbliebenes Mitgliedes des Koordinationsrates der Opposition, hatte sich in einem Brief an die russische "Intelligenzija" gewandt ("Warum schweigt ihr, wenn ihr seht, wie ein kleines, stolzes Volk zertrampelt wird?"). Und die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja reagierte in der Nowaja Gaseta: "Uns ist klar, dass in eurem Land ein Ereignis stattgefunden hat, das morgen auch in Russland stattfinden kann", schrieb sie. Belarus als Vorbild für Russland - wenn das keine Revolution ist.

© SZ vom 18.09.2020

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