Roman Voodoo und Versace

Rita Indiana: Tentakel. Roman. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018. 160 Seiten, 18 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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In Rita Indianas "Tentakel" können die Protagonisten durch die Zeit reisen und Voodoo wird zur Staatsreligion erhoben. Ein kühner Roman, der für die Lust am Umsturz in der lateinamerikanischen Literatur steht.

Von Ralph Hammerthaler

Die schöne neue Welt des Jahres 2027 ist eine Welt der technisch aufgerüsteten gated communities. Auf den Straßen patrouillieren Roboter, die unerwünschte Menschen einsammeln und zerlegen - Obdachlose, psychisch Kranke, Prostituierte oder Flüchtlinge aus Haiti. Zu den lustigeren Erfindungen gehört ein "PriceSpy", durch den man erkennt, was jemand wert ist, wie viel sein Haus, sein Auto, seine Designerbrille gekostet haben. Und welchen Preis sein Versace-Hemd hat, das sich womöglich als billiges Imitat entpuppt.

Ganz so schön aber, wie es klingt, ist diese neue Welt in der Dominikanischen Republik dann doch nicht. Denn ein paar Jahre zuvor hat ein Seebeben einen gewaltigen Tsunami verursacht und ganze Stadtteile ausgelöscht. Seither sind die Strände verwüstet, das Meer ist verseucht. Urlaubsparadies ist ein Wort von gestern. Acilde arbeitet als Dienstmädchen im Haus von Esther Escuderos; nachts geht sie in den Park, um für eine Handvoll Pesos Schwänze zu lutschen. Die Männer halten sie für einen hübschen Jungen. Und ein Junge wäre sie auch gerne. Mit Hilfe einer Injektion wird ihr Geschlecht unter Qualen umgewandelt. Hausherrin Esther hat eine Neigung zu Voodoo und sieht die Zukunft voraus. Sie ahnt, dass sie in ihrem Haus den "Erwählten" empfangen hat und dass sie durch ihn umkommen wird. Prompt erfüllt sich die Prophezeiung, wenngleich die Tat durch einen anderen verübt wird: Acilde öffnet dem Mörder die Tür. Zwei Schüsse fallen. Dann ist es mit Esther vorbei.

Die Autorin wurde als Musikerin berühmt - mit dem Merengue

"Tentakel" heißt der schmale Roman von Rita Indiana, die 1977 in Santo Domingo geboren wurde und heute in Miami lebt. Bekannt geworden ist sie in der Dominikanischen Republik und weit darüber hinaus als Musikerin, denn sie hat den traditionellen Merengue so gut wie neu erfunden. Ihr Roman wirkt auf den ersten Blick wie billige Pulp Fiction. Das wenigstens legt "PriceSpy" nahe.

Auf den zweiten Blick aber zeigt er eine eigenwillige Qualität. Es ist tröstlich, dass der digitale Spion den Wert von Literatur nicht zu erfassen vermag. Versace-Hemden ja, Romane nein. Denn Merengue-Indiana weiß, wie sie die Verhältnisse zum Tanzen bringt. Ganz ohne Voodoo ist ihr Buch nicht zu haben. Man muss an Kuba und die Santería denken. Bei Indiana wirkt die Dominikanische Republik stark von afrokubanischen Kulten beeinflusst.

Auch Präsident Said Bona hält es mit magischen Kräften. Kaum an der Macht, erklärt er Voodoo und die damit einhergehenden Mysterien zur Staatsreligion. Nur in einem Quartier der Hauptstadt nistet noch Widerstand. Die evangelikalen Christen gelten als Terroristen. Als Bona, eine Kreuzung aus Malcolm X und Balaguer, dem früheren zwielichtigen Präsidenten, Acilde im Krankenhaus besucht, kommt ihm nur Spott über die Lippen: "Und du bist also die Tunte, die das Land retten soll, oder was?"

In verschiedenen Zeiten leben, ohne darüber irre zu werden

Im Gefängnis entdeckt Acilde seine Fähigkeit, in die Vergangenheit zu schauen und mit Schicksalsfäden zu spielen. Auf einem Künstlerfest erblickt er einen schwarzen Jungen beim Breakdance, Said Bona in herausfordernden Posen. Acilde ist versucht, ihm eine Botschaft zu übermitteln und so zu unterbinden, dass Bona später als Präsident biologische Waffen aus Venezuela beziehe. Dadurch könnte die ökologische Katastrophe verhindert werden. Doch dann lässt er es sein, in der Sorge, seine Kompetenzen zu überschreiten. Den Lauf der Welt scheint er nicht aufhalten zu können.

Indianas literarische Tricks entstammen der mündlichen Überlieferung von Voodoo und Santería. Eine ganze Reihe ihrer Figuren sind Reinkarnationen früherer Leben und mit diesen verbunden. So infiziert sie die sichtbare Welt mit der unsichtbaren, teils durch verwegene Spiegelungen in ein- und demselben Absatz. Ein Künstler der Neunziger wird von einem tragischen Ereignis aus dem 17. Jahrhundert heimgesucht, lebt gleichzeitig hier und dort und droht daran irre zu werden. Von Ashé, der ausbalancierten Wechselwirkung in der Santería, ist wenig zu spüren. Über dieses Ideal verliert Indiana kein Wort. Dennoch könnte es das geheime Herz ihrer Erzählung sein.

Die Kühnheiten dieses Textes haben in manchen Passagen etwas Gebasteltes. Trotzdem faszinieren sie. An "Kryptozän", den ebenfalls durch die Zeiten navigierenden Roman der gleichaltrigen Argentinierin Pola Oloixarac, reicht "Tentakel" nicht heran. Aber beide Romane stehen für die umstürzlerische Lust der jüngeren lateinamerikanischen Literatur. Acilde, der Erwählte, hat trotz aller Weissagung nicht das Zeug zum Erlöser. Er stopft sich Schlaftabletten in den Mund.