Saarländischer Rundfunk Affäre im kleinen Land

Einer Produktionstochter des SR fehlen 15 Millionen Euro. Die Finanzaffäre wirft ein unschönes Licht auf Geldgeschäfte im Umfeld des öffentlich-rechtlichen Systems.

Von Claudia Tieschky

Für den Fall müsste eigentlich der längst pensionierte Tatort-Kommissar Max Palü noch einmal zurückkehren: Es geht um verschwundene Millionen und einen verschwundenen Geschäftsführer, vor allem aber spielt dieser Fall dort, wo Palü sich auskennt: im Saarland.

Genauer: in der Telefilm Saar GmbH (TFS), die einst für den Saarländischen Rundfunk (SR) die Krimis mit Jochen Senf produzierte.

Eine Nebenfigur wäre auch der SR-Intendant Fritz Raff. Der Chef des kleinen Saar-Senders amtiert derzeit als Vorsitzender der großen ARD. In seinem Sendegebiet wirft nun plötzlich eine Finanzaffäre unschönes Licht auf Geldgeschäfte im Umkreis des öffentlich-rechtlichen Systems. Inzwischen liegt Strafanzeige vor.

Im Zentrum steht die TFS, eine mittelbare Tochter des SR, die zuletzt vor allem Trailer für das ARD-Programm herstellte. Laut Strafanzeige besteht der Verdacht, dass jetzt "ein nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag in Höhe von mindestens 15 Millionen Euro zu verzeichnen sein wird". SR-Chef Raff spricht von einem "augenscheinlich mit hoher krimineller Energie betriebenen System" - und das ganz in seiner Nähe.

Ein Fall mit kurzen Wegen und vielen Verwandten

Wie der Saarländische Rundfunk ist die TFS im Funkhaus Halberg untergebracht, das Raffs ganzer Stolz ist. Hundertprozentige Gesellschafterin der TFS ist die Werbefunk Saar GmbH (WFS), eine direkte SR-Tochter. Aufsichtsratschefin bei TFS und WFS ist Sigrid Morsch, CDU, stellvertretende Verwaltungsratsvorsitzende des SR und Bürgermeisterin der saarländischen Gemeinde Oberthal. "Der Aufsichtsrat war nicht nachlässig", sagte sie der Süddeutschen Zeitung.

Ein Fall mit kurzen Wegen und vielen Verwandten - was da im Saarland läuft, wirkt wie ein Stück darüber, was herauskommt, wenn ARD-Anstalten ihre Töchter Unternehmer spielen lassen. Eine Affäre im kleinen Land an der Grenze, wo zum Funkhaus auch viele Hektar Wald gehören. Aber auch eine Affäre in Zuständigkeit des amtierenden ARD-Chefs, die zu einer Folge von Skandalen passt, die in letzter Zeit ein marodes Bild vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen boten: Schleichwerbung mit Margarine und in der Vorabendserie Marienhof, teure Exklusivverträge mit Jan Ullrich oder der Korruptionsfall Jürgen Emig (SZ vom 3. Mai).

Im Saarland läuft es wie an vielen anderen Plätzen in Deutschland: Eine echte Kontrolle scheint dem TFS-Aufsichtsrat nicht gelungen zu sein. Der wiederum ist mit einer illustren Riege saarländischer Persönlichkeiten besetzt. Neben Morsch sind zum Beispiel der SR-Verwaltungsratschef Thomas Kleist und Intendant Fritz Raff vertreten. Volker Giersch, als SR-Rundfunkratschef derzeit oberster Gremienkontrolleur der ARD, wirkt hier und auch der saarländische Staatskanzleichef Karl Rauber (CDU).

Schöpfte keiner Verdacht? Immerhin war die TFS einmal in einem Schleichwerbefall in die Schlagzeilen geraten. War die Produktionstochter ein blinder Fleck im Auge der Kontrolleure? Es gebe klare Anhaltspunkte, so Morsch, "dass die Telefilm Saar, ihr Aufsichtsrat und Wirtschaftsprüfer systematisch getäuscht wurden". Nach ersten Anzeichen von Unregelmäßigkeiten seien Prüfer berufen und externe Hilfe geholt worden.

Die Vorwürfe richten sich gegen den in der vorigen Woche fristlos entlassenen TFS-Geschäftsführer Joachim Schöneberger, 57. Ein Mann, der laut Morsch "in der saarländischen Gesellschaft hohes Ansehen" genoss.

Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken hat ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Untreue und der Bilanzmanipulation (Az. 33 Js 492/07) gegen den Mann mit Wohnsitz in Frankreich eingeleitet. Am Mittwoch erstattete der Rechtsanwalt Udo Gröner im Auftrag des Aufsichtsrates Strafanzeige gegen Schöneberger, der seit 2002 auch als Geschäftsführer der Muttergesellschaft WFS agierte.

Eine Tat in höchster Not: Im Schriftsatz an die Staatsanwaltschaft wird entschuldigend auf die "tagtäglich neu bekannt werdenden Erkenntnisse" verwiesen - und um Eile gebeten: "Es droht Gefahr im Verzuge." Schöneberger selbst ist verschwunden. Seine Familie hat ihn nach Angaben der Staatsanwaltschaft am Mittwoch als vermisst gemeldet.

Den Ermittlern liegt ein Konvolut von Zahlen vor. Sie legen nahe, dass die Firma, die 25 Festangestellte beschäftigt, vor dem Ruin stehen könnte: "Ob und inwieweit Insolvenzantrag kurzfristig gestellt wird", hänge vom Ergebnis der für diesen Donnerstag geplanten Bankgespräche ab, so das Resümee des Aufsichtsrats.

Nach den Treffen mit den Gläubigern erklärte der neue TFS-Chef Norbert Riedel, es sei ein Lösungsweg angedacht, der nun rasch den Gremien vorgelegt werde. Erhalt der Arbeitsplätze stehe an vorrangiger Stelle.

Gefahr im Verzug?

Die Beschuldigungen gegen Schöneberger sind gravierend. In der Schrift an die Staatsanwaltschaft ist die Rede von "fingierten Zahlen" in den Bilanzen und von Gesamtwerten, "die außerhalb jeder Realität liegen". Ein vom Aufsichtsrat angefordertes Gutachten der vom Rundfunk Berlin Brandenburg und der Bavaria Film betriebenen Askania Media, dessen Eingang in Saarbrücken Ende März wohl die Dinge ins Rollen brachte, fand Verdächtiges unter dem Bilanzposten "halbfertige Arbeiten".

Hier sollen ausweislich des Schreibens an die Staatsanwaltschaft "erdichtete Vorgänge aktiviert" worden sein. Projekte seien "als werthaltig angegeben" worden, die von Sendern "in Wahrheit bereits abgelehnt worden waren oder die auf gefälschten ,Vertragsunterlagen' beruhen". Es bestehe "Wertberichtigungsbedarf" in Größenordnung "zwischen 12 und 14,5 Millionen Euro".

Andere Vorwürfe betreffen Rechnungen an den Sender Arte (260000 Euro), die offenbar Saarbrücken nie verlassen haben und von den Prüfern als "fingierter Vorgang" eingestuft werden. Aufgefallen sind auch zwei Zahlungen von je 45000 Euro, die Schöneberger auf sein Konto in Frankreich veranlasst haben soll: "Einen Rechtsgrund für diese Zahlungen gibt es nicht", steht in der Strafanzeige.

Als folgenschwer für die Werbefunk Saar könnte sich erweisen, wenn der Verdacht über einen Darlehensvertrag von 2005 zuträfe. Demnach soll Schöneberger bei der Commerzbank AG im Namen von TFS und WFS einen Darlehensvertrag mit Millionenrisiko auch für die WFS abgeschlossen haben, den sein WFS-Mitgeschäftsführer Alfred Schmitz "ausdrücklich abgelehnt" habe.

Die WFS als Gesellschafterin werde nun "im Rahmen von Sicherheiten teilsweise einstandspflichtig sein", sagte Aufsichtsrätin Morsch. In welcher Höhe werde derzeit ebenso geprüft wie die Frage, ob es Einstandspflichten des SR für die Tochterfirma TFS gebe.

Die TFS braucht dringend Geld. Die Strafanzeige endet mit Worten über die dürre Barschaft der Firma: Das Aktivvermögen, das Ende 2004 mit mehr als 25 Millionen Euro ausgewiesen war, beschränke sich nun auf knapp drei Millionen Euro. Andererseits: In Krimis kommt so ein verdächtiger Geldschwund immer wieder mal vor. Wer wüsste das besser als Palü?