Ridley Scott wird 70 Brot und Bruderkämpfe

"Alien", "Gladiator" oder "Thelma & Louise" - sein Kino führt ins Herz der Finsternis: Ridley Scott, der Spätankömmling im Filmgeschäft, wird 70 Jahre alt.

Von Fritz Göttler

Er war ein Spätankömmling im Filmgeschäft, mit vierzig hat er seinen ersten Film gemacht, "The Duellists", mit Harvey Keitel und Keith Carradine, die für diese kleine Rachegeschichte aus dem napoleonischen Europa die Mean Streets verließen, die sie gerade im amerikanischen Kino unsicher machten. Aber früh hat Ridley Scott wohl die Berufung gespürt, eine der Geschichten, die über ihn kursieren, vermerkt, wie er mit sechs den "Citizen Kane" sah und danach wusste, was er später machen wollte...

Eines seiner schönsten und vollkommensten und auch erfolgreichsten Werke ist noch vor den "Duellists" entstanden, die Geschichte eines Buben, der das Brot ausliefert, in einer kleinen englischen Stadt. Der sein Rad die kopfsteinhoppeligen Straßen hochdrückt, an deren Rand die Häuser den Hang hinaufkriechen und deren Pfützen im Vormittagssonnenlicht aufblitzen. Ein Aufstieg zum top of the world, aber gleich darauf, nachdem das letzte Brot ausgehändigt ist, die erregende Abfahrt, mit weit weggestreckten Füßen.

Es ist der berühmte Werbeclip für die Brotmarke Hovis, gerade mal eine Minute lang, von den Klängen von Dvoraks Sinfonie "Aus der Neuen Welt" magisch verklärt - und voriges Jahr zum besten Spot in Großbritannien gekürt. Wenn man ihn - auf YouTube - sieht, weiß man, dieser Mann ist im Grunde seines Herzens ein Minimalist, und man fängt an, auch die großen Epen, die er drehte und für die er berühmt ist, mit anderen Augen zu sehen: "1492: Conquest of Paradise", mit Depardieu als Kolumbus, und "Gladiator" und "Königreich der Himmel", über die Kreuzritter im Morgenland, und, eben erfolgreich in den Kinos, "American Gangster", mit Denzel Washington als Harlem-Drogenbaron.

Der Atem der Geschichte kämpft in diesen Filmen mit dem Rückzug in sich selbst, die Kindheit in der Provinz hat in ihnen allen überlebt, mit ihrem Versprechen auf Frieden und Geborgenheit. Sein Kino ist dem des großen Jacques Tati sehr nahe, dem er eine schöne Hommage widmete in seinem vorletzten Film "Ein gutes Jahr", der übel verrissen wurde.

Dass er die Clipkultur in den Siebzigern so kräftig in die Gänge brachte und mit der Aura echter Kunst versah, ist eigentlich ein Nebeneffekt seiner Karriere. Gerade deshalb machen die Kritiker ihm bis heute den Einzug in den Pantheon des Autorenkinos unnötig schwer. Dabei macht er sich sehr viel weniger Illusionen über den schwierigen, mehrdeutigen Filmautorenbegriff und -mythos als die meisten seiner Kritiker. Er versteht Kunst immer auch als Handwerk, so wie die alten Hollywoodianer es auch taten, und die großen europäischen Künstler in den Jahrhunderten vor ihnen. Er liebt die Konkurrenz mit anderen, an der Spitze Bruder Tony Scott ("Top Gun").

Sir Ridley operiert gern mit den Millionenbudgets, die die Produzenten ihm anvertrauen, und liefert ihnen dafür die Leinwand-Sistinas, von denen sie träumen. Heutzutage stemmt er gewaltige Produktionen mit Heerscharen von Mitarbeitern in wenigen Monaten, für die andere Jahre bräuchten.

Keine Loser, wirkliche Verliererer

Gleich nach der Fertigstellung von "American Gangster" machte er sich an den Thriller "Body of Lies" mit Leonardo DiCaprio und Russell Crowe, danach ist "Nottingham" geplant, über einen englischen Sheriff - erneut Russell Crowe, sein Gladiator, sein tapferer Ermittler gegen den "American Gangster" -, der es mit einem niederträchtigen Banditen aus dem Sherwood Forest zu tun bekommt, und auch danach will er in der englischen Geschichte verbleiben und einen Film über Stonehenge machen. Inzwischen malt er auch wieder. Sein großes Vorbild ist George Stubbs, mit seinen schönen einfachen Bildern aus dem Landleben: "Das Ziel ist wie der zu malen. Und ich komme langsam so weit."

Mit den Werbeclips fing er nur an, weil er bei der BBC keine Chance bekam, selbst Filme zu machen - er hatte mal durchblicken lassen, dass er mit Shakespeare nicht viel am Hut hatte. Um die öffentliche Meinung scheint er sich nicht wirklich zu scheren - das enthusiastische feministische Lob für "Thelma & Louise" konterte er, indem er Demi Moore einem stählernen Marine-Training in "G.I. Jane" unterzog.

Einer seiner tiefsten, beklemmendsten Film ist immer noch "White Squall", der vom Abenteuer eines Segelschulschiffs erzählt, von Jugend und Verantwortung, vom Sturm des Lebens und wie man den Untergang überlebt. In seinen frühen Filmen schon hat er dieses Thema vorgegeben, in "Duellists" und "Alien", mit denen er Hollywood auf sich aufmerksam machte, und "Blade Runner", seiner ersten amerikanischen Produktion, der nun, nach 25 Jahren, in einer endgültigen Fassung auf DVD erscheinen wird.

Ein Kino, das ins Herz der Finsternis führt, Filme über wirkliche Verlierer - keine melancholischen Kino-Loser, sondern Menschen, die wissen, dass sie nie genug Zeit haben werden für eine echte Chance. Die Freiheit ist wild und aggressiv und unerbittlich in diesen Filmen. Denn entsetzlicher als die Wildheit eines Tiers, das in aller Unschuld des Herzens eine natürliche Funktion vollzieht, ist die rasende Fixiertheit, die allein der Mensch entfalten kann.