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Roman von Iris Hanika:Wider die Spaß-Brigaden

Iris Hanika / Verlag Droschl

Die Schriftstellerin Iris Hanika.

(Foto: Villa Massimo/ Alberto Novelli)

Alles endlos wiederholen und dem anderen in den Hals zurückstopfen: Iris Hanikas Roman "Echos Kammern" untersucht den Zustand des kritischen Bewusstseins im Zeitalter der Filterblase. Und die Prognose ist nicht gut.

Von Insa Wilke

Wir lachen uns schief", kommentiert eine der ersten Leserinnen ihre Lektüre von "Echos Kammern". Das ist der neue Roman von Iris Hanika, und den Kommentar kann man auf der Website der Autorin lesen. In der Tat, "schief"lachen kann man sich. "Echos Kammern" bereitet nämlich Unbehagen, auch an der Kultur.

Das Buch gibt sich auf den ersten Blick als Großstadtroman, wobei die Autorin ihre Erzählstimmen (es handelt sich um einen als "wir" auftretenden Chor) deutlich machen lässt, dass man weiß: kein New-York-Roman ohne John Dos Passos im Hintergrund, keine Berlin-Story, ohne dass die Leser an "Berlin Alexanderplatz" oder die Engel von Wim Wenders, also von Peter Handke denken. Iris Hanikas Lösung für dieses Problem ist die ständige Ironisierung der Erzählsituation. Das deuten Hexameter- und Umgangssprachenparodien, Charaktere und dieses Geflacker von Zitaten an.

Aber betreibt man so einen Aufwand, um es am Ende nicht ernst zu meinen? Meine Güte, was wird hier alles zusammengerührt: Die Wut über den verantwortungslosen Ausverkauf der Städte ("Wo das Geld hinfällt, da wächst kein Gras mehr"). Die amerikanische Kultur wird aufs Korn genommen bzw. der american way of talk ("stahlharte Umgangsformen, die undurchdringliche Freundlichkeit, das stete Bemühen um positives Feedback") und eine Lebensphilosophie, die rät: "Nicht denken, nicht handeln, nur sein, anstrengungslos." Ein weiterer Refrain ist der Umstand, dass man "diesem Deutschland" nicht entkommt, und was es eigentlich bedeutet, die Vergangenheit zu "bewirtschaften", inklusive der Generationenkonflikte. Und, und, und. Alles durchflimmert von ganz offenherzigen Zitaten der abendländischen Ästhetik, Kunst und Poetik, der Psychoanalyse und des eigenen Werks. Puh.

Deutschland und seiner Vergangenheitsbewirtschaftung entkommt man nicht

Heimito von Doderer, eine der Kühlerfiguren konservativer Leser, behauptete 1966, ein Werk sei umso mehr eines der Erzählkunst, je weniger man den Inhalt beschreiben könne. Über Hanikas Roman kann man immerhin sagen: Teil eins spielt in New York, wo die Dichterin Sophonisbe (ja, ja die Namen) sich herumtreibt und den jungen Doktoranden Josh kennenlernt. Der forscht über die Ukraine im 19. Jahrhundert, worüber Sophonisbe die Nase rümpft: Politikverdrossenheitsverdacht. Dabei ist, bei genauerem Blick, Joshs Interesse für die Wurzeln ukrainischer Nationalstaatsbestrebungen und der komplexen Identität der Region sehr viel politischer, als die Nachrichten zu den Demonstrationen auf dem Maidan zu verfolgen und viel mehr nicht wissen zu wollen. Aber Josh geht Sophonisbe sowieso auf die Nerven, weil er zwar ein "schönes jüdisches" Gesicht hat, aber sonst das wandelnde Klischee amerikanischer, kompetitiver Oberflächlichkeit ist - aus Sicht der deutschen Eigentlichkeit. Im zweiten Teil ist Sophonisbe zurück in Berlin, wohnt bei der Bestsellerautorin Roxana ("Rosis Rote Ratgeber"), die sich in Josh verknallt, der auf der Durchreise gen Osten ist.

Das alles darf man sich nicht handfest vorstellen, sondern eher als eine Sequenz von Traumbildern, sodass man manchmal unbedingt Katja Oskamps feines Buch "Marzahn, mon amour" als Gegengift lesen möchte, weil einem dieser Art-decó-Klunker von Buch einfach auf den Geist geht, mit seinen Figuren ohne Geldsorgen und seinen schrecklichen Gemeinplätzen zur Gegenwart und seiner Kritik und diesen verspiegelten, tiefer gelegten Ovid-Bezügen.

Nun liegt die Vermutung nahe, dass einem das Buch auf den Geist gehen soll. Auf diese Spur kommt man spätestens, wenn man feststellt, dass Iris Hanika vor magischen sieben Jahren für die Berliner Zeitung eine Rezension schrieb. Gegenstand war ein kulturkritischer Essay von Francesco Masci: "Die Ordnung herrscht in Berlin". Der richtete sich, so spitzt es Hanika zu, u.a. gegen die jungen internationalen Spaß-Brigaden, die sich in Clubs wie dem Berghain versammelten und als "fiktive Subjektivitäten" für Assimilation an die "absolute Kultur" und die daraus folgende "Austreibung der Politik durch das dreiköpfige Monster Moral, Ästhetik und Ökonomie" sorgten. Sehr schön ist, wie Hanika diese kruden, event-soziologischen Begrifflichkeiten abfertigte. Nämlich einfach, indem sie erklärt, auf wen Rosa Luxemburg, von der Masci seinen Titel hat, ihrerseits mit "Ordnung herrscht in Berlin" anspielt. Hanika weist Masci auf diese Weise Geschichtslosigkeit, Entpolitisierung und auch noch assoziative Geschmacklosigkeit nach.

