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Sachbuch:Die Entdeckung des Denisova-Menschen

Johannes Krauses "Die Reise unserer Gene" ist ein wunderbares Buch über die rasanten Erkenntnisfortschritte einer neuen Wissenschaft: der Archäogenetik.

"Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollten wir ihn unergründlich nennen?" So beginnt Thomas Mann sein umfangreichstes Werk, die Tetralogie "Josef und seine Brüder", die zur Zeit der biblischen Patriarchen und ägyptischen Pharaonen spielt. Und zur Zeit von Thomas Mann hieß tief wirklich noch so viel wie unergründlich. Mit Erstaunen sah dieser Autor, dass so ziemlich alles, was wesenhaft die menschliche Kultur ausmacht - Ackerbau, Viehzucht, Gesellschaft, städtisches Leben - schon da war, als das erste historische Licht auf sie fällt. Was noch tiefer lag, was ohne Schrift und steinerne Häuser stattgefunden hatte, das hatte außer einem Haufen Faustkeile und Tonscherben, den ewigen Langweilern der Heimatmuseen, so gut wie keine Spuren hinterlassen. Und lange schien es, als müsste es auch so bleiben.

Aber in den Jahrzehnten seit Thomas Mann wurde eine Reihe von Verfahren entwickelt, die das vormals unbeachtet Stumme zum Reden brachten. Die Radiokarbonmethode erlaubte es auf einmal, die organischen Überbleibsel der Vergangenheit zu datieren. Die Dendrochronologie wies allem, was aus Holz war, mithilfe der Jahresringe ein genaues Alter zu. Die Analyse von Pollen aus den Schlammschichten der Seen gewährte Aufschluss, wann es welche Pflanzendecke gegeben hatte und was die Leute damals anbauten und aßen. Und als jüngstes und fesselndstes dieser Verfahren gibt es seit ungefähr zwanzig Jahren die Archäogenetik.

Als um die Jahrtausendwende erstmals die Decodierung eines kompletten menschlichen Genoms gelang, war das eine nicht nur wissenschaftliche, sondern auch populäre Sensation. Inzwischen ist die Archäogenetik in aller Stille erheblich vorangekommen. Wenn die Entschlüsselung des Erbguts eines einzelnen Menschen damals noch zehn Jahre in Anspruch nahm, so schafft man heute 300 menschliche Genome pro Tag, Tendenz steigend. So wird es möglich, flächendeckend ein Bild menschlichen und anderen Lebens auch in der entfernten Vergangenheit zu entwerfen.

Der Wissenszuwachs, der durch die Archäogenetik eintritt, ist ungeheuer

Beim Übertritt von der Fach- auf die Sachbuchebene besteht immer das doppelte Risiko, dass entweder der Fachmann, der sich ans Publikum wendet, sein Wissen nicht fasslich zu vermitteln versteht oder aber der Vermittler nicht alles so genau verstanden hat und darum seichten Unfug produziert. Darum muss man es als einen Glücksfall bezeichnen, dass sich für das Buch "Die Reise unserer Gene" zwei Autoren zusammengetan haben, die einander ergänzen: Johannes Krause, Direktor des Max-Planck-Institus für Menschheitsgeschichte in Jena, ist für den wissenschaftlichen Gehalt verantwortlich. Der Wissenschaftsjournalist Thomas Trappe hat geholfen, aus dem, was Krause weiß, ein gut und spannend lesbares Buch über die Forschungen der Archäogenetik zu machen.

Wenn also Krause aus dem russischen Altai das weniger als beerengroße Stückchen der Fingerspitze eines Mädchens, das vor 70 000 Jahren starb, zugeschickt bekommt und er daraus die Existenz einer ganz neuen Spezies deduziert, des Denisova-Menschen, der neben Homo sapiens und Neandertaler als Dritter im Bunde durchs vorzeitliche Eurasien streifte, dann verwandelt sich der Bericht hierüber in eine echte Story.

Der Wissenszuwachs, der durch die Archäogenetik eintritt, ist ungeheuer. Fragen, die als unlösbar galten, sind mit einem Mal gelöst. Wo der moderne Mensch sich entwickelte, welche Wanderungsbewegungen es zu welchem Zeitpunkt gab: Jetzt steht es fest. Die Bevölkerung Europas setzt sich (dies eins der wesentlichen Resultate) zu ungleichen Teilen aus dem Ergebnis von drei Einwanderungen zusammen. Der ältesten Gruppe der Jäger und Sammler folgten vor rund 8000 Jahren anatolische Bauern nach, die vom Balkan her einwanderten, und diesen wieder vor rund 5000 Jahren berittene Steppenvölker aus dem Osten.

