Schauplatz Die Stadt, die immer schläft

Nicht einmal die "Lustige Witwe" bringt die Leute hier zum Lächeln: Ein Besuch in Vercelli, berühmt nicht nur für schwarzen Reis, sondern auch als italienisches Epizentrum der Entschleunigung.

Von Thomas Steinfeld

Vercelli, eine kleine Stadt von gut 40 000 Einwohnern, liegt etwa eine Stunde westlich von Mailand. Sie ist leicht zu erreichen, mit der Bahn oder mit dem Auto, weil sie mitten im oberen Teil der Po-Ebene liegt, dort, wo die herrlichsten Piazze im Abstand von stets etwa dreißig Kilometern voneinander liegen. Aber es wollen offenbar nur wenige Menschen nach Vercelli reisen, was dazu führt, dass die Piazza Cavour an einem Sonntagnachmittag zu Frühlingsbeginn nahezu verwaist daliegt.

Ein scharfes, klares Licht fällt auf die bunten Bürgerhäuser, die so oder ähnlich seit mehr als 500 Jahren an diesem Platz liegen. Es taucht die Arkaden in einen tiefen Schatten, ein einsames Fahrrad rumpelt über das Kopfsteinpflaster, während irgendwo im Hintergrund ein paar Töpfe leise klappern. In der Mitte der trapezförmigen Piazza steht, in weißen Marmor geschlagen, Graf Camillo Cavour.

Wobei es möglich ist, dass die dankbaren Bürger der Stadt, die das Denkmal errichten ließen, dabei weniger an den Autor der italienischen Verfassung und ersten Ministerpräsidenten des Königreichs Italien dachten, als an den Mann, der sich für den berühmten Reis engagierte, der in dieser Gegend wächst, und den Weinbau beförderte, indem er einen Kanal quer durch das Piemont, von Chivasso über Vercelli nach Novara, anlegen ließ. Entsprechend rund ist der Bauch, den Graf Cavour in die Trägheit des Sonntagnachmittags streckt.

"La Stampa" meldet, australische Händler seien auf der Suche nach schwarzem Reis in der Gegend

Vercelli gilt, ausweislich einer Studie der Universität Mailand, mehrerer Artikel in der Turiner Zeitung La Stampa und einer eindrucksvollen Fotodokumentation auf Facebook, als "eine der italienischen Städte, in der man nicht mehr zu lächeln vermag" und gar als "langweiligste Stadt Italiens". Was hilft da eine prächtige Basilika aus dem frühen 13. Jahrhundert, die Kirche, mit der die Gotik in Italien Einzug hielt? Was nutzt es, dass der Palazzo Centori frisch restauriert ist, ein Stadtpalast aus dem 16. Jahrhundert, im Stil Donato Bramantes errichtet, dass in Vercelli in Gestalt des Museo Leone eines der schönsten regionalgeschichtlichen Museen Italiens steht, dass im Teatro Civico, einem heimeligen Bau aus der Glanzzeit der italienischen Oper, in diesen Tagen die "Lustige Witwe" aufgeführt wird?

Zur Zeit seien australische Reishändler in der Gegend, meldet die Regionalausgabe von La Stampa. Sie seien "auf der Suche" nach schwarzem Reis, der "in den besten Restaurants von Sydney und Melbourne" serviert werden soll. Und gewiss, das Konzept des Slow Food, einer vorindustriell betriebenen Landwirtschaft, deren Produkte auf regionaler Grundlage vertrieben werden, hat sich in dieser Gegend so fest etabliert, dass man gar nicht überrascht ist, am Rathaus einen Anschlag zu lesen, auf dem Vercelli zu "cittàslow", zur langsamen Stadt, erklärt wird.

Ob das aber so klug ist? Denn das Prinzip der Entschleunigung, das in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten populär wurde, zielt ja gar nicht auf die Kritik an den Verhältnissen, die das Leben in eine lange Kette von stets zu knappen Deadlines verwandelt, geschweige denn auf deren Abschaffung. Stattdessen empfiehlt sie einen anderen Umgang mit den entsprechenden Zumutungen, sie propagiert Pausen, die das Regime der stets weiter beschleunigten Verwertung am Ende um so vollkommener werden lassen. Nicht eine andere Verteilung von Zeitbudgets, sondern deren Außerkraftsetzung wäre der Anfang eines besseren Lebens. In dieser Hinsicht kann es keine größere Empfehlung für einen Ort geben, als die langweiligste Stadt Italiens zu sein.