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Roman von Haruki Murakami:Japanische Melancholia

Schriftsteller Haruki Murakami

Haruki Murakami im März 2009 - er gilt seit Jahren als Favorit für den Literaturnobelpreis.

(Foto: dpa)

Keine Figur kann sich in Haruki Murakamis Romanen sicher fühlen. Und drastische Liebeszenen erscheinen als immer wieder scheiterndes Anrennen gegen die Einsamkeit. Endlich ist "Südlich der Grenze, westlich der Sonne" aus dem Original ins Deutsche übersetzt. Denn die letzte Fassung sprengte noch das "Literarische Quartett".

Im Jahre 2000 sprengte Haruki Murakamis Roman "Gefährliche Geliebte" betitelter Roman das Literarische Quartett. Was Marcel Reich-Ranicki als Meisterwerk erotischer Erzählkunst goutierte, geißelte Sigrid Löffler als ungustiöses "literarisches Fastfood". Allerdings war der Roman nicht aus der in Japan 1992 erschienenen Originalfassung übersetzt worden, sondern aus der etwas salopp gehaltenen amerikanischen Ausgabe. Da stürzte sich ein Paar "ins Getümmel", da wurde die Cousine einer Freundin "genagelt", wo die Gestalten in Ursula Gräfes nun erschienener Übersetzung aus dem Japanischen einfach nur miteinander schlafen. Gräfes Fassung gibt nun dieser subtilen Studie über die verführerische und fatale Macht ungelebten Lebens ihre fantasmagorische Vielschichtigkeit zurück. Die Drastik mancher Liebeszenen erscheint dabei auch als immer wieder scheiterndes Anrennen gegen die Einsamkeit, die Murakamis Gestalten umfängt.

Der Ich-Erzähler Hajime ist beinahe glücklich verheiratet, hat zwei Jazz-Bars und zwei kleine Töchter. Sein Geschäft läuft dank einer Anschubfinanzierung seines Schwiegervaters gut, doch eines Tages macht ihm der hartgesottene Bauunternehmer zwei Dinge klar. Zum einen müsse er seinen Namen für eine dubiose Firma hergeben, und der Erzähler weiß: "Ich war nicht in der Position, ihm seine Bitte abzuschlagen." Zum anderen gibt ihm der Schwiegervater zu verstehen, dass er für seine Tochter Yukiko, die schon einmal aus enttäuschter Liebe einen Selbstmordversuch unternommen habe, buchstäblich alles tun würde.

Das ist vielleicht gar nicht als Drohung gemeint, aber Hajime hat Grund, es als solche zu empfinden. Er gönnt sich nicht nur Seitensprünge; er hat einer Freundin durch die Affäre mit deren Cousine einst auch das Herz gebrochen und deren Leben zerstört. Und gerade erst hat er die wahre Liebe seines Lebens wiedergefunden. Oder glaubt es zumindest.

Wieder singt Nat King Cole

Shimamoto war die Freundin seiner Kinderzeit - ein Einzelkind wie er selbst und einzige Gefährtin in seiner Einsamkeit. Gemeinsam hatten sie Schallplatten gehört: "Aus weiter Ferne hörte ich Nat King Cole 'South of the Border' singen." Dann hatten sie den Kontakt verloren, doch als sie sich nach Jahrzehnten wiederbegegnen, schenkt Shimamoto ihm die alte Platte. Wieder singt Nat King Cole - zunächst das Stück "Pretend" und dann "South of the Border". Aufnahmen von "Pretend" lassen sich mühelos finden, aber "South of the Border" hat Nat King Cole wohl nur bei Murakami gesungen. Als Shimamoto nach einer wilden, verzweifelten Liebesnacht wieder spurlos verschwunden ist, hat sie auch die Platte mitgenommen. Und das ist nicht der einzige materielle Beweis ihrer Existenz, der hier wieder einkassiert wird.

