Sachbuch:Subversiver Frühsport

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Das Verhältnis zwischen China und dem Westen besteht aus einer Vielzahl von Missverständnissen. Mark Siemons, der China-Korrespondent der FAZ, erklärt diese Probleme an Beispielen vom Straßenverkehr bis zur Politik.

Von Burkhard Müller

Kein Land auf der Welt, nicht einmal die unter Donald Trump erratisch gewordenen USA, macht seinen Freunden und seinen Kritikern so viel Kopfzerbrechen wie China. Mark Siemons, langjähriger China-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und offenbar, was bei Europäern eher selten der Fall ist, auch der chinesischen Sprache mächtig, hat seinem Buch einen absichtsvoll doppeldeutigen Titel gegeben: "Die chinesische Verunsicherung". Unsicher fühlt sich nicht nur der Westen, sondern auch China selbst. "In diesem Buch", sagt der Autor, "soll die Verwirrung einmal so ungeschützt erhalten bleiben, wie sie der in China Lebende vorfindet, mit all jenen Elementen, die so, wie sie in die geistige und physische Geografie dieses Staats eingeschrieben sind, nicht zueinander passen wollen."

Das erweist sich als ein höchst fruchtbarer Ansatz. Das im Ausland Unverständliche an Staat und Gesellschaft Chinas entspringt natürlich zunächst der Distanz einer Kultur, die alt und fremd auch dann bleibt, wenn sie sich in gigantischem Umfang westliche Errungenschaften zu eigen macht. Aber es hat auch zu tun mit den Widersprüchen, die in diesem Prozess neu auftauchen. Was heißt Konfuzianismus unter den Bedingungen einer neuen Mittelschicht? Wie verträgt er sich mit dem Kommunismus, den die gegenwärtige Staatsleitung wieder stark betont, nachdem er zwischenzeitlich zu einem scheinbar bloßen Lippenbekenntnis abgesunken war? Wer ihn dafür hält, meint Siemons, übersieht die leninistischen Züge, die Xi Jinpings Herrschaftssystem trägt: Wirtschaftliche und politische Macht bleiben aufs engste verkoppelt (mit der unausweichlichen Folge der Korruption), und stärker denn je versucht die Partei, jede andere Art von Öffentlichkeit als ihre eigene zu unterbinden. Blogger werden nicht nur wegen ihrer Ansichten verfolgt und "zum Tee eingeladen", das heißt verhört, sondern weil sie ein Forum schaffen. Wer eine gewisse Menge Follower hat, ist dran, egal was er sagt.

Mark Siemons: Die chinesische Verunsicherung. Stichworte zu einem nervösen System. Edition Akzente Hanser Frankfurt am Main, 2017. 190 Seiten, 22 Euro. E-Book 16,99 Euro. (Foto: Verlag)

Das Neue steht neben Uraltem: Als Gegengewicht zur starren Hierarchie ohne Gewaltenteilung hatte es in China von jeher ein ausgeprägtes Petitionswesen gegeben - und das besteht fort bis heute. Siemons hat mit den Petenten gesprochen; fast nie dringen sie durch, sie werden auf alle möglichen Arten von der mittleren Bürokratie entmutigt, in Peking gibt es geheime "schwarze Gefängnisse" mit dem ausschließlichen Zweck, diese Störenfriede am Überreichen ihrer Eingaben zu hindern. Aber gerade so verrät sich die Angst der Herrschenden, die wissen, dass ihnen von einem unzufriedenen Volk das zum Regieren unentbehrliche "Mandat des Himmels" entzogen werden kann. Den westlichen Medien mag es als lächerliche Überreaktion erscheinen, wenn eine Strömung wie Falun Gong drangsaliert wird, die doch bloß Frühsport im Park treiben will. Doch aus solchen Sportzirkeln gingen in der chinesischen Geschichte stets die Bewegungen der Rebellen hervor, nicht zuletzt die "Boxer". China hat eine starke Untertanen-Tradition, aber eine nicht schwächere der Aufsässigkeit, und seine Geschichte ist voll von unglaublicher Gewalt.

Fast alle politischen Begriffe, mit denen die chinesische Staatsführung hantiert, bekommen etwas Missverständliches, wenn man sie in westliche Sprachen übersetzt, die "Herrschaft des Rechts" beispielsweise. Dass unmittelbar, nachdem diese in einer Schlüsselrede offiziell eingefordert wurde, die Polizei massenweise Dissidenten verhaftet, erscheint im Westen als Zynismus. Doch mit Herrschaft des Rechts ist in China keineswegs die Existenz unabhängiger Gerichte gemeint, sondern die Durchgriffsmöglichkeit der Zentrale gegenüber den persönlichen Interessen örtlicher Machthaber oder Aufrührer, und damit stehen die Polizeiaktionen völlig im Einklang. Siemons' Buch dient vor allem als Warnung, nicht über etwas zu urteilen, das man nicht begriffen hat.

Siemon gliedert sein Thema in mehrere große Bereiche: chinesische Werte, Elemente der Herrschaft Xi Jinpings, recycelte Traditionen. Das alles ist knapp gehalten und höchst aufschlussreich. Am fesselndsten liest sich die reportagenhafte zweite Hälfte, in der es um das kulturelle System und das "neue Leben" im Alltag geht. Auch hier kommt es zu Missverständnissen ohne Ende, etwa wenn sich die Westler über die vermeintliche Rücksichtslosigkeit im chinesischen Straßenverkehr aufregen. Sie stellen nämlich nicht in Rechnung, dass es in China simultan immer zwei Regelsysteme gibt: das offizielle, welches einem Autofahrer gebietet, am Zebrastreifen zu halten, und das inoffizielle, welches demjenigen Priorität gibt, der möglichst rasch den verfügbaren Raum besetzt - das wird meist der Autofahrer sein. Ein Westler erwartet, dass der Fahrer bremst, sobald der Fußgänger Blickkontakt zu ihm hergestellt hat. Ein chinesischer Fahrer aber drückt genau in diesem Augenblick auf die Tube: der Fußgänger hat ihn ja gesehen! Das kann für einen Ausländer leicht lebensgefährliche Folgen haben.

© SZ vom 20.07.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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