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Sachbuch:Herzensbildung

Der missachtete Kaufmann Simon Veit, in Öl porträtiert von seinem Sohn Johannes Veit.

(Foto: Jüdisches Museum Berlin)

Hazel Rosenstrauch würdigt den jüdischen Kaufmann Simon Veit, der bisher nur deshalb in den Annalen verzeichnet war, weil der Dichter Friedrich Schlegel ihm 1797 die Ehefrau ausgespannt hat.

Von Lothar Müller

Was ist das Unglück einer romantischen Frau? Ein prosaischer Mann. Wie kann sie von diesem Unglück befreit werden? Durch einen romantischen Mann. Das ist die Formel, nach der schon zu ihren Lebzeiten von Brendel Veit erzählt wurde, der Tochter Moses Mendelssohns, aus der Dorothea Schlegel wurde. Der prosaische Mann war der jüdische Kaufmann und Bankier Simon Veit, den ihr Vater für sie ausgesucht hatte, und den sie nach 14 Jahren Ehe verließ, als sie 1797 im Salon von Henriette Herz in Berlin den Schriftsteller Friedrich Schlegel kennenlernte. Die Affäre machte auch deshalb Furore, weil der romantische Mann sie zum Stoff eines Romans machte. Friedrich Schlegels "Lucinde" erschien 1799, im Jahr der Scheidung Dorotheas.

Kaum mehr als eine Umrisszeichnung war Simon Veit (1754-1819) bisher, ein amusischer Geschäftsmann im Kontor, der taub war für den ästhetischen und intellektuellen Enthusiasmus der romantischen Generation. Nun hat die in London geborene, in Wien aufgewachsene und seit Langem in Berlin lebende Autorin Hazel Rosenstrauch im Nachlass eines Nachkommen von Dorothea Schlegel Dokumente gefunden, die es ihr erlauben, ein genaueres Bild zu zeichnen.

Bekannt war die Großzügigkeit, mit der Simon Veit seine geschiedene Frau und Friedrich Schlegel materiell unterstützte, wenn dies erforderlich war. Nun bettet ihn Hazel Rosenstrauch erstmals nuanciert in seine Herkunftsgeschichte, also in das Milieu der jüdischen Oberschicht, und in den Kontext der jüdischen Aufklärung in Berlin ein. Mit resignativer Toleranz ertrug Veit nicht nur, dass Dorothea zunächst zum Protestantismus, dann mit Friedrich Schlegel zum Katholizismus konvertierte, sondern überdies, dass die gemeinsamen Söhne, die Maler Johannes und Philipp Veit, ebenfalls katholisch wurden, nach Rom gingen, und den Markt mit Madonnenbildern belieferten. "So lange wir nur verschieden in der Religion, in unsern moralischen Grundsätzen eins sind, so wird nie eine Trennung zwischen uns vorfallen", schrieb Simon Veit 1810 an seinen Sohn Philipp. Er muss besessen haben, was die Zeitgenossen "Herzensbildung" nannten.

Briefe der Söhne an den Vater, die meisten aus Rom, bilden das Hauptkonvolut der neu aufgetauchten Dokumente. Schon, damit die kärglichen Informationen über den Nachlass, dem sie entstammen, ergänzt werden können, ist dem erhellenden Buch eine zweite Auflage zu wünsche.

Hazel Rosenstrauch: Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau. Persona Verlag, Berlin 2019. 112 Seiten, 10 Euro.

© SZ vom 24.06.2019

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