Jahre bevor Shimamoto in einer - und dann in mancher folgenden - Regennacht in Hajimes Bar auftauchte, hatte er stundenlang eine Frau in einem langen roten Mantel verfolgt, die ihn an Shimamoto erinnerte. Damals hatte ihm ein Mann einen Umschlag voller Geld zugesteckt. Hajime hatte daraufhin angenommen, man halte ihn für einen Detektiv, den man sich mit Geld und einer vagen Drohung vom Hals schaffen wolle. Den Umschlag hatte er als Beweis behalten, sich das Ganze nicht eingebildet zu haben. Als sich nun herausstellt, dass er damals tatsächlich Shimamoto verfolgt hat, verleiht das dem Rätsel, das sie umgibt, eine weitere Facette, doch am Ende ist auch dieser Beweis verschwunden.

"Pretend that you're happy when you're blue" - manches spricht dafür, dass Shimamoto eine vom Jazz beflügelte Fantasie ist, eine Ausgeburt einsam und melancholisch am Tresen einer Bar verbrachter Abende. Sie kommt, wenn es regnet; kommt und geht mit dem Regen und wie der Regen. Für ein bloßes erotisches Fantasma aber entwickelt sie eine erstaunlich moribunde Eigendynamik. Einen heimlichen Ausflug der beiden an einen idyllischen Fluss nutzt Shimamoto, um die Asche ihrer gleich nach Geburt gestorbenen Tochter ins Meer treiben zu lassen. Wenig später verfällt sie in einen totenähnlichen Zustand, aus dem sie nur ein rätselhaftes Medikament zu erwecken vermag.

Wie so oft bei Murakami fächert sich der Gegensatz von Fantasie und Wirklichkeit in eine Reihe mysteriös verschachtelter Zwischenstufen auf, deren ontologischer Status nie genau zu bestimmen ist. "Weißt du, Shimamoto", sagt der Erzähler einmal, "ich tue nur, was ich schon immer getan habe. Ich denke mir etwas aus". Sollten diese Worte an eine Fantasiegestalt gerichtet sein wie weit reicht diese Fantasie dann zurück? Bis in die Kindheit, als Nat King Cole für die beiden einen Song sang, den er in Wirklichkeit nie gesungen hat?

Zermalmte Gewissheit

Nachdem Murakami auch den letzten materiellen Beweis für Shimamotos Existenz einkassiert hat, stürzt sein Erzähler in tiefe Zweifel: "Ganz gleich, was ich mir sagte, in mir wuchs allmählich die Überzeugung, dass der Umschlag gar nicht existiert hatte. Heftig attackierte sie meinen Verstand, zermalmte meine Gewissheit, dass es den Umschlag gegeben hatte, und verschlang sie gierig."

Als diese Gewissheit noch nicht zermalmt war, hatten die beiden über "South of the Border" gesprochen. Als Kind habe er sich gefragt, was eigentlich südlich der Grenze sein solle: "Etwas Schönes, Großes, Weiches", schlägt Shimamoto, aber dann ergänzt sie den Songtitel mit dem Ausdruck "westlich der Sonne". Das beziehe sich auf eine Geisteskrankheit aus der sibirischen Einöde: "Während du Tag für Tag immer wieder siehst, wie die Sonne im Osten aufgeht, über den Himmel wandert und im Westen versinkt, zerbricht irgendwann etwas in dir und stirbt. Du lässt deinen Pflug in der Erde und wendest dich, ohne etwas zu denken, gen Westen. Auf etwas zu, das westlich der Sonne liegt. Wie besessen wanderst du tagelang weiter, ohne zu essen und zu trinken, bis du zusammenbrichst und stirbst. Das nennt man Hysteria sibiriana."

Ob nun erfunden oder wiedergefunden - am Ende hat Hajime sie verloren, ist Shimamotos Existenz so wenig greifbar wie der Regen, bevor er fällt. Sie hat etwas verkörpert, was für ihn westlich der Sonne war, was für immer unerreichbar bleiben wird. Sie erscheint als eine Emanation ungelebten, verpassten Lebens, eine japanische Melancholia, die ihre fatale Wirkung selbst diagnostiziert. Dass sie am Ende samt allen Beweisen für ihre Existenz verschwindet, erscheint wie ein Liebesbeweis von tragischer Paradoxie, denn je irrealer sie erscheint, desto leichter macht sie es dem Erzähler, sich als halbwegs glücklichen Menschen vorzustellen, halb Fremder, halb Sisyphus. Tag für Tag.

Haruki Murakami: Südlich der Grenze, westlich der Sonne. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Buchverlag, Köln 2013. 230 Seiten, 16,99 Euro.