Schauplatz Berlin:Ins Museum mit dem M

Rund 200 Demonstrantinnen und Demonstranten kamen am Mittwoch auf den Hausvogteiplatz zum vierten jährlichen "Fest zur Umbenennung der Berliner M-Straße", der Mohrenstraße. Und sie hatten sogar einen guten Vorschlag parat: Anton W. Amo.

Von Jan Kedves

Die CDU, die FDP und die AfD haben niemanden geschickt. Alle anderen Parteien sind vertreten. Mit öffentlicher Ablehnung kolonial belasteter Namen im öffentlichen Raum lassen sich Stimmen werben. Der Mann von den Grünen fordert, "den in diesem Straßennamen manifestierten historischen Rassismus zu tilgen". Die SPD-Frau sagt, als Mutter von vier Kindern sei sie schockiert darüber, wie wenig über deutschen Kolonialismus im Lehrplan stünde. Die junge Frau von der Linken ist noch ganz frisch dabei, sie stottert ein wenig: Als sie gerade in einem Spätkauf erzählt habe, wo sie hingehe, habe man ihr gesagt: "Macht euch nicht lächerlich!"

Die Politiker und Politikerinnen sind, unnötig zu erwähnen, weiß. Die etwa 200 Demonstrantinnen und Demonstranten sind zur Hälfte schwarz. Sie applaudieren, aber richtige Feierlaune will nicht aufkommen. Ist es die Demo-Müdigkeit? Vergangene Woche erst das Soli-Event für Charlottesville am Brandenburger Tor, dann der Protest gegen den Nazi-Aufmarsch in Spandau. Jetzt, am Mittwochnachmittag auf dem Hausvogteiplatz: das vierte jährliche "Fest zur Umbenennung der Berliner M-Straße".

Die heißt immer noch Mohrenstraße, und zuletzt sind, etwa in der Berliner Zeitung, wieder viele Zeilen von weißen deutschen Historikern erschienen, die betonen, dass die afrikanischen Repräsentanten aus Groß Friedrichsburg im heutigen Ghana, zu deren Ehren die Straße im 17. Jahrhundert mutmaßlich benannt wurde, ja wohl freiwillig nach Berlin gekommen seien. Was nichts daran ändert, dass das Wort im heutigen Ohr partout nicht positiv klingen will, ob man es nun vom griechischen "moros" (töricht, dumm) oder dem lateinischen "maurus" (schwarz, dunkel) ableitet. Viele der schwarzen Deutschen beim Fest schütteln jedes Mal, wenn ein Redner es nicht vermeiden kann, das Wort ins Mikro zu sprechen, die Köpfe.

2004 machte die einst in der Straße ansässige Schokofirma Sarotti aus ihrem Logo einen goldenen "Magier der Sinne". Später gab es aus dem Umfeld der Antifa die Guerilla-Umbenennung mit Spraydosen: Möhrenstraße. Lustig, aber zu lustig für das Thema. Die Organisatoren des Fests, die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. und Berlin Postkolonial e.V., haben auch Gert G. Wagner eingeladen, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, das in der M-Straße sitzt. Er betont, er sei im Kollegium nicht allein mit seiner Ansicht, dass der Name weg müsse. Das Straßenschild gehöre ins Museum, sagt Wagner, dort könne es besser kontextualisiert und aufgearbeitet werden als im öffentlichen Raum. Dem Argument kann man sich schwer entziehen. Ab ins Humboldt-Forum damit?

Die Menschentraube schreitet zum Ritual: Sie halten symbolisch ein neues Straßenschild hoch. Anton-W-Amo-Straße. Wer ist Anton W. Amo? Er wurde 1703 im heutigen Ghana geboren, als Kind versklavt, nach Amsterdam verschleppt und an den Herzog von Braunschweig und Lüneburg-Wolfenbüttel "verschenkt". Der "vererbte" ihn als "Kammermohr" an seinen Sohn, der das menschliche Erbstück studieren ließ. Anton W. Amo promovierte 1734 in Philosophie und lehrte an den Universitäten von Halle, Wittenberg und Jena. Der erste afrikanische Wissenschaftler in Deutschland. Ein geeigneter Kandidat für die M-Straße, bestimmt.

© SZ vom 25.08.2017
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