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Rezension:Der Park und die Macht

September 14 2016 Sara Mesa escritora CULTURA Argentina PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY ZUMAl

Sara Mesa wurde 1976 in Sevilla geboren, wo sie bis heute lebt.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Tagebuch und Wirklichkeit: Sara Mesa bringt in ihrem Roman "Quasi" ein ungleiches Paar zusammen und inszeniert eine sexuelle Belästigung, die nie stattgefunden hat.

Von Rudolf von Bitter

Ein älterer, etwas wunderlicher Mann und eine 14-Jährige im Gebüsch eines Parks: Das ist eine verfängliche Situation. Sara Mesa aber setzt eine Art Kammerspiel zweier stiller Seelen in Szene, die beide nicht zurechtkommen in ihrer Welt.

Das Mädchen, dessen Perspektive bei Mesa dominiert, fühlt sich in der Klasse gemobbt, sie findet sich hässlich, die Lehrerin sagt ihr Integrationsschwierigkeiten nach, sie leidet unter Bemerkungen einer Mitschülerin - das klingt nicht außergewöhnlich. Dass sie die Schule schwänzt und mithilfe einer Fälschung vorläufig sogar ihre Abmeldung bewerkstelligt, zeugt von einer gewissen Schlauheit. Jetzt sitzt sie also an Wochentagen wie an einem Arbeitsplatz unter einem Baum im Park und liest Mädchenzeitschriften. Da wird sie von niemandem gesehen und muss sich darum auch nicht übersehen fühlen.

Anders der Mann: Er ist einsam, spürt den Vögeln des Parks nach und beobachtet deren Verhalten. Davon erzählt er dem Mädchen schon ausführlich, als er zufällig auf sie stößt. Dass er eigenartig ist, merkt das Mädchen bald, aber sie lässt sich ein auf ihn - als sei sie die Erwachsene und er der Unreife. Nach ein paar Tagen nennen sie einander ihre Namen und sagen ihr Alter, einigen sich aber darauf, dass sie ihn den "Alten" nennt, und er sie "Quasi", weil sie ihren eigenen Namen nicht mag und auch ihr Alter nur ungefähr nennt, "quasi vierzehn".

Die Dynamik kleiner Szenen deutet Machtverhältnisse an: Wo er arglos etwas anbietet, Chips, oder ein Handtuch, auf das sie sich setzen könnte, ist sie überfordert in einer Mischung aus Zurückhaltung und der Anspannung, er könnte sie an die Schule oder sonst wohin verraten. Erst ihre Zurückweisung des Handtuchs bringt etwas Verfängliches in die Situation, woraus er ihr einen Vorwurf macht: Ein Handtuch, das ist doch so harmlos.

Wenn sich auch beide in ihrem Umfeld unterlegen fühlen, ist sie doch jung, bis auf das Fehlen im Unterricht unbelastet und hat noch ihr Leben vor sich. Er dagegen ist als Kind, das ein Vater mit seiner Tochter gezeugt hat, von Anfang an sozial gebrandmarkt gewesen, die Mutter hat sich von ihm abgewandt, die Behörden führen ihn als geistig eingeschränkt. Solange er nicht auffällt, hat er seine Ruhe. Nach und nach hat er seine Geschichte erzählt, Quasi hört ihm zu und lenkt ihn, als sei er ihr Patient, sogar geschickt zu Aussagen, die er sonst wohl eher für sich behalten würde. Nach und nach gewinnt sie Oberwasser. Ungeübt darin, überlegen zu sein, entgleitet ihr die Situation: Hatte sie bisher schon das Gespräch gelenkt, so übernimmt sie die Rolle eines sexuellen Bedrängers, indem sie erst einen körperlichen Schmerz am Bein haben will, dann ihre Jogginghose und dann noch ihren Slip herunterzieht, wogegen er sich die Augen bedeckt und zurückweicht, weil ihn vor allem die Heftigkeit ihrer Geste erschrickt, die Gewalt darin.

Wieder bekleidet, will sie wissen, ob sie ihm nicht gefalle, und fummelt an ihm herum. Er ergreift die Flucht, sie fühlt sich zerschmettert. In ihrem Tagebuch, das sie zu Hause führt, beschreibt sie die Episode anders, als sie sich abgespielt hat. War dieser Ausbruch eine pubertäre Anwandlung? Oder brach damit die Anspannung heraus, der sie sich aussetzt, indem sie ihre Tage in öffentlichen Anlagen verbringt, ihren Eltern einen Schulbesuch vorgaukelt und immer auf der Hut sein muss, nicht einem Vertreter der Obrigkeit, Parkwächter oder Polizist, aufzufallen? Oder hat Sara Mesa die philosophische und psychologische Konstellation herausarbeiten wollen, wonach ein Unterlegener überlegen wäre, wenn er ein Machtvakuum spürt und sogleich besetzt, um an anderen das auszuüben, worunter er gewöhnlich leidet? Die Situation, aus der sich diese Dynamik entwickelt, ist zurückhaltend erzählt, es wird keine Erklärung nahegelegt und keine Motivation ausgebreitet. Das macht dieses informelle Machtspiel so spannend. Dem Übersetzer ist die Übertragung der zerbrechlichen Konstellation ins Deutsche gelungen.

Sara Mesa hat sich die Szenen gespart, in denen Quasi als Schulschwänzerin auffliegt, ihre Eltern ihr geheimes Leben aufdecken und der Alte als Verdächtiger verhaftet wird. Ihr Tagebuch wurde zur Grundlage einer Anklage und musste mit einigem Aufwand entkräftet werden.

Im kurzen zweiten Teil des Buchs sitzen die beiden dann in einem Café, er wird argwöhnisch beobachtet von der Kellnerin, Quasi erfasst die Situation. Er hat nicht begriffen, dass ihn sein Schweigen vor Gericht erst verdächtig gemacht hat, sie hat nicht erkannt, dass ihre Tagebuchfantasien für ihn belastend waren. Für ihn sind die Beschuldigungen nichts Neues gewesen, sein sozialer Status bleibt unberührt. Für sie bewirkten sie eine nicht unangenehme Ablenkung vom Fehlen im Unterricht, allenfalls ist ihr im Nachhinein ihre Naivität peinlich. Mit der letzten Zeile des Buchs ist für sie das alles schon so gut wie vergessen, denn es geht ihr in der Schule jetzt besser. Gedanken machen darf sich, wer das liest.

Sara Mesa. Quasi. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020. 141 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 20.07.2020

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