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Retrokolumne:Kill the Kardashians!

(Foto: PR)

Wie geht man mit dem Gedenken verstorbener Pop-Künstler um? Am besten mit Merchandise. Sneakers im Design ihrer Alben, nachgereichte Veröffentlichungen aus den Mülleimern der Studios - und Ramsch für Ebay.

Der Schuhhersteller "Vans" präsentierte gerade eine Reihe von bunten Modellen, die dem verstorbenen David Bowie gewidmet sind. Der Sneaker "Slip-On 47 VDX" soll an das Album "Hunky Dory" erinnern, "Sk8-Hi" trägt ein Blitz-Symbol, eine Hommage an Bowies "Ziggy Stardust"-Make-up. Das dezenteste Design ist ein schwarzer Slipper mit einem schwarzen Stern darauf - bezogen auf Bowies letztes Album "Blackstar". Man kann darüber streiten, ob die Schuhe dem Andenken des Toten gerecht werden. Der Mann war nicht gerade als Sneakerträger bekannt. Immerhin sind aber diese Bowie-Schuhe geschmackvoller geraten als die Led Zeppelin-Modelle, die Vans demnächst auf den Markt bringt. Der Anlass: Vor 50 Jahren wurde die Band gegründet. Die Schuhe dieser Edition sehen aus, als hätte jemand das Design von Luis-Vuitton-Taschen durch Led Zeppelin-Symbole ersetzt. Gehört in die Kategorie "unfreiwillig komisch".

Es ist Robert Plant und Jimmy Page von Led Zeppelin aber vermutlich egal, ob irgendwer Schuhe in ihrem Namen produziert. Die Generation der Altstars scheint eine gewisse Lässigkeit im Umgang mit Merchandise zu entwickeln. Es gibt ein YouTube-Video, da überreicht jemand dem großen alten David Gilmour ein Werbeprodukt, eine Gitarre, die seiner schwarzen Stratocaster nachgebildet ist, ergänzt um ein Pink Floyd-Logo. Gilmour zupft ein paar Töne darauf, dann brummt er, das sei wohl ein Fall für Ebay.

Ob Ziggy-Sneakers oder Müll-Gitarren, die Hersteller verkünden natürlich immer, ihre Produkte seien als Verneigung zu verstehen. Huldigung. Heldenverehrung. Dass da auch jede Menge Geld reinkommt? Ach ja, jetzt wo Sie es sagen . . . Beispiel Gretsch. Jahrzehntelang spielte der AC/DC-Gründer Malcolm Young eine Gitarre der traditionsreichen Firma: ein völlig runtergerocktes Uraltmodell, aus dem er zwei von drei Tonabnehmern rausgerupft hatte, weil er sie als nutzlos empfand. Vor zwei Jahren präsentierte Gretsch eine spezielle Malcolm Young-Gitarre, bei der alles bis in kleinste Detail imitiert war, sogar die Löcher, in denen eben keine Tonabnehmer saßen. Dem offiziellen Werbesprech nach war auch das eine Verbeugung vor Young, ein Geschenk an die Fans. Für rund 3 000 Euro pro Instrument. Was Malcolm Young selbst davon halten würde? Weiß man nicht, er ist 2017 gestorben, und als Gretsch die Gitarre produzierte, hat der schwerkranke Mann schon nicht mehr viel von der Welt mitgekriegt. Seine Familie hatte nichts dagegen, schließlich prangt der Name AC/DC auch auf Bierkrügen, Grillhandschuhen und Babywäsche. Oder um es mit einem Song der Band zu sagen: "What Do You Do For Money, Honey?" So ziemlich alles.

Auch mit der Musik Verstorbener, die auf den Markt kommt, kann es mitunter schwierig werden. Darum jetzt noch einmal zurück zu Bowie. Parallel zu den Vans-Schuhen erscheint eine Zusammenstellung früher Aufnahmen von ihm. Sie heißt "Spying Through A Keyhole (Demos And Unreleased Songs)" (Parlophone). Die Demos stammen aus einer ziemlich ratlosen Bowie-Phase Ende der Sechziger Jahre. Da hatte er gerade seinen Plattenvertrag verloren, wusste nicht, wie und in welche Richtung er weitermachen sollte, dann fiel ihm ein Lied mit dem Titel "Space Oddity" ein, das zum Klassiker werden sollte. Hier ist es in zwei ganz frühen Versionen vertreten, die zeigen, wie Bowie noch nach dem richtigen Ansatz sucht. Das meiste andere auf diesem Album aber ist nicht der Rede wert, Bowie schrammelt ohne große Inspiration halbgare Versionen von Songs, die erst später bekannt wurden. Für manche mag das von archivarischem Interesse sein - aber hätte Bowie die Veröffentlichung dieser Ausschuss-Songs gewollt? Jemand anders hat eben entschieden, dass man da noch den Aufkleber "Heldenverehrung" draufkleben und damit Umsatz machen kann.

Bowie kann sich nicht gegen Demosongs und Turnschuhe wehren. Joey Ramone kann nicht in H&M-Filialen rennen und Girlie-Shirts mit dem Ramones-Logo vom Ständer reißen. Tote können nichts dagegen tun, dass die Verwendung ihres Namens sich im Lauf der Zeit löst von dem, wofür sie ursprünglich standen. Die angebliche Huldigung macht den Namen zur bloßen Chiffre, gelöst vom Werk, gelöst von der Musik. Immerhin, die Lebenden können sich wehren. Da fällt einem gleich wieder die schöne Geschichte von Kendall Jenner und Gary Holt ein. Vor ein paar Jahren zeigte sich Jenner, schwerreiches Model aus dem Kardashian-Clan, gern mit einem T-Shirt der Band Metal-Band Slayer. Damit wollte sie nicht nur ihre Lässigkeit beweisen, sondern vermutlich auch so etwas wie Selbstironie. Der Slayer-Gitarrist Gary Holt aber ließ sich daraufhin ein T-Shirt bedrucken, dass er dann gerne auf der Bühne trug. Auf seinem T-Shirt stand "Kill The Kardashians"!

© SZ vom 09.04.2019

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