Allerdings stimmt sie ihm in einem Punkt zu: der Warnung, so Hanika, dass "die allgemeine Niedlichkeit der jugendlichen Massen zu einer lackierten Stadt führen wird, in der nur noch Reiche angenehm werden leben können".

Was bedeuten die Filterblasen für Literatur mit aufklärerischem Anspruch?

Ach, ach, man möchte beiden einen Lesekreis zu Gabriele Kleins Studie "Electronic Vibration" empfehlen. Wobei: Iris Hanika scheint den eben nicht mehr zu brauchen. Denn entweder ist ihr Roman die Illustration ihrer Rezension von damals - was schlecht wäre, worauf aber leider das Spiel mit der leeren Sprache ihrer Figuren, also mit Mascis "null und nichtig"-Formel von "ästhetisierter Politik" und "politisierter Kultur" hinweist - oder "Echos Kammern" revidiert ihre Zustimmung von damals in einer Art Selbstkritik.

Wer der Niedliche im Roman ist, ist klar: Josh, in den Augen von Sophonisbe der Untergang des Abendlandes bzw. zumindest der Westberliner Kultur. Nun muss man erstens sagen, dass Josh die einzig wirklich interessante und liebenswerte Figur in diesem Buch ist, der Einzige, von dem man gern mehr wüsste. Es ist außerdem schon einigermaßen bösartig, wie Hanika Sophonisbes Josh-Bashing mit philo-, also antisemitischen Klischees abmischt. Die Autorin sabotiert dadurch ihre beiden weiblichen Alter Egos.

Zweitens ist der Text deutlich dadurch gebrochen, das Hanika Mascis Gedanken in eine Erzählung verwandelt und diese als "Zwischenstück" prominent und zentral zwischen Teil eins und Teil zwei platziert. Es beschreibt, wie sich eine Koalition aus Altberlinern und arabisch- und türkischstämmigen Neuköllnern gegen die "fiktiven Subjektivitäten" verbündet. Diesen Leuten geht nämlich gegen den Strich, was andere sexy finden: Man "konnte einfach in eine Bar voller junger Amerikaner oder Israelis in Neukölln gehen, wo man von jungen Spaniern und Italienern bedient wurde, und den beleidigten Türken und Arabern, deren Bars das vorher gewesen waren, zuschauen, wie sie grummelnd draußen vorbeischlurfen."

Nun muss man sagen, dass Iris Hanikas Roman in dieser Hinsicht fies von anderen Mächten überholt wurde. Der Lack ist ja nun leider erst mal ab und nach dem vorläufigen Ende von Clubbing und Couchsurfing in Zeiten von C haben auch "die jungen Leute" eine nostalgische Patina bekommen. Aber unabhängig vom Einbruch der Zeit in das Spiel: Was soll das alles?

Eigentlich sagt es der Titel: Wir befinden uns in Echos Kammern. Nur was bedeuten die berüchtigten Filterblasen für eine Autorin mit halbwegs aufklärerischem Anspruch? Wie kann sie ihre Zeit beschreiben und sich selbst in ihr finden, wenn das Selbst durch soziale Interaktion nicht mehr gebildet werden kann, weil diese Interaktion in sich selbst bestätigenden Blasen sich gar nicht mehr ereignen kann? Kein Ausweg, nirgends, nur traurige Tropen und die Gefahr, wenn man diesen Umstand verharmlost, von rechter Seite gekapert zu werden, was Iris Hanika schon passiert ist.

Den Fragen der Gegenwart gegenüber herrscht eine gewisse Hilflosigkeit

Man greife also zu Roxanas neuem Projekt, den "Gesprächstechniken, um sein Gegenüber zu erschöpfen". Dort steht, man solle in ausweglosen Kommunikationssituationen das vom Gegenüber Erzählte sofort wieder erzählen, "es also wiederholen und dergestalt dem anderen in den Hals zurückstopfen". Genau das macht Iris Hanika mit "Echos Kammern" und zwar in bulgakovscher musicalartiger Form. Aber löst sie so wirklich das literarische Pfeil-Paradoxon vom mental rasenden Stillstand?

Vergleicht man, wie ihre Generation und ihr Milieu auf die Forderungen und Fragen der Gegenwart reagieren, mit den erzählerischen Strategien der jüngeren Generation, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine gewisse Hilflosigkeit herrscht. Die kann zwar noch in Unterhaltung umgemünzt werden, aber mit schalem Beigeschmack. Der lässt sich bei Hanika an vier Punkten konkret festmachen: Wer mit Echos handelt, legt sich nicht fest. Wer Sprüche wie "wo das Geld hinfällt, wächst kein Gras mehr" einsetzt, erntet billige Lacher. Wer Manhattan durch einen Bund der Schönen beschreibt, initiiert von Beyoncé, und dabei rassistische Übermenschenbildlichkeit einsetzt, muss sich mit Figurenrede rausreden. Wer romanimmanent Manuskripte seiner Figur in "Broken German" bringt, das bei Autorinnen wie Uljana Wolf damit verbundene Reflexionsniveau aber links liegen lässt, vergibt die Chance, ins Gespräch und über das Gequatsche von "absoluter Moral" hinauszukommen.

Dieser Eindruck bleibt, auch wenn die Parole hinter der amüsanten Fassade den Roman schon selbst ausgestrichen hat. Ganz am Anfang zitiert Iris Hanika nämlich Daniil Charms mit einem auf 1937 datierten Dialog, aus dem man schließen kann, dass sie doch einen Rat gibt: aus Echos Kammern auszusteigen, schweigend.

Iris Hanika: Echos Kammern. Roman. Literaturverlag Droschl, Graz 2020, 240 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 08.08.2020

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