Roman-Theater in Wien:Zwickerbusserl

Roman-Theater in Wien: Einen „Mordsblödsinn“ nannte Heimito von Doderer selbst seinen Roman "Die Merowinger": Thomas Frank und Peter Fasching in der Theater-Adaption in Wien.

Einen „Mordsblödsinn“ nannte Heimito von Doderer selbst seinen Roman "Die Merowinger": Thomas Frank und Peter Fasching in der Theater-Adaption in Wien.

(Foto: www.lupispuma.com/Volkstheater)

Fight Club auf Wienerisch: Heimito von Doderers Roman "Die Merowinger" als skurriles Drama am Wiener Volkstheater.

Von Wolfgang Kralicek

Dass die Inuit 50 Wörter für Schnee haben, klingt zwar plausibel, stimmt aber gar nicht. Dass das Wienerische ebenso anschauliche wie poetische Synonyme für Ohrfeigen bereithält, kann hingegen niemand bestreiten. Man denke nur an das "Ohrenreiberl", die "Gnackwatschn" oder das "Zwickerbusserl". Diese schönen Begriffe bekommt man derzeit im Wiener Volkstheater zu hören, vor allem aber auch zu sehen. Anna Badora hat ihre letzte Spielzeit als Volkstheater-Intendantin soeben mit einer Dramatisierung von Heimito von Doderers Roman "Die Merowinger oder Die totale Familie" eröffnet, und Ohrfeigen spielen darin eine wichtige Rolle.

Im Werk des österreichischen Großschriftstellers (1896 - 1966), der nach seinen monumentalen Romanen "Die Strudlhofstiege" und "Die Dämonen" in den Fünfzigerjahren als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wurde, nehmen "Die Merowinger" (1962) eine Sonderstellung ein: Groteske statt Realismus, handfester Slapstick statt psychologischer Feinheiten.

Im Zentrum des in der Nachkriegszeit angesiedelten Romans steht der degenerierte, aber hoch virile Adelige Childerich von Bartenbruch III., der sich als später Nachfahre der Merowinger versteht und es durch gefinkelte Heiratspolitik geschafft hat, sein eigener Vater, Großvater, Schwager und so weiter zu werden. Wie fast alle Protagonisten des Romans wird Childerich von heftigen Aggressionsschüben geplagt, deretwegen er die unkonventionelle Therapie des Psychiaters Horn in Anspruch nimmt. Horns Nachbar wiederum, der Schriftsteller Dr. Döblinger, geht mit seiner Wut ganz anders um. Er hat eine Schlägertruppe rekrutiert, die mehr oder weniger wahllos Passanten "plombiert" (= verprügelt); die Opfer erhalten hernach eine schriftliche Entschuldigung: "Es ist nur wegen Ihres Gesichts und tut uns ansonst aufrichtig leid." Fight Club auf Wienerisch.

Die spürbare Lust, mit der Doderer die Gewaltexzesse seiner Romanhelden schildert, ist moralisch fragwürdig, macht die Lektüre aber umso vergnüglicher. "Die Merowinger", da sind sich die Doderer-Exegeten einig, ist sein witzigstes Buch. Hinter dem "Mordsblödsinn", als welcher das Werk am Ende des Romans bezeichnet wird, verbirgt sich allerdings eine durchaus ernsthafte Frage: Wohin mit all der Wut? Doderers Romanfiguren - übrigens durchaus gebildete, intellektuelle Zeitgenossen - sind Wutbürger avant la lettre.

Der Schriftsteller Franzobel hat den Text bearbeitet und hier und da einen Kalauer eingefügt

Den Roman auf die Bühne zu bringen, schien also eine gute Idee zu sein. Eine gute Aufführung wurde leider trotzdem nicht daraus. Weder der Regisseurin Badora noch dem mit der Bearbeitung beauftragten Schriftsteller Franzobel ist es gelungen, den pittoresken Stoff aktuell, brisant, konkret zu machen. Der für seine barock-verspielte Wortlust bekannte Franzobel (Doderer habe sein Schreiben mehr geprägt als Thomas Bernhard oder Peter Handke, bekennt er im Programmheft) hält sich sprachlich eher im Hintergrund; hier und da hat er einen Kalauer oder einen (leider nicht so witzigen) Ibiza-Witz eingefügt, und die Dialoge zwischen Childerich (Peter Fasching) und seinem Haushofmeister Pippin (Günter Franzmeier) hat er im Stil eines Rap-Battle gereimt. Doch trotz dieser Aktualisierung hat man nie den Eindruck, dass das Stück im Heute spielt.

Badora und Franzobel haben versucht, möglichst viel an Handlung zu transportieren. Dabei ist die gar nicht so wichtig. Es ginge viel eher darum, eine szenische Übersetzung für die Wut zu finden, die mit dem - ohnedies sehr episodisch angelegten - Plot transportiert wird. Wenn Childerichs grobschlächtiger Sohn, das Riesenbaby Schnippedilderich (Thomas Frank), auf einem Volksfest seine Cousine mobbt und zusammenschlägt, wird es unangenehm; und wenn Doktor Döblinger (Sebastian Pass) mit seinem Rollkommando das gesamte Hab und Gut einer "physiognomisch minderwertigen" Familie in Zellophan verpackt und abtransportiert, wird deutlich, dass das frühere NSDAP-Mitglied Doderer in dem Roman wohl auch seine persönlichen Dämonen sublimiert hat.

Doch irritierende Momente wie diese sind in der aufwendigen Aufführung, an der neben einem großen Ensemble auch eine zehnköpfige Blaskapelle beteiligt ist, die Ausnahme. Meistens blickt man bloß, leidlich amüsiert, in ein skurriles Paralleluniversum. Wut ist anders.

© SZ vom 13.09.2019
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