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Schauplatz Berlin:Was sprichst du?

Die katholische Gemeinde "Heilige Familie" in Prenzlauer Berg hat neue Nachbarn. Für die Flüchtlinge in der Turnhalle nebenan bietet sie Sprachkurse an. Wie lehrt man Deutsch, wenn man eigentlich kein Deutschlehrer ist?

Von Stephan Speicher

Berlin galt früh als eine heidnische Stadt. Ein respektloser, materialistischer, ja frivoler Sinn wurde ihr attestiert; die Person Friedrichs II. spielte dabei eine große Rolle und ein Preußen zugeschriebenes politisches Denken, das den Staat zum irdischen Gott machte: "Herrendienst geht vor Gottesdienst." Ende des 19. Jahrhunderts war der Gottesdienstbesuch offenbar nur noch kärglich. Der forcierte Kirchenbau, vor allem durch die Kaiserin Auguste Victoria betrieben, konnte daran wenig ändern. Der örtliche Katholizismus hatte demgegenüber den prekären Vorzug der Diaspora-Situation. Minderheit zu sein, schließt zusammen; angefochten zu werden, macht jedenfalls nicht träge. Der katholische Kirchenbau vor allem der Zwanzigerjahre ist eindrucksvoll, Sankt Marien in Karlshorst zum Beispiel oder Heilige Familie und St. Augustinus in Prenzlauer Berg. Es ist ein Bautyp, der wuchtige, geschlossene Backsteinkörper hinstellt. Selbstbewusstsein und Verteidigungsbereitschaft, auch Verteidigungsnotwendigkeit gehen eine eigentümliche Mischung ein.

Die Kirche Heilige Familie hat seit einigen Wochen neue Nachbarn. In der Turnhalle Wichertstraße sind Flüchtlinge untergebracht, und die Gemeinde sieht sich in Anspruch genommen. An verschiedenen Abenden lädt sie zum Sprachunterricht in den Gemeindesaal. Es ist kein professioneller Unterricht, niemand ist im Fach "Deutsch für Ausländer" ausgewiesen. Es kommt, wer kommt, es soll den Fremden ein erster Kontakt, eine erste Begegnung mit der neuen Sprache geboten werden.

Ob es hilft? Es ist ein Anfang. Und es hilft den Hilfslehrern zu sehen, wie schwer es ist, als Erwachsener eine sehr fremde Sprache zu lernen. Kopierte Lernbögen liegen bereit, mit ihrer Hilfe werden erste Sätze gesprochen. Schon das Wort "sprechen" oder schlimmer noch der Mustersatz "Sprichst du Englisch?". "Sprichst", was ist das für ein Konsonantenkrachen und -knistern! "Wir machen etwas." Wie erklärt man die Bedeutung von "etwas", wenn man sich nicht mit einer englischen Übersetzung behelfen kann?

Die Kinder tun sich leichter. Sie finden die neue Lage aufregend. Am Ende des Abends macht es ihnen Spaß, überall herumzulaufen und sich von jedem Deutschen mit Händedruck zu verabschieden. Man müsste schon seit Jahren mumifiziert sein, um sich darüber nicht zu freuen. Sprechen zu lernen, ist Kindern ganz selbstverständlich, etwas nicht zu wissen oder zu verstehen, beunruhigt nicht weiter. Sie haben in ihrer alten Heimat jeden Tag Fortschritte gemacht, warum nicht auch jetzt in Berlin? Aber die Erwachsenen sehen in jedem unbekannten Wort, jeder merkwürdigen Form ein neues Beispiel für die unabsehbare Fülle von Merkwürdigkeiten der fremden Sprache. Nun lernt man Sprachen nicht als Ensemble reflektierter Normen, sondern aus Nachahmung und Gebrauch. Unser Wort "Elend" meinte ursprünglich "Fremde", eigentlich "anderes Land", das versteht man jetzt besser. Aber Berlin ist ja alte Kolonistenstadt.

© SZ vom 30.10.2015

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