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Roman:Mao, Stalin und meine Mutter

Paul Theroux' Buch "Mutterland" erzählt von einer Matriarchin, die mit großer Kunstfertigkeit ihre sieben Kinder tyrannisiert. Der Roman dreht sich um die Frage: Wie erzieht man ein Kind zum Untertan?

Der Tyrann besitzt die Fähigkeit, ein System feinster Manipulation und banalster Brutalität zu etablieren. Zwischen die Untertanen wird Zwietracht gesät, denn das macht es leichter, sie zu beherrschen. Unhinterfragte Ergebenheit wird von der Gefolgschaft ebenso eingefordert wie bedingungslose Vertraulichkeit. Seine eigenen Widersprüche, Launen, Ungerechtigkeiten dienen der Aufrechterhaltung der Ordnung, in deren Mittelpunkt er steht: Indem er jeden einzelnen seiner Handlanger unterschiedlich behandelt, kann er sie gegeneinander ausspielen. Er schafft Hierarchien. Zugunsten der Staatsräson ist es dem despotischen Herrscher erlaubt, die Gesetze der traditionellen Moral zu verletzen. Machiavelli glaubte daran, dass Il Principe zur Wahrung seiner Interessen auch vor Gewalt und Terror nicht zurückschrecken darf. Meist sind autoritäre Herrscher Emporkömmlinge, die sich erbarmungslos in die höchsten Machtsphären vorkämpfen und ganz oben angekommen auf infantile Weise Grausamkeit und Starrsinn ausleben können.

Paul Theroux hat nun einen Roman über solch eine Tyrannenherrschaft geschrieben, über die Mechanismen diktatorischer Systeme, über die Selbstverleugnung der Speichellecker, die Anziehungskraft des Machtpols, die Skrupellosigkeit der Profiteure und die Mutlosigkeit der Mitläufer. Ein Buch über einen Herrscher, durch den - das erkennt Theroux' Erzähler - die seelische Struktur von Stalin, Mao, Pol Pot oder Genosse Hoxha verstehbar werde. Und Theroux lässt keinen Zweifel daran, dass in Sachen Gerissenheit und Egozentrik seine Hauptfigur an die großen Despoten des Jahrhunderts anknüpfen kann. Der amerikanische Reiseschriftsteller und Romancier erzählt in seinem neuen Buch nämlich von seiner Mutter.

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Mutter und Matriarchin: Die Familie sei die Keimzelle des Faschismus, schrieb Max Horkheimer.

(Foto: imago/UIG)

Genauer: Ein Ich-Erzähler rechnet mit seiner Mutter ab. Dieser Erzähler - das sei hinzugefügt, auch wenn es das Lesevergnügen weder mindert noch steigert - teilt einige Eigenschaften und Lebensdaten mit dem 1941 in Medford, Massachusetts, geborenen Autor. Die Mutter regiert über ihre kinderreiche Familie als unberechenbare Königin, die nach dem Tod des Ehemannes einen komfortablen Sessel besteigt wie einen Thron. Sie spinnt die Fäden und knotet sie manchmal zur Schlinge. Wer das alles für ein wenig übertrieben hält, sollte sich ins "Mutterland" begeben und das Fürchten lernen.

Während die Kinder zusehends hinfälliger werden, geht es der Matriarchin immer besser

Die Geschichte dieses Buches, das kein Memoir ist, aber auf raffinierte Weise mit autobiografischen Versatzstücken hantiert, lässt sich rasch erzählen: Ein nicht ganz erfolgloser Mann, der zwei Ehen hinter sich und mehrere Kinder in die Welt gesetzt hat, der durch die ganze Welt gereist und als Schriftsteller etabliert ist, kehrt nach dem Tod des Vaters zurück nach Cape Cod in Massachusetts, in den Dunstkreis der schon betagten Mutter. Dieser Jay Justus, Anfang 60, sieht sich urplötzlich in die Vergangenheit gebeamt, in die Kindheitsrangeleien mit den sechs Geschwistern (die früh verstorbene Angela, die von der Mutter wie eine Heilige verehrt wird, gar nicht mitgezählt). Alles ist wieder da: Die Neckereien, gehässigen Wortwechsel, Geheimnisse und Lügen. Alle schwirren sie um diese allmächtige Mutter herum, alle buhlen um ihre Zuneigung, und dem Leser wird früher als dem Erzähler klar, wie gerissen sie agiert, ja, dass diese äußerst manipulative Greisin ihre Brut aufeinanderhetzt. Diese innerfamiliären Zwistigkeiten sind ihr Lebenselixier. Jahr um Jahr scheint es der Matriarchin besser zu gehen, während ihre Kinder immer hinfälliger werden. Es sind Abnutzungskämpfe, und die alterslose Königinmutter gibt weder den Löffel ab noch das Zepter aus der Hand. Mutti sitzt alles aus und weiß, ohne Machiavelli oder Clausewitz je gelesen zu haben, intuitiv ihre Machtmittel einzusetzen.