Auch die alte Streitfrage, ob das Vordringen neuer Kulturformen auf friedlichem Weg durch Übernahme der Techniken oder gewaltsam durch Verdrängung der älteren Bevölkerung geschah, konnte entschieden werden: vorwiegend durch Gewalt. Die Eroberer aus dem Osten kamen als Junggesellenverbände und nahmen sich die Frauen, die sie brauchten, vor Ort, was schwerlich auf reinem Verhandlungsweg vor sich ging. Woher man so etwas weiß? Nun, man kann bei heute lebenden Menschen die DNA in den Mitochondrien, die ausschließlich durch die Mutter vererbt wird, mit derjenigen auf dem Y-Chromosom vergleichen, die immer der Vater weitergibt, und sieht dann deutlich, wer woher kam. Auch über die zentrale Rolle, die schon früh Krankheiten wie die Pest spielten, welche bereits vor Jahrtausenden zu einer weitgehenden Entvölkerung Europas führte, erfährt man Verblüffendes und Erschreckendes. Selten dürfte man auf nur 250 Seiten so viel und so grundstürzend Neues lernen wie bei diesem Buch.

Bliebe alles immer, was es war, so wäre das Heutige nicht, was es ist

Da bräuchte es noch nicht einmal die aktualisierende Anknüpfung an die Gegenwart, welche die Autoren für nötig halten. Sie beginnen ihr Buch mit dem Blick auf einen gewaltigen Migrantenstrom, der donauaufwärts nach Mitteleuropa eindringt, und verraten erst später, dass die Szene, die sie meinen, ein paar Hundert Generationen zurückliegt. Und gegen Ende betonen sie stark, dass Europa seinen heutigen Zustand, den die Nationalisten aller Couleur verteidigen, allein der Einwanderung verdankt. Die alte Gleichung Volk = Sprache = Kultur brechen sie nachdrücklich auf. Den Reaktionären der Gegenwart geben sie den bemerkenswerten Satz mit auf den Weg: Bliebe alles immer, was es war, so wäre das Heutige nicht, was es ist. Freilich machen sie uns wenig Hoffnung, dass das gemischte Neue je ohne Konflikt entsteht.

Dieses überaus bereichernde Buch begeht allerdings einen interessanten Missgriff. Gewissermaßen nebenbei will es auch das alte Problem lösen, woher und auf welchen Wegen die heute dominante Sprachfamilie des Indoeuropäischen nach Europa gekommen ist. Hierzu schlagen die Autoren eine "Hybridtheorie" vor, in der sich die herkömmliche Sprachgeschichte mit den Erkenntnissen der Archäogenetik verschränkt. Sie wissen, dass im Erbgut eine genetische Uhr tickt, das heißt pro Zeiteinheit eine relativ konstante Anzahl spontaner Mutationen vorfällt, sodass man aus dem Maß der genetischen Differenzen zwischen Arten und Populationen auf den Zeitpunkt schließen kann, an dem sie sich voneinander getrennt haben.

Das Uralte ist, gemessen an sonstigen sprachlichen Erscheinungen, blutjung

Dieses Modell übertragen sie auf den Sprachwandel. Auch hier sei der Grad der Diversität eine direkte Funktion der verstrichenen Zeit. So landen sie bei einem Diagramm (es sieht wie ein Mobile aus), das mit großer Exaktheit die Abstammungsverhältnisse in einer Serie von Gabelungen festlegt. Zuerst habe sich das Anatolische abgespalten, dann das Tocharische, dann das Griechische und Armenische und so weiter. Sie setzen dabei voraus, dass die sprachliche wie die biologische Entwicklung ganz einfach auf einem Zeitstrahl vorangleitet, und lassen außer Acht, dass in der Sprache Zeit in ein Verhältnis zu sich selbst übergeht, also historisch wird.

Es ist ja richtig, dass durch gesetzmäßig beschreibbare Prozesse ein Ur sich in der deutschen Sprache allmählich in einen Auerochsen verwandelt hat und der Aar so unverständlich wurde, dass er zunächst verdeutlichend zu einem Edel-Aar und dann, gänzlich verdunkelt, zu einem Adler mutierte. Aber dann kommen im 18. Jahrhundert die jungen Poeten und holen das Abgetane wieder hervor, und plötzlich sind, obwohl in freier Wildbahn fast oder ganz ausgerottet, Aar und Ur wieder in aller Munde. Der Aar hält sich nicht so recht, aber das Ur verselbständigt sich zur Vorsilbe. Das Uralte ist, gemessen an sonstigen sprachlichen Erscheinungen, blutjung. Hier greift die Kategorie der Tradition, in der die Zeit sozusagen ihre Fließrichtung umkehrt. Tradition tut, was ein evolutiver Abkömmling niemals macht: Sie blickt zurück, denkt nach und wählt aus.

Dieses Phänomen lässt sich im Modell von Krause und Trappe schlechterdings nicht abbilden. Es ist genau genommen auch kein hybrides Modell, also eines, in dem zwei Wissenschaften und ihre Methoden verschmelzen, sondern eine feindliche Übernahme der Sprachwissenschaft durch die Evolutionstheorie. Immer soll es die große Theorie von allem sein, immer drängelt sich dabei eine Leitwissenschaft nach vorn - und immer werden ihre überzogenen Ansprüche an der Bockigkeit des Materials zuschanden. Lesen Sie das Buch trotzdem, es lohnt sich!