Schauplatz Paris:Baut die Städte auf dem Land!

Seit der Corona-Krise gibt es in Paris den Verkehrsstau am Freitagabend raus aus der Stadt nicht mehr. Offenbar ist der Pendelverkehr zwischen Stadt und Land dabei, sich umzukehren.

Von Joseph Hanimann

Eigentlich müsste er schon unter Denkmalschutz stehen. Der Verkehrsstau am Freitagabend hinaus aus der Stadt und am Sonntagabend wieder hinein gehört seit drei Generationen zum Wochenritual vieler Pariser. Jean-Luc Godard hat ihm mit dem Film "Week End" 1967 ein Denkmal in Form eines anderthalbstündigen visuellen Hupkonzerts gesetzt. Bei der Zickzackfahrt in ihrem Facel Vega Facellia durch endlose Autoschlangen werden Roland und Corinne in immer wildere Abenteuer verwickelt, die für Roland im Suppentopf eines Stamms aufständischer Neo-Kannibalen enden. Für ein seriöses Denkmal zu Ehren der Wochenendstaus ist es nun aber vielleicht schon zu spät.

Zu den zahlreichen temporären oder dauerhaften Folgen des gegenwärtigen Lebens unter Corona-Bedingungen könnte gehören, dass das Stop-and-Go zwischen Stadtwohnung und Landhaus sich umkehren wird. Übereinstimmend melden Pariser Immobilienmakler, dass die Nachfrage nach Landhäusern in den letzten Wochen sprunghaft gestiegen ist. Gefragt sind nicht primär Ferienhäuser am Meer oder in den Bergen, sondern alte Bauernhäuser, stillgelegte Bahnhöfe, Scheunen, Kapellen oder ehemalige Klöster zum Wohnen auf dem Land in der näheren oder ferneren Umgebung der Stadt. Er bekomme täglich 60 Anfragen für Landhäuser, doppelt so viele wie noch vor zwei Monaten, erklärt der Immobilienvermittler Patrick Besse. Verhandlungen, die sich seit Monaten dahinzögen, würden plötzlich in wenigen Tagen abgeschlossen, bestätigt ein Kollege. Ein Zehntel der gut zwei Millionen Familien oder Einzelpersonen, die in Frankreich jährlich umziehen, könnten laut dem Vorsitzenden des französischen Maklerverbandes demnächst ihren Wohnsitz dauerhaft aus der Stadt, das heißt vor allem aus der Hauptstadt aufs Land verlegen.

Das Pendel des Wochenrhythmus würde dadurch aber nicht einfach im Gegentakt schlagen: montags zur Arbeit und freitags zurück. In der gegenwärtigen Ausnahmesituation bestätigt sich vielmehr für jene privilegierte Bevölkerungsschicht, deren Beruf und Vermögensverhältnisse mit Fernarbeit vereinbar sind, ein neuer Lebensstil. Denn Voraussetzung für das Interesse an Landhäusern sind gute Verkehrsverbindungen, leistungsfähiger Internetanschluss, hochwertige Schulen und ein verlässliches Krankenhaus in der Nähe. Die auf eine bloße Absteige verkleinerte Pariser Stadtwohnung wäre dann nur noch für die Arbeitstermine im Büro an zwei oder drei Wochentagen da. Das dem Belle-Epoque-Humoristen Alphonse Allais zugeschrieben Bonmot, man sollte die Städte auf dem Land bauen, ginge damit in Erfüllung. Paris leert sich und die einst reizvolle Leere draußen auf dem Land wird voll. Verkehrsstaus hatten zur Regulierung auch ihr Gutes.

© SZ vom 29.04.2020
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