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Schauspiel Zürich:Löcher im Fels

Der Kirschgarten von Anton Tschechow
Inszenierung: Yana Ross
Premiere: Schauspielhaus Zürich, 14.12.2019

Eine irritierend lustige Art schlechter Laune: „Der Kirschgarten“ am Zürcher Schauspielhaus.

(Foto: Zoé Aubry)

Yana Ross verlegt an Zürichs Schauspielhaus Anton Tschechows "Kirschgarten" in eine Schweizer Nervenklinik.

Es beginnt mit einem Video, die Schauspielerinnen Wiebke Mollenhauer und Lena Schwarz spielen Therapiesitzung. Die eine ist Anja, die Tochter der bankrotten Ljuba Ranevskaja, die andere ihre Adoptivtochter Babs. Babs und Anja werden nach ihrer Kindheit befragt, nach ihren aktuellen Beziehungen. Die eine gibt vor, Sex zu haben. Die andere erzählt, bei ihr sei das Problem, dass sie gerade jemanden gut fände, der blöderweise ihre Mutter liebt. Vom Therapeuten sieht man die Hand mit einer Kaffeetasse. Und man erkennt die Stimme, weil Gottfried Breitfuss schon lange am Schauspielhaus Zürich Theater spielt. Im Programmheft steht, er spiele den alten Diener der Familie.

Die Regisseurin Yana Ross hat nicht nur fast alle Namen eingedeutscht, sie verlegt Anton Tschechows "Kirschgarten" zudem in eine Schweizer Nervenklinik. Diese schaut aus wie eine Wellness-Skihütte mit Balken und rohem Fels, wenn nicht gerade entweder die Leinwand herunter- und von der Seite das Glaskastenbüro des Therapeuten hereingefahren wird. Also nichts von russisch-ländlicher Samowar-Idylle. Überhaupt keine Idylle, auch nicht im Inneren der Menschen. In keinem.

Einen Kirschgarten gibt es auch nicht. Verkauft ist er ohnehin schon, Heinz hat ihn erworben, und als Kulmination der Therapie, in die sich Ljuba hier begibt, soll dieser das mitgeteilt werden. Heinz zahlt alles, die Zimmer, die Ärzte. Die ganze Familie hängt hier rum und hofft, dass alles besser wird. Was nicht passieren wird.

Viel Tschechow ist hier nicht übrig, und doch folgen alle Motive des stark durch Improvisationen unterfütterten Abends dem Original. Alle Anwesenden könnten eine Behandlung gut gebrauchen. Die milden Fälle sind Peter, den Steven Sowah als arroganten, lebensfernen Solipsisten spielt und Karl, Ljubas Begleiter, von Milian Zerzawy mit der Aura eines unselbstständigen Erbschleichers ausgestattet. Heinz hat gleichfalls ein Problem mit der Realität, aber er hat eine Wut und eine Kraft: Thomas Wodianka spielt ihn mit großartiger Schärfe. Er ist ein Verdingbub: In der Schweiz wurden noch bis weit ins 20. Jahrhundert Kinder armer Familien fortgegeben, sie verdingten sich als Knechte auf reicheren Höfen oder gingen in die Fabrik oder zur Fremdenlegion.

Yana Ross lässt alle Figuren um Ljuba kreisen, die hier reinrauscht wie ein durchgedrehter Rockstar

Wodianka arbeitet sich an Michael Neuenschwander als Leo ab. Dessen Bruder hat Ljuba geheiratet, er hat sie geliebt. Ist lange her. Jetzt zieht Leo seinen Lebensüberdruss wie seine Golfausrüstung hinter sich her, beschwört die Kraft des Schweizer Heimatgranits und hat auf eine irritierend lustige Art schlechte Laune, wie es nur Menschen am Rande einer Depression haben. Neuenschwander lotet die Figur fabelhaft gut aus, und der zentrale Disput mit Wodianka, natürlich im Ergebnis nutzlos, ist ein ganz starker Theatermoment.

Diese gibt es hier nicht durchgängig. Mitunter gerät der Abend ins Taumeln, schleppt sich mühsam voran, gerät die Sprache, gemessen am Original, zu banal. Yana Ross lässt alle Figuren um Ljuba kreisen, die hier reinrauscht wie ein durchgedrehter Rockstar. Ross und die Schauspielerin Danuta Stenka erzählen sehr treffend, wie viel Raum ein manisch-despressiver Mensch einnimmt, wie sich alle in seiner Umgebung zu ihm verhalten müssen. Und selber so Schaden nehmen.

Wie die Töchter. Babs, hat nichts, aber auch gar nichts mitbekommen, was nach einem Selbstbewusstsein aussehen könnte, und Lena Schwarz versucht aufopfernd, die Würde zu bewahren. Anja war auf den Reisen der Mutter mit dabei, Paris und mehr. Und kehrt mit funkelndem Aberwitz zurück, macht seltsame Sachen, nimmt im Bikini an der Gruppentherapiesitzung aller Anwesenden teil. Als schon alles gesagt ist, hat Wiebke Mollenhauer einen langen, umwerfenden Auftritt. Da speit sie mit fabelhaften Furor alles aus, die nie erwiderte Liebe zur Mutter, den Hass auf sie, weil die immer nur Anjas toten Bruder geliebt hat. Der spukt hier auch leibhaftig herum, was so fad wie überflüssig ist.

Ross' Inszenierung hat als klinische Studie einen hohen Wahrheitsgehalt, der nicht unbedingt stets mit einem faszinierenden, theatralischen Erleben einhergeht. Aber im Kern doch sehr gut funktioniert. Der Kern ist Ljuba. Danuta Stenka gibt ihr nichts mit, was sie sympathisch machte. Sie ist laut, redet meist Englisch oder Polnisch, weil ihr die deutsche Sprache zuwider ist. In den Videos von Algirdas Gradauskas sieht man neben Elektroschockbehandlung und weiteren Therapiegesprächen auch den Grund dafür. Stenka entdeckt im Boden des Hauses einen Thorazeiger, einen Davidstern. Sie, die Unbehauste, Heimatlose, hat einen jüdischen Hintergrund. Ihre Psychose ist keine Privatsache. Alle Zerrüttungen in dieser Familie werden zu den Zerrüttungen des 21. Jahrhunderts.