Sachbuch Unerkanntes Einverständnis

Was war früher Heimat, was ist es heute noch? Und wie kommt es, dass einer sich in Deutschland zu Hause fühlt. Der Journalist Eberhard Rathgeb erkundet ein kompliziertes Gefühl: "Am Anfang war Heimat".

Von Hannes Vollmuth

Das Buch "Am Anfang war Heimat" von Eberhard Rathgeb ist nicht gerade dünn, 370 Seiten plus Literaturhinweise. Es verspricht, einem komplizierten Gefühl auf den Grund zu gehen. Es will zeigen, was früher Heimat war und heute noch ist, wie es kommt, dass ein Mensch sich in Deutschland zu Hause fühlt. Und obwohl längst nicht alle Versprechen erfüllt werden, ist "Am Anfang war Heimat" ein sehr interessantes Buch geworden.

Das Grausame an der Heimat ist ja, dass alle eine haben, wenige darin wohnen und kaum mehr einer darüber sprechen will. Heimatromane, Heimatfilme und Heimatmuseen haben verheerend gewirkt. Schon das Wort "Heimat" nimmt außerhalb von Bayern niemand wirklich ironiefrei in den Mund. Soweit zur Arbeitsgrundlage des Einwandererjungen, Journalisten und Schriftstellers Eberhard Rathgeb.

Rathgeb selbst wurde 1959 in Buenos Aires geboren, er hat, um seine 400 Seiten irgendwie zusammenzuhalten, den eigenen Vater im Zentrum seines Sachbuchs abgestellt. Rathgebs Vater zwangen die Umstände zwischen den Weltkriegen nach Argentinien, wo er halb glücklich, halb unglücklich wieder darauf wartete, zurückzukehren. Und als dies geschehen war, nannte er das Post-Nazi-Deutschland tatsächlich wieder "Heimat", was den Sohn nicht nur verwunderte, sondern auch zu seinem Buch angestiftet hat: "Der Satz trennte uns, nicht wie uns Ansichten über Politik und Leben trennten, er beurkundete ein Einverständnis mit etwas, das ich nicht kannte, nicht spürte."

Und so sitzt der Sohn am Krankenbett des sterbenden Vaters, ein winziges Zimmer, indem die Stille nur von Röcheln und Husten unterbrochen wird, und denkt an die großen Dichter und Denker Deutschlands, und wie es um ihr Verhältnis zur Heimat bestellt gewesen war: "Heimat ist ein Gefühl wie Liebe und Hass, das heißt, auch sie lässt sich nicht mit ein paar Worten einkreisen und definieren, anders als Sonne, Vogel oder Kuchen."

Heimat ist auch Denken und Sprache, ist vor allem ein geistiger Ort

Rathgeb hat dieses Buch nämlich auch geschrieben, um die deutsche Geistesgeschichte abzuklopfen, auf dass alles Heimatmäßige aus ihr herauspurzeln soll. Schnell landet er dann bei Geistesgrößen wie Heidegger, arbeitet sich rückwärts und vorwärts durch die Zeit, und am Ende steht der Vater neben Heidegger neben Stefan Zweig neben Thomas Mann neben Wittgenstein. Heimat, so die ungefähre These dieses Buchs, ist auch Denken und Sprache, also vor allem ein geistiger Ort.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Der Auswandererfigur Stefan Zweig kommt neben Rathgebs Vater deshalb auch eine besondere Bedeutung zu. Beide wurden nicht nur geografisch vertrieben, sondern in erster Linie aus der deutschen Kultur und Sprache ausgespuckt. Zweig verließ sein Heimatland Österreich im Jahr 1934, ging nach London ins Exil, reiste später über New York, Argentinien und Paraguay weiter nach Brasilien, während das Zweig'sche Anwesen auf dem Salzburger Kapuzinerberg veräußert wurde und damit die Nabelschnur in die Heimat endgültig gekappt. "Das Heimatgefühl irrte fortan herum", schreibt Rathgeb. Schöner kann man die Tragödie des Exils eigentlich gar nicht auf den Punkt bringen.

Leider erzählt Rathgeb nicht immer so konkret. Oft umsegelt er seinen Gegenstand nur, und immer hat man die Angst, dass er ihn am Ende ganz aus den Augen verliert. Bleiben wir jetzt doch in Heideggers Schwarzwald-Hütte sitzen? Verenden wir bei Stifter und seiner Fast-Italienreise? Verzetteln wir uns mit Dürer in Überlegungen zur Aktmalerei?

"Am Anfang war die Heimat" ist deshalb vor allem ein irrer Stunt, Heimatbuch, Vaterbuch, Geschichtsbuch in einem, was eigentlich gar nicht richtig zusammengeht. Manchmal liest sich das alles sentimental, verstiegen und vage, dann wieder geistreich, innig und aufwühlend.

Aber am interessantesten ist noch etwas anderes, nämlich das Grundrauschen, das unter dem ganzen Text liegt. Es geht nämlich auch um die Flüchtlinge, die jetzt in Deutschland heimisch werden wollen und die den Deutschen vor Augen führen, wie wichtig die eigene Heimat irgendwie doch ist. Gut möglich, dass man in den nächsten Jahren wieder mehr darüber sprechen wird, nicht verdruckst und verschämt, sondern ganz ehrlich. In jeder größeren Stadt florieren inzwischen die Regionalstammtische, mit dem immer gleichen Thema: In Berlin-Mitte wohnen bleiben oder doch zurück auf die Schwäbische Alb zu den Geschwistern, Freunden und alten Eltern? Insofern hat Eberhard Rathgeb schon das Richtige getan, hat ein assoziatives, gefühliges Buch über die Psychologie der Heimat geschrieben, oft klug, ab und zu elegisch, manchmal vage. Wahrscheinlich ist die Vermessung dieses Gedanken- und Gefühlsorts gar nicht anders möglich.