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Roman über die Wehrmacht:Der anständige Deutsche und die Kriegskunst

dpa-Story: 75 Jahre Schlacht im Hürtgenwald

Gedenkschild an die große Schlacht im Hürtgenwald.

(Foto: DPA)

Steffen Kopetzkys Roman "Propaganda" erhebt einen Wehrmachtsoffizier zur humanitären Inspirationsfigur.

Von Felix Stephan

Jede Geschichtsschreibung ist eine Erzählung, die sich auch anders erzählen ließe. Und häufig ändert sich der Blick auf die Geschichte eines Landes, wenn man sie von einer anderen Perspektive aus betrachtet, der Perspektive eines Kindes, eines Dissidenten, eines Gefangenen. In diesem Sinne ist die Anlage von Steffen Kopetzkys Roman "Propaganda" erst einmal verheißungsvoll. Der Roman erzählt vom Zweiten Weltkrieg aus der Perspektive des Amerikaners John Glueck, der in den USA der Minderheit der Pennsylvania-Deutschen angehört. Er wächst also als Amerikaner unter Amerikanern auf, kennt das Land seiner Vorfahren nur aus Erzählungen, spricht aber trotzdem fließend Deutsch.

Im Zweiten Weltkrieg arbeitet John Glueck in London als Redakteur für die Propagandazeitung der US Army und erhält den Auftrag, nach Paris zu reisen, um Ernest Hemingway bei der Einnahme der Stadt durch amerikanische Truppen zu begleiten. Die Sache geht schief, weil Hemingway ständig betrunken ist, und John Glueck landet stattdessen mitten in der Schlacht vom Hürtgenwald in der Eifel, einer Schlacht, die im kollektiven Gedächtnis der USA eine weit größere Rolle spielt als in dem der Deutschen. Für die US Army war die Schlacht vom Hürtgenwald ein strategisches Desaster und eine der verheerendsten Niederlagen der amerikanischen Militärgeschichte.

In der Schlüsselszene des Romans beobachtet John Glueck nun diese Begebenheit: Ein deutscher Offizier, Hauptmann Dr. Stüttgen, Regiment 1056, 89. Division, ruft mitten in der Schlacht beide Seiten zum Innehalten auf, handelt eigenhändig eine Waffenruhe aus und macht sich daran, die Verwundeten beider Armeen zu verarzten. Für ein paar Stunden bricht in der monströsen Schlacht zwischen der US Army und der Wehrmacht, die 24 000 Soldaten das Leben kostete, die Humanität durch. Die Geschichte ist historisch belegt. Das Vorbild für die Figur des humanitären Interventionisten ist der Dermatologe Günter Stüttgen, der nach dem Krieg als Chefarzt im Westberliner Rudolf-Virchow-Krankenhaus arbeitete und 2003 starb. In Kopetzkys Roman hinterlässt der Arzt einen bleibenden Eindruck bei dem amerikanischen Ich-Erzähler. Von ihm lernt er, dass es in Zeiten der Barbarei, wenn die Menschlichkeit keine Freunde hat, auf die Zivilcourage des Einzelnen ankommt.

Sind die Verbrechen der Wehrmacht in Europa wirklich vergleichbar mit denen der US-Army in Vietnam?

Trotzdem ist die Apotheose des deutschen Helden auch hier nicht ganz ohne Eintrübung. Der Arzt, der sich da auf die Genfer Konvention beruft, ist trotz allem Wehrmachtsoffizier, weshalb der Roman an dieser Stelle das Risiko eingeht, sich Applaus vom ganz rechten Rand einzuhandeln. Der Aufruf Alexanders Gaulands, "auf die Leistungen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg stolz sein" zu dürfen, liegt noch nicht lange zurück. Das dürfte Kopetzky bewusst gewesen sein, als er sich entschied, einen Wehrmachtsoffizier zur zentralen humanitären Inspirationsfigur seines Romans zu erheben. Die Setzung ist riskant und darin erst einmal erfreulich, und man will natürlich wissen, was der Roman vorhat mit diesem narrativen Verhängnis, in das er sich selbst begibt.

