Schauplatz London Bismarcks Suppe

Im 19. Jahrhundert nannte man englische Hunde zuweilen Bismarck. Das war ein Kompliment. Mutig, treu, bissig - so sah man den Eisernen Kanzler. Jetzt erinnert eine Ausstellung zu seinem 200. Geburtstag an ihn.

Von Alexander Menden

So schnell geht es bisweilen in der britischen Politik: Man bereitet sich wochenlang auf unklare Mehrheitsverhältnisse und Koalitionsverhandlungen vor, und dann behält der Amtsinhaber nicht nur seinen Job, sondern er regiert sogar noch allein. David Cameron kann jetzt nach Belieben schalten und walten. Während seiner Koalition mit den nun zu einem parlamentarischen Wurmfortsatz degradierten Liberaldemokraten mag er sich bisweilen gefühlt haben wie Otto von Bismarck, der wütete: "Wenn ich einen Löffel Suppe essen will, muss ich acht Esel um Erlaubnis fragen!" Bismarck machte bekanntlich trotzdem immer das, was er wollte.

Ein idealer Zeitpunkt also, in London eines Mannes zu gedenken, der heute im politischen Alltag von Westminster so ziemlich gar keine Rolle spielt. Aber immerhin hießen im 19. Jahrhundert viele Hunde in England Bismarck. Was zum Beispiel in Frankreich als Beleidigung gemeint gewesen wäre, galt auf der tierlieben Insel als Kompliment. Mutig, treu, vielleicht auch bissig - so sah man den Eisernen Kanzler wohl im Reich der deutschstämmigen Königin Viktoria. Das Institute of Historical Research der University of London hat anlässlich des 200. Geburtstages Otto von Bismarcks gemeinsam mit der Bismarck-Stiftung eine kleine Ausstellung im Londoner Senate House organisiert. Dreizehn hübsche PVC-Stellwände mit Eckdaten und historischen Einordnungen säumen den Gang zur Wolfson Conference Suite.

"Passt auf diesen Mann auf! Er meint wirklich, was er sagt!"

Wie sehr sich die Deutschen freuen, wenn es bei einer britischen Veranstaltung mit Deutschland-Bezug einmal nicht um einen Weltkrieg geht, ist schon daran abzulesen, dass Botschafter Peter Ammon vergangene Woche zu der eher übersichtlichen Eröffnungsveranstaltung gekommen war. Den kurzweiligen Hauptvortrag hielt der Amerikaner Jonathan Steinberg, Autor eines englischen Standardwerks über Bismarck. Das, was bis heute oft gelobt wird, Bismarcks verwirrendes Netzwerk von internationalen Verträgen und Koalitionen nämlich, hält Steinberg allerdings für eine Fehlkonstruktion. Und über dieses Urteil kam er ganz unvermittelt wieder in der politischen Gegenwart an: "Eine Fehlkonstruktion wie die Euro-Zone!" Dieser Vergleich der vertraglichen Kanalisierung imperialer Paranoia des 19. Jahrhunderts mit einer Währungsunion des 21. rief Gemurmel im Raum hervor - vereinzelt schockiertes, meistenteils zustimmendes.

Jene, die zustimmten, wird es gefreut haben, dass durch Camerons Wahlsieg die Befragung der Briten über ihre Mitgliedschaft in der Europäischen Union nun auf jeden Fall kommen wird. Wenn es um Verträge geht, möchten sich die Euro- und EU-Feinde unter den Tories bekanntlich nicht allzu lange mit Feinjustierungen Bismarck'scher (sprich: Merkel'scher) Prägung aufhalten. Sie wollen den Gordischen Knoten der EU-Zugehörigkeit glatt durchtrennen. Benjamin Disraeli, ein Amtsvorgänger David Camerons, bemerkte einmal nach einem Treffen mit Bismarck: "Passt auf diesen Mann auf - er meint wirklich, was er sagt!" Ob Cameron es selber ernst meint, wenn er sagt, dass er eigentlich ganz gerne in der EU bliebe, war bisher nie abschließend zu eruieren. Aber es ist ja nie zu spät, von Bismarck zu lernen.