Ist das nicht ein bisschen dünn für 650 eng bedruckte Seiten? Ja und nein. Paul Theroux' Roman ist zwar eine endlos lange, handlungsarme Suada. Vor Wiederholungen wird darin ebenso wenig zurückgeschreckt wie vor Beschreibungen trivialer Scharmützel. Frei von Narzissmus ist das nicht. Aber hierin steckt auch ein narratives Prinzip: Das Enervierende dieser zwanghaften Familienkonstellation, aus der es kaum ein Entrinnen gibt, transportiert sich prächtig im stetig dahinfließenden und -polternden Erzählen. Man merkt förmlich, wie die Zeit vergeht und für diese unglückliche Familie zugleich stillsteht. Langweilig ist das selten. Vor allem Theroux' Gabe, die missgünstigen, hasserfüllten Dialoge zwischen den ichbezogenen Geschwistern wiederzugeben, hat einen leicht zu durchschauenden Reiz: In dieser Familie ist konzentriert und überspitzt all das ausgestellt, was wir selber an solchen Systemen verdächtig finden. Max Horkheimer hat geschrieben, die Familie sei die Keimzelle des Faschismus. Es ist fast, als hätte er den Justus-Clan vor Augen gehabt. Jedenfalls bringt sie das Schlechteste in den Geschwistern zum Vorschein. Für die Leser ist das bei aller existenziellen Problematik für die Beteiligten richtiggehend vergnüglich: Nicht nur das Übertreibungstalent Theroux' beim Vergleich der Mutter mit berühmten Tyrannen zeugt von seinem schönen schwarzen Humor.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag auf seiner Internetseite zur Verfügung.

Auch das lustvolle Ausweiden der Regressionstendenzen seines Erzählers samt Verwandtschaft ist äußerst unterhaltsam: Besonders skurril wird es etwa, als sein scharfzüngiger Bruder Floyd und er in Mutters Haus einbrechen, um deren Kontoauszüge zu kontrollieren - Liebe wird in Diktaturen und Familien ja gerne übers Materielle geregelt, und tatsächlich verteilt auch die Mutter ihre Güter taktisch geschickt und ungerecht. Dass schließlich all ihre Nachkommen dabei doch stets den Kürzeren ziehen, wird erst klar, als es schon zu spät ist. Es ist blendend, wie Theroux die psychologischen Defekte und Überlebensstrategien nach und nach entlarvt, und wie er auch seinen Ich-Erzähler sich selbst auf die Schliche kommen lässt. Das Mutterland ist nämlich nicht nur Schlachtfeld, sondern mehr noch Gehege: Solange es Mutter gibt, bleibt man selbst ein Kind. Die Gedanken an die Vergänglichkeit mögen irgendwo außerhalb dieses Schutzraums lauern. Innerhalb aber sind sie fern. Das zeitigt freilich ebenfalls sehr komische Effekte: Mit knapp über 100 wird die Königin ins Exil getrieben, in ein Seniorenheim, das sie aber rasch in ihr eigenes Reich verwandeln kann. Hier fällt es ihr noch ein bisschen leichter, eine Aura um sich zu verbreiten, als verehrungswürdige Überlebende zu gelten. Alle bewundern sie. "'Jetzt bist du die älteste Bewohnerin', sagte ich. 'Noch nicht. Grace Almond ist hundertzwei', sagte sie. Sie zwinkerte mir zu. 'Aber es geht ihr gar nicht gut.'" Als ihre Kinder sie besuchen, wirken diese auf die 70 und 80 zugehenden Menschen viel gebrechlicher. Von anderen Besuchern werden sie gefragt, wie es ihnen denn im Heim gefalle.

Es ist kein Zufall, dass Literaturnobelpreisträger niemals ihren Müttern danken

Paul Theroux' Rätselspiel mit der eigenen Biografie muss gar nicht aufgelöst werden. Er vermischt Dichtung und Wahrheit spielerisch. Zu Lebzeiten der Mutter aber, gestand er in einem Interview, hätte er das Buch nicht verfassen können. Höchstens im Verborgenen: "Jahre später verstand ich die Leute, die in den Gulags heimlich schrieben, die Dissidenten, die ihre Tagebücher versteckten, die geschmuggelten Bleistiftstummel", heißt es im Roman. Es sei kein Zufall, sagte Theroux einmal, dass es keinen einzigen Literaturnobelpreisträger gebe, der bei seiner Festrede der eigenen Mutter gedankt habe. Als Autor muss man den Herrscherinnen über den Küchentisch aber dennoch dankbar sein: Sie sind paradoxerweise die schlangenhaften Musen, die den Schreibnachwuchs küssen. Das Gift jedenfalls wirkt.

Paul Theroux: Mutterland. Roman. Aus dem Englischen von Theda Krohm-Linke. Hoffmann und Campe. Hamburg 2018. 654 Seiten, 28 Euro. E-Book 21,99 Euro.