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Retrokolumne:Männer rauswerfen

Die Pop-Reissues der Woche. Diesmal mit Bob Seger, "Bikini Kill" - und der Antwort auf die Frage, ob es von Folkrock auch eine grandiose Samurai-Version gibt.

Wer Bob Seger nur als Heartland-Rocker mit dem Naturburschen-Charme und der kehligen Stimme kennt, Held aller Fernfahrer und Schwiegermütter der Siebziger, dürfte überrascht sein, dass der Mann aus Ann Arbour, Michigan, gut zehn Jahre zuvor noch deutlich aufregendere Musik gemacht hat. Diese kleine Bildungslücke schließt "Heavy Music: The Complete Cameo Recordings 1966-67", eine Zusammenstellung von zehn Singles, die Seger mit seiner damaligen Band The Last Heard in Detroit aufgenommen hat, bevor er zum Majorlabel Capitol wechselte. Die einst so stolze Motor City war damals schon im Niedergang begriffen, die Arbeitslosigkeit stieg. Gleichzeitig war sie aber auch Sitz des boomenden, schwarzen Plattenlabels Motown, das den Soundtrack zum afroamerikanischen Aufbruch lieferte. In diese brodelnde Stimmung stieß Seger, dessen Helden Little Richard und James Brown hießen, mit einer ziemlich tanzbaren Mischung aus Garagenrock und schweißtreibendem Funk. Entgrenzung als Trieb- und Frustabfuhr. Schon der Titelsong "Heavy Music" rollt mit lässigem Fingerschnippen los, nur um sich Takt um Takt zu einer fulminanten Rhythm & Blues-Messe auszuwachsen. Segers Songwriting-Talent ist beeindruckend, auch sein Humor. Er schafft es spielend die Beach Boys ("Florida Time") und Bob Dylan ("Persecution Smith") zu parodieren, ohne an Momentum und Groove zu verlieren. Mal klingt er wie ein zürnender Van Morrison ("East Side Story"), mal wie ein Easy-Listening-Crooner ("Very Few"). Was all diese Aufnahmen eint, ist ihre Energie. Sie wird bald in jene Wut umschlagen, die sich wenig später im Detroiter Proto-Punk von Bands wie The Stooges und den MC5 entladen sollte.

Lange Jahre sollte Punk ein männlich dominiertes Spielfeld bleiben, auch in seiner späteren Generation-X-Variante, genannt Grunge. Bis 1990 drei junge Frauen aus Olympia auf die Welt losgelassen wurden und ihren Platz einforderten. Ihre Band Bikini Kill tat das mit relativ überschaubaren musikalischen Mitteln, dafür mit einer Vehemenz, die so manchem Slacker im Holzfällerhemd aus der Weltschmerz-Starre gerissen haben durfte. Nachzuhören auf der neu aufgelegten Kompilation "The Singles". Schon in Songtiteln wie "Rebel Girl", einem Duett mit Joan Jett, deutete sich Bikini Kills feministische Agenda an: "When she talks, I hear the revolution / In her hips, there's revolutions", skandiert sie. Sängerin Kathleen Hanna forderte bei Konzerten die anwesenden Frauen regelmäßig auf, nach vorne zur Bühne zu kommen, um ihnen Flugblätter mit Liedtexten in die Hand zu drücken. Männliche Zwischenrufer schmiss sie persönlich raus. Dass Bikini Kill bei ihrer Generalabrechnung mit dem anderen Geschlecht trotzdem auf die Dienste eines männlichen Gitarristen zurückgriff, machte die Sache nur noch sympathischer. Mit der von ihnen initiierten "Riot-Grrrl-Bewegung" solidarisierten sich bald Bands und Musikerinnen wie Huggy Bear, Babes In Toyland, Sleater-Kinney, L7 und Beth Ditto. Für die deutsche Soziologin Katja Sabisch zielte die Bewegung darauf, "die ungezogenen, selbstsicheren und neugierigen Zehnjährigen in uns wieder aufzuwecken, die wir waren, bevor uns die Gesellschaft klar machte, dass es Zeit sei, nicht mehr laut zu sein und Jungs zu spielen". Der feministische Agitprop-Punk von Bikini Kill mag aus einer anderen Zeit stammten, aktueller als heute war er aber vielleicht nie.

Auf eine Zeitreise ganz anderer Art nimmt uns das verdienstvolle Label Light In The Attic mit, das gerade diverse Soloalben des japanischen Musikers und Multiinstrumentalisten Haruomi Hosono wiederveröffentlicht. Hosono mag hierzulande nur wenigen ein Begriff sein, in seiner Heimat ist er ein musikalischer Nationalheld. Das Lebenswerk des inzwischen 71-Jährigen umfasst so ziemlich jedes Genre der Geschichte der Popmusik, manche davon hat er sogar entscheidend mitgeprägt. So war er ein Pionier der elektronischen Musik und nahm mit seiner Band Yellow Magic Orchestra einige der interessantesten Alben des Synthie-Pop auf. Mit nahezu grotesker Virtuosität arbeitete er sich durch Musikstile wie karibisch angehauchten Yacht-Rock, Electro-Exotica oder Proto-Techno. Er selbst beschrieb seine Form der kulturellen Aneignung später als "Sightseeing Music". Tatsächlich scheint sein Wissen über Popmusik, seine Experimentierlust schier unerschöpflich, bis heute. Leider ist bislang nur das Album "Hosono House" aus dem Jahre 1973 in Europa in einer neu abgemischten Fassung wieder erhältlich. Es ist eine Hommage an "The Music From Big Pink", dem Folkrock-Meisterwerk von The Band, durchweht von Bossa Nova und Americana-Klängen, nur eben als abgeklärte Samurai-Version.