bedeckt München 14°
vgwortpixel

Schauplatz Paris:Unkraut und Urwald - eine Stadt forstet auf

Auf den Dächern des Messegeländes Parc des Expositions wird jetzt in großem Stil Gemüse angebaut. Und im Stadtosten entsteht ein richtiger Urwald. Paris wird ganz schön grün.

Mit seinen gut 20 000 Einwohnern pro Quadratkilometer ist Paris eine der am dichtesten besiedelten historischen Städte der Welt. Stein und Asphalt beherrschen das Bild. Ein Rasenstück oder Blumenmassiv im Jardin du Luxembourg ist fast so wertvoll wie dessen gemalte Ansicht im Louvre. Umso größer ist das Verlangen nach Grün. An den Bäumen auf den Boulevards, wo bis vor Kurzem Hunde ihre Notdurft verrichteten, haben Anwohner Minigärtchen angelegt. Die neue Straßenbahn auf dem Ringboulevard fährt auf einem Rasenteppich, am Rand ist Unkraut erwünscht. Und auf den Dächern des Parc des Expositions, des Messegeländes, soll Europas größter städtischer Landwirtschaftsbetrieb entstehen.

Eine Tonne Obst und Gemüse am Tag soll auf den 14 000 Quadratmetern Dachfläche geerntet werden. Damit will das Unternehmen Agripolis einen Stadtsektor versorgen. Restaurants und Läden des Quartiers können auf dem Messedach eigene Gewächsbeete betreiben. Dass Paris' urbane Landwirtschaft, anders als unter den Bedingungen des Landmangels in Saudi-Arabien oder Japan, selten wirklich rentabel ist, schreckt Pascal Hardy, den Gründer von Agripolis, nicht ab. Er zielt eine Randgruppe mit hohen Qualitätsansprüchen an und versteht das Unternehmen als beispielhafte Aktion im Sinn der Pariser Stadtregierung, die bis zum Jahr 2020 hundert Hektar Pariser Straßenränder, Baulücken, Dächer und Hausfassaden begrünen will.

Die Pariser suchen jetzt Platz für Natur

Dabei ist der Schrebergarten beileibe keine Pariser Tradition. Eher hält man es mit den perspektivisch zugeschnittenen Parkanlagen im Stil des Versailler Architekten Le Nôtre oder mit dem Wildwuchs auf den städtischen Restbrachen, in dem der Surrealist André Breton eine offene Tür ins Unendliche sah. Genau ein solcher Urwald wächst nun im Pariser Osten nahe dem Stadtwald Vincennes empor. Auf Initiative des Start-up-Unternehmens Reforest'Action und der Stadtregierung wurden dort im Frühjahr auf nur 700 Quadratmetern zweitausend Baumsetzlinge unterschiedlicher Arten gepflanzt. Das sind drei pro Quadratmeter, viel mehr als in einem herkömmlichen Wald. Ihr Wachstum wird nun ohne weitere Intervention, abgesehen vom gelegentlichen Gießen in den Anfangsjahren, dem Schicksal überlassen. Das Modell dieses Stadturwalds geht auf den japanischen Botaniker Akira Miyawaki zurück. Die unnatürliche Dichte lässt die Bäume im Kampf um Licht und um Nährboden bis zu zehnmal schneller wachsen als normal.

Als Erholungsgebiet ist dieses Dickicht ungeeignet. Die Initiatoren sehen das Projekt als Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel und als symbolische Rückgabe eines Stücks Stadtraum an die Natur. Für drei Euro kann jeder mitmachen und einen Setzling spenden. Die Pariser, die sich über jede Libelle, jede Fledermaus und auch über das kurz nach dem Brand in die Notre-Dame-Türme zurückgekehrte Falkenpaar freuen, finden das toll. Schon werden Freiflächen für ein weiteres Stadturwäldchen gesucht. Von den sonst streitlustigen Hauptstadtbewohnern ist nicht der leiseste Einwand zu hören. Im Gegenteil, sie suchen eifrig mit.

© SZ vom 21.08.2019
Zur SZ-Startseite