Russische Pianisten Konzert für die Sieger

Wladimir Sofronizki im Jahr 1928, gemalt von Emil Wiesel. Abb.: Emil Wiesel

Unerschöpflich ist das Reich der russischen Pianokünstler. Neu zu entdecken ist der Pianist Wladimir Sofronizki (1901 bis 1961), der fantastisch und spirituell spielte.

Von Wolfgang Schreiber

Was Klaviermusik betrifft, ist die russische Musikgeschichte offensichtlich unerschöpflich. Und auch die Sowjetunion muss zwischen 1917 und 1991 als Land des Klaviers gelten, das eine lange Reihe von Pianisten der sonderbarsten Begabungen hervorgebracht hat. Bis hin zu heutigen Größen wie Sokolov und Kissin, genialen Erscheinungen wie Levit und Trifonov.

Der Reichtum an modern-romantischen Tonsetzern, die Virtuoses und Grüblerisches komponierten und selbst grandios Klavier spielten, wird mit Namen wie Alexander Skrjabin, Dmitrij Schostakowitsch und Sergej Prokofjew belegt. Mit philosophischen Geistern, die Bach, Beethoven und Schumann in deren Abgründe hinein ausloteten, wie der Universalist Samuel Feinberg und die gewaltige zarte Maria Judina. Mit Tastenlöwen oder -zauberern, die mit Macht und Charme in alle Klanggeheimnisse eindrangen - zum Beispiel die legendären Vladimir Horowitz, Svjatoslav Richter oder Emil Gilels, dazu der geniale Eigenbrötler Igor Shukov. Aber Horowitz, Feinberg und manche der besten "russischen" Pianisten kommen ja aus der Ukraine.

Nun Wladimir Sofronizki. Bis vor Kurzem war er noch der große Unbekannte, ein Name, der nicht einmal dem informierten Klavierfreund locker von den Lippen kam. Ein Außenseiter? Ein Geheimtipp! Es gibt nicht viele Plattenaufnahmen von ihm, so verkörpert Sofronizki, anders als die meisten der genannten Pianisten, eine russische Musikvergangenheit, die verblichen und entschwunden zu sein schien. Nur einzelne Aufnahmen machten in der westlichen Welt die Runde, riefen Staunen hervor. Bei dem alten russischen Label Melodya erschien nun eine gut gefüllte Box mit Aufnahmen Sofronizkis: auf fünf CDs Mozart, Schubert, Schumann und Chopin, Liszt und Debussy, Rachmaninow und Skrjabin, Schostakowitsch, Prokofjew. Die meisten der im Klang authentisch wirkenden Live-Mitschnitte entstanden 1960 im Moskauer Konservatorium.

Geboren wurde Wladimir Sofronizki am 25. April 1901 in St. Petersburg als Sohn eines Mathematikers und Physikers. Die Familie übersiedelt nach Warschau, kehrt 1913 nach St. Petersburg zurück. Mit 15 tritt der junge Pianist öffentlich auf, mit 19 heiratet er die Tochter des Komponisten Alexander Skrjabin, der 1915 gestorben war. Sofronizki wird später zum Propheten von Skrjabins symbolistischer Kunst, der diffizilsten Klaviervisionen der frühen Moderne. Doch als er mit seiner Frau nach Paris geht, konzertiert Sofronizki ohne nachhaltige Erfolge, freundet sich mit Prokofjew an, kehrt in seine Stadt, die nun Leningrad heißt, zurück. Und seltsam, aber in der Sowjetunion nicht ungewöhnlich: Sofronizki spielt nach dem Pariser Aufenthalt von 1928/29 nicht wieder außerhalb seines Landes, mit einer einzigen, zwiespältigen, Ausnahme.

Es folgt eine Professur in Leningrad, von 1942 an in Moskau, Sofronizki gibt denkwürdige Konzerte wie jenes im Chopin-Jahr 1949, als er an fünf aufeinanderfolgenden Tagen fast das Gesamtwerk Chopins vorträgt. Jüngere Musiker verehren ihn geradezu kultisch, so Svjatoslav Richter und Emil Gilels.

Die Kraft der Finger und des Geistes wusste er spontan zu steuern

Im Jahr 1943 erhält Wladimir Sofronizki, mit Sicherheit beklommenen Gemüts, den Stalinpreis. Und in seinem Leben gibt es einen Ort und ein Datum, das mit Weltgeschichte zu tun hat: Stalin beordert ihn 1945 nach Potsdam, wo er bei der Konferenz der Alliierten Siegermächte vor den Regierungschefs zu spielen hat. Wladimir Sofronizki stirbt am 29. August 1961 in Moskau.

Seine Aufnahmen lassen einen Musiker erkennen, der seine erregbare Kraft der Finger und des Geistes spontan zu steuern wusste, nie routiniert. Technisch mit kleinen Patzern, spielte Sofronizki etwa Schumanns C-Dur-Fantasie und Carnaval mit Ungestüm und Tiefgang gleichermaßen, zwei Schubert-Impromptus sowie je zwei Chopin-Nocturnes und -Scherzi frei "erzählend", Skrjabins Sonaten Nr. 4, 5, 8, 9 und 10 mit einer Spiritualität des Mystisch-Fantastischen, schwebend in Tonfall und Ausdruck. Eine DVD in der Box zeigt das Filmporträt, das Andrei Kontschalowski 2007 über den in Russland bewunderten, bewundernswerten Pianisten Wladimir Sofronizki anfertigte.