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Rupert Murdoch: Neue Biographie:Selbst ist der Mann

Wenn es keine Gerüchte gibt, streut er sie eben selbst: Eine neue Biographie zeigt Medienunternehmer Rupert Murdoch als Geschäftsmann mit Sinn für Klatsch und Tratsch.

Thomas Schuler

Eines Morgens kam der Journalist Michael Wolff in das Büro von Rupert Murdoch, 77, in New York, um den Medienunternehmer zu befragen. Murdoch ging gerade am Telefon einem Gerücht nach, das er am Vorabend erfahren hatte.

Rupert Murdoch mit Ehefrau Nummer drei: Wendi Deng. Sie ist 38 Jahre jünger als er.

(Foto: Foto: ap)

Wen könnte er noch anrufen? Wie diese Personen erreichen? Wie ansprechen? Würden sie das Gerücht bestätigen? Murdoch habe jede Information wiederholt und notiert, schreibt Wolff in einem Beitrag der Oktoberausgabe des amerikanischen Magazins Vanity Fair.

Die Szene beeindruckte den Journalisten: Wie viele Chefs eines internationalen Medienunternehmens der Größe von News Corporation würden selbst recherchieren? Murdoch (der unter anderem in Deutschland beim Bezahlsender Premiere einstieg) sei im Herzen der Reporter geblieben, als der er mit 22 Jahren in Australien eine kleine Zeitung seines Vaters erbte. Wer so agiere, wolle Journalismus nicht zerstören, sondern praktizieren, folgert Wolff.

Diese These ist nicht ganz neu. Im September 2007 hat Wolff sie als mögliche Antwort auf die Frage dargelegt, warum Murdoch mehr als fünf Milliarden Dollar für das Wall Street Journal zahlte. Vermutlich gefiel Murdoch diese These - wird er doch sonst als globale Gefahr, nicht als Retter des Journalismus beschrieben. Murdoch ließ sich überreden, Wolff für eine neue Biographie zur Verfügung zu stehen. Das Buch soll Ende des Jahres bei Random House (Bertelsmann) erscheinen.

In Vanity Fair gibt Wolff jetzt Einblick in seine Recherchen. Neun Monate lang habe er Murdoch "in großer Offenheit" befragt. Die Erwartungen sind hoch. Wolff habe fast eine Million Dollar Vorschuss erhalten, berichtete Murdochs eigenes Boulevardblatt New York Post. Monate später wird ein zweites Buch erscheinen über Murdochs Kauf des Wall Street Journal, verfasst von Sarah Ellison, die als Medienreporterin des Wall Street Journal die Übernahme im eigenen Blatt kritisch beschrieb.

Man kann Wolffs Ansatz als unkritisch abtun. Aber er erhielt Zugang zu Murdoch, seinen Managern und Familienmitgliedern und während Murdoch nicht in der Lage sei, das eigene Tun zu reflektieren, wie Wolff in den Interviews feststellte, unternimmt der Medienjournalist diesen Versuch.

Opportunistische Klatschtante

Es geht auch um Politik. Murdochs Tochter Elisabeth und seine 38 Jahre jüngere dritte Frau Wendi Deng haben beide Spenden für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama gesammelt. Während Murdochs Fernsehsender Fox News sehr konservativ ausgerichtet ist und mit Roger Ailes einen Chef hat, der die republikanischen Präsidenten Richard Nixon, Ronald Reagan und George Bush senior beraten hat, sieht Wolff Murdoch auf dem Weg zum Liberalen. Auch dieser Schwenk wäre nicht untypisch, sofern Murdoch darin ein Geschäft sieht: Während der Vorwahlen fragte ihn Wolff, wen er wählen würde, Clinton oder Obama. Murdochs Antwort: "Obama - er verkauft mehr Zeitungen."

Obama wiederum lehnte Interviews bei Fox lange ab, bis es im Sommer in New York zu einem vertraulichen Gespräch mit Murdoch und Ailes kam. Murdoch sagte Obama, dass es entscheidend sei, wie er in den ersten sechs Monaten regiere. Obama sagte zu Ailes, er wolle seine Zeit nicht vergeuden, falls Fox ihn weiterhin als verdächtig und fremd darstelle, fast wie einen Terroristen. Ailes sagte, das wäre nicht passiert, wenn Obama Fox gegenüber offener gewesen wäre. Obama sagte ein Interview zu. Bereits im Januar empfahl Murdochs New York Post Obama statt Hillary Clinton.

Murdochs Vorstellung ist seine Welt. Niemand glaubte einst, ihm würde es gelingen, das Wall Street Journal zu kaufen. Niemand traut ihm jetzt zu, die New York Times kaufen zu können. Absolut nichts spricht dafür, aber Murdoch verbreitet selbst zuversichtlich Gerüchte. Mit nichts habe er Murdoch so sehr gefesselt wie mit der Fama, der New Yorker Bürgermeister und Medienunternehmer Michael Bloomberg könnte die New York Times kaufen, schreibt Wolff. Er liebt Klatsch.

Nachfolge frühestens in 30 Jahren

Auch als Wolff übrigens damals in das Büro des Unternehmers kam, recherchierte der gerade Brisantes: Murdoch hatte gehört, dass ein Mitarbeiter von Hillary Clinton angeblich an einem Unternehmen für Onlinepornos beteiligt sein solle und wollte die Information an die New York Post weiterreichen. Das Gerücht ließ sich nicht erhärten. Dass Murdoch es nicht druckte, spreche für ihn, findet Wolff.

Der Biograph besuchte auch Murdochs 99-jährige Mutter in Australien, die sich nach seiner zweiten Scheidung sorgte, ihr Sohn werde sehr einsam sein und der erstbesten Frau verfallen und jetzt der Meinung ist, so sei es dann ja auch geschehen. Wolff erklärt auch, Murdochs Nachfolge sei im Unternehmen tabu. Manager sprechen davon als etwas, was "in 30 oder 40 Jahren" geschehe. Falls seine Kinder den Verlag verkauften, könne er nichts dagegen machen, sagte Murdoch. Er könne das nur hinauszögern, nicht verhindern.

Natürlich befriedigt Wolff auch selbst das Bedürfnis an Klatsch. Die älteste Tochter Prue erzählte, ihr Vater sei eitel genug, seine Haare zu färben. Weil es niemand mitbekommen soll, geht er die Sache an wie das Zeitungsmachen: Er erledigt alles selbst. Das Ergebnis sei entsprechend, klagte die Tochter. Aber vielleicht funktioniert Murdochs Wahrnehmung beim Haaretönen auch einfach genauso wie beim Nachrichtenmachen: Wo andere gefärbte Berichte sehen, sieht er unabhängigen, relevanten Journalismus.

© SZ vom 8.9.2008/sst
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