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Schmerztheater:Rasender Stillstand

4.48 Psychose; Foto: Arno Declair
Auf dem Bild: Justus Pfankuch, Yannik Stöbener, Linda Pöppel, Thorsten Hierse, Toni Jessen, Jürgen Lehmann, Katja Bürkle, Elias Arens

Typische Insignien des Rasche-Theaters: Laufbänder, Formstrenge, Chorchoreografie - und die Körper wie vom Licht gemeißelt.

(Foto: Arno Declair)

So fühlt sich Verzweiflung an: Ulrich Rasche inszeniert Sarah Kanes "4.48 Psychose" am Deutschen Theater Berlin chorstark auf Laufbändern. Ein erschütterndes Exerzitium.

Von Peter Laudenbach

Der Abend ist eine Zumutung. Eine dreistündige, pausenlose schwarze Messe mit Sarah Kanes letztem Theaterstück "4.48 Psychose", vor zwanzig Jahren posthum uraufgeführt nach dem Tod der erst 28-jährigen Autorin. Sarah Kane hatte sich, zwei Tage nachdem sie eine Überdosis genommen hatte, in einer Londoner Klinik erhängt. Nicht nur, weil exakt diese Todesarten, ergänzt darum, sich die Pulsadern aufzuschneiden, in "4.48 Psychose" als klares Ziel der namenlosen Sprecherin auftauchen, liegt es nahe, das Stück autobiografisch zu lesen, als das Manifest einer Selbstmörderin. Es ist ein zerrissener Text ohne Figurenzuordnung, Protokoll der quälenden Gefühle und Bewusstseinszustände, Verfluchungen des eigenen Lebens, der Eltern und des Allmächtigen. "Fick Dich, Gott".

Unterbrochen wird das von knappen Dialogen mit Ärzten oder der sachlichen Prosa einer Krankenakte. Die wie zum Hohn zitieren Sätze der Therapeuten kippen um in klare Selbstbeschreibungen: "Sie lassen ihn zu, diesem Zustand der verzweifelten Absurdität." Das muss der hellsichtigen Kranken keiner erklären. Niemand weiß besser als sie selbst, wie es um sie bestellt ist. Dazwischen einmontiert sind immer wieder lange Zahlenreihen: 100, 91, 84, 72, 91, 58, 44... Keine Erklärung, ob das der Countdown der Tage oder Stunden bis zum Suizid, die Anzahl der Stunden ohne Schlaf, der Tage in der Klinik oder der eingenommenen Medikamente ist.

Statt Mitleid ist die Tonlage der Inszenierung: Terror

Ulrich Rasche lässt dem Zuschauer in seiner Inszenierung am Deutschen Theater Berlin keine Chance, aus sicherer Distanz auf das Geschehen zu blicken oder ihm mit Psychologisierung beizukommen. Statt Mitleid, in dem immer auch Abgrenzung und die Herablassung der vermeintlich Gesunden gegenüber den Kranken mitschwingt, ist die Tonlage der Inszenierung: Terror. Die Stilmittel dieses Exerzitiums sind die bewährten Chor-, Sprech- und Choreografieformen des Rasche-Theaters. Hartes Gegenlicht oder schwache Lichtkegel meißeln die Körper aus dem Schwarz der Bühne (Licht: Cornelia Gloth). Wieder einmal marschieren die Spieler auf mehreren Laufbändern auf der Stelle - ein starkes Bild für den rasenden Stillstand, die in endlosen Wiederholungsschleifen tobenden Gedankenketten der Kranken (die Bühne hat der Regisseur gemeinsam mit Franz Dittrich entworfen). Rasche unterlegt die gesamte Aufführung mit einem lauten Soundtrack, der starke Sogkraft entwickelt, aber den Text nach ein, zwei Stunden Dauerbedröhnung auch wegspült. Die elektronisch verfremdeten Schlaginstrument-Patterns und der düster flirrende Ambient-Sound der herausragenden Livemusiker (Carsten Brocker, Katelyn King, Spela Mastnak, Thomsen Merkel) machen die Aufführung zu einer Sprechoper.

Rasche zielt auf größtmögliche Entfernung von allem Einfühlungsnaturalismus, auf kalte Formstrenge. Er verteilt den Text auf drei Solistinnen (Katja Bürkle, Kathleen Morgeneyer, Linda Pöppel) und einen Chor von sechs Männern (Elias Arens, Thorsten Hierse, Toni Jessen, Jürgen Lehmann, Justus Pfankuch, Yannik Stöbener). Die Inszenierung splittet Kanes Verzweiflungsprotokoll in Monologe, Dialoge, Quartette, wechselnde Chorformationen auf. Rasche gelingt damit nicht weniger, als den Text von der Pathologisierung, der verkürzenden Parallelisierung mit dem schrecklichen Tod seiner Autorin zu befreien. Uns das Stück als Fortsetzung einer Krankenakte, als Sarah Kanes Privatproblem vom Leib zu halten, ist so nicht mehr möglich. Bei Rasche sind wir nicht im spätbürgerlichen Befindlichkeitstheater, sondern in den Regionen der antiken Tragödie.

So ist die Lage. Der nüchtern konstatierte Schmerz braucht keine Erklärung

Ein Stilmittel ist dabei die Zerdehnung des Textes. Zwischen den einzelnen Worten liegen lange Pausen, sie scheinen aus dem Dunkel, dem Schweigen, dem Nichts aufzublitzen: "Ich - bin - traurig. - Ich - habe - das - Gefühl, - die - Zukunft - ist - hoffnungslos, - und - es - wird - nie - besser. - Ich - bin - ein - absoluter - Versager - als - Mensch." Das ist nicht das Lamento einer Depressiven, das sind wie in Stein gemeißelte Tatsachen: So ist die Lage. Deshalb kommt die Aufführung ohne jede Larmoyanz aus. Der nüchtern konstatierte Schmerz braucht keine Erklärung, auch wenn ein Missbrauch durch den Vater und die Verzweiflung über ein ungeborenes Kind angedeutet werden.

Kontrapunkt dieses verzehrenden Unglücks ist die aggressiv ausgestellte Aufforderung zur Selbstoptimierung, zur Fitness in der Konkurrenzgesellschaft: "Ein Ziel erreichen und Ehrgeiz entwickeln! Hürden überwinden und den höchsten Standard verlangen!!" Rasche zeigt, wie dieser Optimismuszwang mit dem Unglück der Kranken zusammenhängt, indem er ihn von einem soldatischen, gefühlsgepanzerten Chor sprechen, brüllen lässt. Dagegen wirkt die Depression wie ein Akt der Subversion, eine Weigerung, mitzumachen beim Stumpfsinn der Ellbogen-Alphatier-Verrohung.

© SZ vom 21.01.2020
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