Roman "Angst" von Dirk Kurbjuweit Die letzte Eskalationsstufe

Seine Ehe ist schon in der Krise, ehe Herr Tiberius auf den Plan tritt - aber diese Krise hat nicht die Form einer Affäre, sondern die einer gastronomischen Obsession. Der Architekt betrügt seine Frau mit sündhaft teuren Feinschmeckerlokalen, in denen er alleine speist; wenn er Freunde einlädt, dann wird über die Vorzüge von Privatschulen oder eben über die Bürgerlichkeit diskutiert und was dazugehört. Und auch, als Herr Tiberius schon die letzte Eskalationsstufe zündet, hat Randolph Tiefenthaler noch immer das Ziel, den Quälgeist loszuwerden, ohne den Verlockungen der Gewalt nachzugeben.

Er ist aber eine Romanfigur, um eben dies zu tun, um den Waffenträger im Vater zu entsichern wie einen Revolver und in sich selbst der Verlockung der Gewalt nachzugeben. Hier aber, wo er zum Kronzeugen des Verdachts wird, es gebe im aufgeklärten Berliner Bürgertum eine Notstandsgesetzgebung, die das Gewaltmonopol des Staates außer Kraft setzt, beginnt die literarische Problemzone des Romans.

Zwar gelingt es ihm mit leichter Hand, die Enttäuschungen ins Bild zu setzen, die der Rechtsstaat der Familie bei ihrem Abwehrkampf bereitet: Aus seiner Wohnung kann der mittellose Hartz IV-Empfänger Tiberius nicht vertrieben werden, eine Verleumdungsklage würde sich hinziehen und ihn auch nicht auf Dauer unschädlich machen. Und auch die Verlockungen einer "tschetschenischen" Lösung lässt der Roman in Gestalt einiger Nebenfiguren, die ihre schlagkräftigen Dienste anbieten, hinreichend anschaulich werden.

Aber der Plot, den sich Kurbjuweit ausgedacht hat, verpflichtet ihn zu mehr als nur zur Erzählung einer Geschichte, in der Gefühle von Angst und Ohnmacht das liberale Selbstbewusstsein seines Protagonisten so sehr durchlöchern, dass er schließlich zur Selbstjustiz greift, also in seinen eigenen Augen zum Barbaren wird. Der Plot verpflichtet seinen Helden auch dazu, der Tat ins Auge zu sehen, nachdem sie getan und zur Erinnerung geworden ist.

Kurbjuweit braucht das dunkle Zentrum des Romans

Das stellt sehr hohe Anforderungen an die Form der Ich-Erzählung, und je mehr der Roman auf seine Schlusspointe zusteuert, desto deutlicher wird, dass Kurbjuweit das dunkle Zentrum des Romans, den Tötungsakt, zwar braucht, um den zeithistorischen Essay über die inneren Krisengebiete des Bürgertums mit einem Ernstfall auszustatten. Aber er muss sich dieses dunkle Zentrum zugleich vom Hals halten, darf nicht erlauben, dass es im Innern seines Ich-Erzählers die Bedeutung gewinnt, die ihm zusteht.

Darum gibt es in "Angst" zwar unkontrollierbare Bilder, die aus den Briefen Tiberius' aufsteigen, in denen er den angeblichen Kindesmissbrauch schildert. Es gibt aber keine Bilder der Tat, die dem Verfolger den Garaus macht. Es gibt die Vorgeschichte dieser Tat, und es gibt die Nachgeschichte, den Bericht vom Prozess, die Besuche im Gefängnis beim verurteilten Vater.

Dieses Aussparen der Tat, das über sie verhängte Bilderverbot, entspringt nicht nur der Verblendung, mit der sich der Architekt in der Billigung seiner Tat verschanzt. Der Autor verhängt über seinen Ich-Erzähler dieses Bildertabu, um seinen Plot nicht zu gefährden. Die Ich-Erzählung, eine ideale Sonde der Erforschung von Krisengebieten, bleibt durch dieses Tabu unter ihren Möglichkeiten. Das ist eine große Schwäche dieses Romans.

Dirk Kurbjuweit: Angst. Roman. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2013. 256 Seiten, 18,95 Euro.

Dirk Kurbjuweit, geboren 1962 in Wiesbaden, arbeitet als politischer Korrespondent für den Spiegel und lebt in Berlin. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Von ihm sind bislang sechs Romane erschienen.