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Roman: Angerichtet:Das Schweigen dröhnt

Ein heftiger Gewaltexzess, keine Zeugen: Zwei Brüder treffen sich zum Essen, um über etwas Schreckliches zu sprechen, was ihre Söhne getan haben. "Angerichtet" zeichnet ein scharf konturiertes Bild der niederländischen Gesellschaft.

T. Heyl

Ein edles Lokal in Amsterdam, zwei Brüder treffen sich mit ihren Frauen zum Abendessen. Der eine, Serge Lohman, steht im Wahlkampf und hat gute Chancen, Ministerpräsident der Niederlande zu werden. Der andere, Paul, war bis vor ein paar Jahren Lehrer und musste wegen psychischer Probleme den Dienst quittieren. Die beiden können sich nicht leiden, aber sie haben mit ihren Frauen Wichtiges zu besprechen. Es geht um ihre Söhne und die Stimmung ist gedrückt. Irgendetwas Schlimmes ist passiert. Was genau, wird an diesem langen Abend von keinem der Beteiligten ausgesprochen. Dieser Roman handelt von einem dröhnenden Schweigen.

Romancover: Angerichtet

Während eines Abendessens, während der Kellner einen Gang nach dem anderen auf den Tisch stellt, versuchen zwei Elternpaare über das Unfassbare zu sprechen, das ihre Kinder angerichtet haben.

(Foto: Kiepenheuer & Witsch)

Und dieses Schweigen soll einen kurzen, heftigen Gewaltexzess vertuschen, für den es keinen Zeugen gibt. Nur eine Überwachungskamera hat festgehalten, wie zwei Jugendliche eine obdachlose Frau zuerst verprügelt und dann angezündet haben, weil sie ihnen den Weg zum Geldautomaten versperrt hat. Im Fernsehen war dieses Video zu sehen, aber niemand hat die vermummten Schläger identifiziert: bis auf die beiden Ehepaare Lohman, die ihre Söhne als die Täter erkannten. Nun wollen sie darüber beraten, wie sie sich am besten aus dieser Affäre ziehen. Aber wie soll das gehen, wenn sie nicht einmal in der Lage sind, das Verbrechen beim Namen zu nennen?

Herman Koch, Jahrgang 1953, ist hierzulande noch wenig bekannt, in den Niederlanden aber durch seine Bücher und Fernsehauftritte ein berühmter Mann. Sein jüngster Roman "Angerichtet" belegte lange den Spitzenplatz der dortigen Bestsellerliste und wird nun als kommender internationaler Bestseller beschworen. Die Ingredienzien sprechen durchaus für einen solchen Erfolg. Aus einem geradezu minimalistischen Handlungskern, dem Gewaltausbruch vor dem Geldautomaten, entwickelt Koch ein scharf konturiertes Bild der niederländischen Gesellschaft, in dem sich deren Nachbarn ohne weiteres wiedererkennen können. Da wächst die Chance auch für weniger Talentierte, mit etwas Geschick auf der sozialen Leiter nach oben zu klettern, aber es wächst auch das Risiko, aus einer bürgerlichen Existenz in die Obdachlosigkeit abzurutschen.

Junge Männer, fast noch Kinder, verwandeln sich von einem Moment auf den anderen in tödliche Schläger. In den Klassenzimmern herrscht Sprachlosigkeit zwischen Lehrern und Schülern. Und das alles in einer Gesellschaft, die so vielen Menschen wie nie zuvor ein Leben in Wohlstand und Sicherheit ermöglicht hat: Zu viel von beidem könnte man meinen, wenn man den Vorträgen des Kellners lauscht, der noch über die Herkunft des Rosmarins auf dem Vorspeisenteller ein kleines Referat zu halten versteht.

Wie dieser Kellner den Lohmans einen Gang nach dem anderen serviert, so handelt Koch die großen Konflikte und Widersprüche ab, mit denen die westlichen Gesellschaften dieser Jahre zu kämpfen haben. Wobei ja der Kern der Geschichte von einer weniger gewöhnlichen Variante jugendlicher Gewalt handelt: Die Täter kommen hier gerade nicht vom benachteiligten Rand der Gesellschaft, sondern aus deren wohl situierten Regionen. Völlig unauffällig sind sie herangewachsen, nicht einmal als exzessive Computerspieler sind sie bekannt.

Sie flüstern, sie schreien, sie dozieren

Da will man genauer wissen, wie sie sich von einer Sekunde auf die andere in Totschläger verwandeln - und in diesem sehr entscheidenden Punkt erweist sich Koch als raffinierter Analytiker. Er lässt die Eltern einfach reden, und gerade bei Serge und seine Frau Babette kommt da mit der Zeit ein abgründiges Vexierbild zum Vorschein. Man ist ein bisschen liberal, man ist bisschen links, man ist darin geübt, soziale Diskriminierung oder die Machtverhältnisse der Geschlechter in schwindelerregenden dialektischen Argumentationen zu entlarven: Aber das ist eben alles einstudiert und nicht durch Überzeugungen gedeckt, um die man einmal gekämpft, für die man notfalls auch einmal einzustehen hätte.

Die einstudierte Moral reicht nicht aus

Hier werden Haltungen vorgeführt wie die Accessoires eines bestimmten Lebensstils. Das mag gut gehen, so lange es nicht zu Konflikten kommt. Als aber die beiden Cousins bei ihrem nächtlichen Streifzug durch die Stadt spontan ein paar Euro abheben wollen und daran von einer stinkenden, betrunkenen Obdachlosen gehindert werden, reicht solchermaßen einstudierte Moral nicht mehr aus, um sie daran zu hindern, ihr Recht auf nächtlichen Spaß mit Gewalt durchzusetzen. Sie schlagen zu.

Ist das eine Erklärung oder sogar eine Entschuldigung? Spielt nicht auch eine Rolle, dass einer der beiden Lohman-Brüder schon immer Probleme mit Gewalt hatte und deswegen sogar in Behandlung war? Wo er solche Fragen stellt, die man auch in kirchlichen Akademien oder abendlichen Talkrunden schätzt, ist dieser Roman zwar perfekt konstruiert, aber nicht unbedingt originell. Er bietet dann reichlich Material, moralische Dilemmata durchzubuchstabieren und viele werden ihm dabei bereitwillig folgen, denn er präsentiert sie im Gewand eines Thrillers, der sich am Ende zu einer wahrhaften Katastrophe steigert, die alle Figuren als moralische Monster zurücklässt.

Ununterbrochen reden sie in diesem Roman, in inneren Monologen, zu zweit, zu dritt zu viert. Sie flüstern, sie schreien, sie dozieren, sie schmeicheln sich bei ihrem Gegenüber ein. Gesagt wird dabei freilich nichts. Wie sich dieses dröhnende Schweigen in Gewalt entlädt, hat Herman Koch meisterhaft beschrieben.

HERMAN KOCH: Angerichtet. Roman. Aus dem Niederländischen von Heike Baryga. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 309 Seiten, 19,95 Euro.

© SZ vom 20.09.2010/kar
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