John Glueck ist allerdings keineswegs überrascht, dass die Wehrmacht einen Mann von dieser Statur in ihren Reihen hat, er vergeht fast vor Bewunderung für die Armee der Nazis. Man könne einiges von ihr lernen, erklärt er, "ganz zweifellos gab es niemals zuvor und danach eine Armee, die einen solchen Traditions- und Theorieschatz mit einer so spektakulären jüngeren Praxis verbinden konnte wie die Wehrmacht und die es zudem verstand, dies an alle Angehörigen durch eine perfekte Ausbildung weiterzugeben." Die Wehrmacht, so Glueck, sei der preußischen Tradition verpflichtet, "weite Teile der Bevölkerung mit dem Kriegshandwerk auf eine so profunde, aber auch anständige Weise" vertraut zu machen. Ein Wehrmachtsgeneral mit ein paar Jahren Erfahrung sei wie ein tibetischer Lama, heißt es: "ein Ozean militärischer Weisheit". Die charakteristische "intellektuell-geistige" Herangehensweise der deutschen Spitzenkräfte sei "bereits im ersten Paragrafen des berühmten Handbuchs zur Truppenführung aus dem Jahr 1936 umrissen" worden: Die Kriegsführung, heißt es dort, sei "eine Kunst, eine auf wissenschaftlicher Grundlage beruhende freie, schöpferische Tätigkeit".

Glueck preist selbst die Integrationsmacht der Wehrmacht: "Am Ende des Krieges war jeder dritte aufseiten Deutschlands kämpfende Soldat ein Nichtdeutscher (es gab sogar eine indische Waffen-SS-Einheit), und sie kamen nicht in Russland zum Einsatz, sondern auch im Westen, bei der Landung der Alliierten, weshalb die britische Presse entsetzt davon sprach, dass man nicht nur gegen Deutschland, sondern regelrecht gegen ganz Eurasien anzutreten habe." Die Wehrmacht als globales Unternehmen avant la lettre, als transkontinentales, preußisches Gegen-Commonwealth, anständig, traditionsreich, akademisch. So sieht es John Glueck, und dass es die Deutschen heute nicht so sehen, sei ein Erfolg der amerikanischen Propaganda, nicht zuletzt also sein Verdienst: "Es war ein klares Ziel unserer Nachkriegspropaganda, Preußen und seine Militärtradition, die die Wehrmacht fortgeführt hatte, mit dem Schlagwort Kadavergehorsam abzuqualifizieren."

Nach seiner Rückkehr nach London schreibt John Glueck statt der Hemingway-Reportage die Geschichte des ehrenwerten Wehrmachtsoffiziers, doch sein Chef lässt ihn wissen, dass man diese Geschichte keinesfalls drucken könne, es sei nicht die Zeit für deutsche Helden.

Man muss das alles nicht böswillig lesen, um dieser Erzählanlage den Gedanken zu entnehmen, dass dieser Propagandaerfolg bis heute fortwirkt und die deutsche Scheu, Stolz auf die Wehrmacht zu empfinden, nicht etwa mit den zahllosen Säuberungsaktionen und Massenmorden zu tun hat oder dem rassenhygienischen Vernichtungskrieg, sondern damit, dass das ganze Land noch immer gefangen ist in einem amerikanisch-propagandistischen Geschichtsbild, aus dem sich die Deutschen bis heute nicht befreit haben. Dass es sich aber bei den Deutschen um ein von den Siegermächten bis heute unterjochtes Volk handelt, das ist dann allerdings wirklich eine klassisch revanchistische Trope.

Der Roman tritt als Lebensrückblick auf. John Glueck schreibt den Text zum größten Teil in einem amerikanischen Gefängnis. Dort ist er gelandet, weil er sich den Heldenmut des deutschen Arztes zu Herzen genommen hat, und dreißig Jahre später selbst zur Tat geschritten ist, als es galt, Kriegsverbrechen zu sühnen. In diesem Falle handelt es sich um die Verbrechen der US-Army im Vietnamkrieg, die durch die Veröffentlichung der Pentagon Papers bekannt geworden sind. Zwischen dem Hürtgenwald und dieser Gefängniszelle spannt sich der Bogen des Romans, der als Aufruf zur Zivilcourage gelesen wurde und sich vielleicht auch selbst so versteht.

Aber verbirgt sich nicht auch in dieser Parallelisierung schon wieder ein gewisser Relativismus? Sind die Verbrechen der Wehrmacht in Europa wirklich vergleichbar mit denen der US Army in Vietnam, nur weil beide Schuld auf sich geladen haben? Oder ist es nicht vielmehr so, dass man die institutionalisierten Kriegsverbrechen der deutschen Armee im Zweiten Weltkrieg verunklart, wenn man sie einem diffusen Bereich der Schuld zuschlägt, in dem übereifrige Armeen nun einmal gelegentlich vorstoßen? Die Grenze zwischen der Literarisierung historischer Ambiguität und Revisionismus ist bisweilen fließend. Dieser Roman überschreitet sie mehr als einmal.

Steffen Kopetzky: Propaganda. Roman. Rowohlt Berlin, Berlin 2019, 469 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 04.11.2019
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