Schäden an öffentlichen Großprojekten Wenn Pfusch zum Prinzip wird

Von Anfang an kaputt: Nicht nur die Pinakothek der Moderne in München muss saniert werden, auch anderswo in Deutschland bröckelt der Putz von den noch jungen Fassaden. Schuld sind dabei weder Architekten noch Material.

Von Gottfried Knapp

Die Staatlichen Museen in München haben die Trauerbotschaft eben verkündet: Die Pinakothek der Moderne wird von Februar 2013 bis voraussichtlich September 2013 wegen Sanierungsarbeiten geschlossen. Ein gerade mal zehn Jahre alter Neubau muss also wegen schwerwiegender Schäden ertüchtigt werden - und wie in den vielen anderen prominenten Fällen, in denen öffentliche Kulturbauten schon nach wenigen Jahren empfindliche Schäden zeigten, sieht man auch in München jetzt wieder die bekannten Vorurteile aus dem Boden schießen. Erstens: Die Architekten sind schuld; sie beherrschen ihr Handwerk nicht mehr. Zweitens: Das Material ist schuld; Beton ist ein hässlicher, minderwertiger Baustoff.

Die Pinakothek der Moderne in München muss wegen Mauerrissen saniert werden. Das Museum ist nicht das einzige Gebäude, bei dem der Staat an der falschen Stelle sparte.

(Foto: dpa)

Mit solchen nassforschen Behauptungen schießt man an der banalen Wahrheit leider total vorbei. Wären die Architekten schuld an den vielen Mängeln, die in den letzten Jahren an kurz vorher fertiggestellten öffentlichen Bauten festgestellt worden sind, könnte es nicht die über Jahrzehnte hinweg stabilen Neubauten geben, die von den gleichen Architekten mit den gleichen Materialien in privatem Auftrag errichtet worden sind.

Architekten versuchen den Funktionen eines geplanten Baus eine ästhetisch überzeugende Form zu geben. Die Stabilität und Sicherheit des vorgeschlagenen Baukörpers wird aber von unabhängigen Statikern kritisch geprüft. Wenn also, wie jüngst in der Pinakothek der Moderne, Risse im Mauerwerk auftreten, die nicht von einem Erdbeben verursacht worden sind, könnte man anstelle des Architekten allenfalls den Statiker belangen. Doch Statiker haben sich in Deutschland selten so fatal geirrt, dass ein von ihnen geprüftes Gebäude nach zehn Jahren aus Sicherheitsgründen geschlossen werden musste.

Das heute unverzichtbare Material Stahlbeton aber ist, wenn es fachgerecht eingesetzt wird, zu wahren architektonischen Wundern fähig, zu Monumenten, die auf statischem Gebiet Maßstäbe setzen, aber auch höchsten ästhetischen Bedürfnissen gerecht werden.

Die Elbphilharmonie - mit lächerlich niedrigem Etat kalkuliert

Die Misere des öffentlichen Bauens in Deutschland - zumal bei Kulturbauten, die von einem beträchtlichen Teil der Öffentlichkeit für verzichtbar gehalten werden - erwächst in peinlich vielen Fällen aus dem Sparzwang, dem Neubauten der öffentlichen Hand immer entschiedener unterworfen sind; aber auch aus den bewusst nach unten gedrückten falschen Zahlen, mit denen bei Planungen von Kulturhäusern gerne operiert wird.

Die höchst waghalsig auf ein altes Speichergebäude gepfropfte Elbphilharmonie in Hamburg mit ihren drei Konzertsälen, dem eingebauten Hotel, den gastronomischen Einrichtungen, der öffentlich zugänglichen Plaza in 37 Metern Höhe und der großen Parkgarage ist ehedem mit einem so lächerlich niedrigen Etat kalkuliert worden, dass die Strafen, die für dieses Vergehen bezahlt werden müssen, die ursprünglich genannten Baukosten um ein Mehrfaches übersteigen werden.

Von Anfang an kaputt

Die für den Kultur-Freistaat Bayern beschämende Baugeschichte der Pinakothek der Moderne aber ist ein Musterbeispiel dafür, wie rigorose Sparauflagen ein Kulturbauwerk nachhaltig beschädigen können. Der Staat als Auftraggeber hat sich überhaupt erst zur Finanzierung des lang ersehnten Vierspartenmuseums bereit erklärt, als private Spender zehn Millionen Euro als Startkapital bereitgestellt hatten. Und als abzusehen war, dass der festgelegte Kostendeckel viel zu niedrig kalkuliert war, mussten, damit die Bauarbeiten abgeschlossen werden konnten, wieder private Spender die fehlenden Millionen aufbringen.

Zu diesem Zeitpunkt waren aber die Fehler, die demnächst zur Schließung des Hauses zwingen, längst geschehen: Die von den Bauämtern ausgewählten Billigstanbieter hatten als Pfuscher ganze Arbeit geleistet. So hat es von Anfang an undichte Stellen im Gebäude gegeben; die in die Oberlichter eingebauten Verschattungsanlagen haben nie funktioniert; und der Sichtbeton der Fassaden war so miserabel angemischt, dass die bunt gesprenkelten Oberflächen einheitlich betongrau übertüncht werden mussten.