Retrokolumne:Unberechenbar

Die interessantesten Pop-Wiederveröffentlichungen der Woche. Diesmal mit "Queen2" und der Antwort auf die Frage, warum Punk "The Who" mochte.

Von Max Fellmann

Queen

Steve Jones, der alt und dick gewordene Gitarrist der Sex Pistols, lebt seit vielen Jahren in Los Angeles und hat dort eine Radiosendung, die ihm die Miete sichert, "Jonesy's Jukebox". Der alte Bär brummt in einer lustigen Cockney-Westcoast-Mischung rum, spielt Platten und lädt Gäste ins Studio ein. Vor drei Monaten saß ihm Brian May gegenüber, der alt und weißhaarig gewordene Gitarrist von Queen. Was für ein Gegensatz: auf der einen Seite der Mann von der Dinosaurier-Band mit dem Bombast-Rock, der Gitarrist mit dem akademischen Ansatz, der bis zu 20 Spuren Gitarre übereinanderlegte. Auf der anderen der alte Punkrocker, der einst vor allem erst mal alles Mist fand und gerade mal die sprichwörtlichen drei Akkorde auf der Gitarre beherrschte (wobei "beherrschen" etwas hoch gegriffen ist). Überraschung: Die beiden alten Kerle verstanden sich prima, plauderten über Pop, Punk, den Sinn des Lebens und die Grenzen des Sonnensystems (May ist promovierter Astrophysiker), und das ist so amüsant wie rührend und zum Glück auch auf Youtube anzuschauen. Der Witz an der Sache: Die beiden kamen sich vor genau vierzig Jahren schon mal nahe, sie haben mit ihren Bands wichtige Alben Tür an Tür aufgenommen, in den Londoner Wessex Studios. Im einen Raum entstand "Never Mind The Bollocks", im anderen "News Of The World". Oder wie es Brian May in Jones' Radiostudio höflich formuliert: "Ihr habt damals Geschichte geschrieben, und wir nebenan, auf unsere Weise, wohl auch." "News Of The World"erscheint jetzt zum Jubiläum noch mal in einer feudalen Box mit jeder Menge Zusatzmaterial. Und was ist das für ein herrliches Durcheinander! In Zeiten von Spotify-Playlists und "Wenn du das mochtest, könnte dir das hier gefallen" ist es ein unglaublicher Ritt, sich noch mal in Gänze anzuhören, was Queen da auf ein Album gepackt hat. So eine heterogene Vermengung von Musikstilen, so ein Rundumschlag - die Mischung würde heute jeden Playlist-Algorithmus überfordern. Gleich zum Auftakt die zwei Larger-than-life-Hits "We Will Rock You" und "We Are The Champions", Songs, bei denen es mit heutigem Wissen nicht leichtfällt, sich das Fußballstadion wegzudenken. Dann direkt der Operetten-Speed-Metal von "Sheer Heart Attack", gefolgt vom warmherzigen Siebziger-Popsong "All Dead All Dead". So achterbahngleich geht's weiter, bis zum fast unangenehm unterkörperlichen "Get Down Make Love", dann zur Status-Quo-Parodie "Sleeping On The Sidewalk", zum Schluss noch der großartig schwülstige Nachtclub-Schieber "My Melancholy Blues", der auch Marlene Dietrich gut gestanden hätte. Ein Album, das zugleich Stadionrock, Darkroom, Kabarett und Parodie ist - und bei allem kommerziellen Appeal doch klar macht, warum Ende Siebziger Queen gar nicht mal so sehr zu den Bands gehörten, gegen die sich Punk richtete - hier ist sowieso alles immer ironisch gebrochen, überdreht, comicbunt, tongue-in-cheek. Johnny Rotten besorgte sich damals ein Pink-Floyd-T-Shirt und schrieb über den Schriftzug "I hate". Aber Roger Waters und seine Kollegen meinten auch alles fürchterlich ernst. Im Fall von Queen wäre der Gag einfach ins Leere gelaufen.

Cover the Who

Eine andere Band, die Ende der Siebziger eigentlich als Dinosaurierverein galt, sind The Who. Auch viel zu groß, zu etabliert, immer unterwegs in Fußballstadien, Breitbeinrocker der klassischen Art. Interessanterweise waren The Who aber von vielen im Punk akzeptiert, weil sie, allen voran Keith Moon, wild und unberechenbar waren - und weil Townshends Songs schon lang vor Punk die Gedanken von 1977 formulierten, vor allem natürlich "My Generation". Die Sex Pistols spielten sogar "Substitute" nach. Jetzt erscheint die wunderschöne 4-CD-Box "Maximum As & Bs - The Complete Singles". Liebevoll gemacht, mit einem kleinen Buch voll begleitender Texte, allerdings, dem Titel entsprechend, auch mit allen B-Seiten, die teils zu Recht B-Seiten waren. Ein schönes Sammlerstück fürs Regal, aber im Fall von The Who darf man schon nach dem Warum fragen. Schließlich war diese Band, mehr als alle anderen ihrer Zeit, vor allem als Album-Band berühmt. Natürlich, The Who hatten Hits, "I Can See For Miles", "Won't Get Fooled Again", "Who Are You". Aber "Tommy", "Quadrophenia", das sind die berühmten Konzeptalben. Townshend hat Alben immer als Gesamtheit gesehen, nicht bloß als Aneinanderreihung von Songs, sondern im Idealfall als Liederzyklus, als Geflecht, als Geschichte. Für die Fans, denen an dieser Seite von The Who etwas liegt, gibt es eine neue DVD: "Tommy - Live At The Royal Abert Hall", im April dieses Jahres haben Townshend und Roger Daltrey mit einem Haufen Mietmusiker alle Songs des berühmten Albums zum ersten Mal komplett in der ursprünglichen Reihenfolge live gespielt. Es ist ein großer Spaß, dem stets rätselhaft gut gelaunten Daltrey und dem stets rätselhaft grantigen Townshend bei der Arbeit zuzusehen.

© SZ vom 07.11.2017
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