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Retrokolumne:Groß!

Cher, Linda McCartney, Brian Eno: Die drei sind weltberühmt, also kommen auch ihre alten Alben immer mal wieder neu auf den Markt. Manches ist nach wie vor belanglos, anderes dagegen kann ganz neu gehört werden. Und ZZ Top feiert sich selbst.

Ach, die arme Linda McCartney. Als sie noch lebte und als dauerbelächelte Hintergrundmusikerin in der Band ihres Mannes mitspielte, kursierte der Mitschnitt eines Konzerts, bei dem ein gemeiner Tontechniker nur ihre Gesangsspur aufgenommen hatte: ein ton- und zielloses Gepiepe, das mit den Songs von Paul McCartney bestenfalls am Rande zu tun hatte. Dass Paul McCartney seine Frau so sehr liebte, dass er sie auch auf der Bühne ständig an seiner Seite wissen wollte, konnten seine Fans nie so recht verstehen, Texte und Gespräche über Linda McCartney waren reine Häme-Festspiele. 1998 starb sie mit gerade mal Mitte 50. Ein halbes Jahr später gedachte Paul McCartney seiner Frau auf die für ihn denkbar stimmigste Weise: Er veröffentlichte ein posthumes Album mit 16 Liedern, die sie über die Jahre aufgenommen hatte, meistens mit seiner Unterstützung. Und leider ist keins der Lieder auf "Wide Prairie" besonders gut, gemeinsam quaken und quäken sich Linda und Paul durch banale Refrains, schunkliges Country-Geplunker und Klassiker aus ihrer Jugend ("Mister Sandman", "Poison Ivy"). Aber auch wenn man sich das alles nicht gut mehrmals anhören kann, so ist dieses Album, auch in der neu aufgelegten "Deluxe Edition", doch eines: ein eigenwilliges Symbol großer Liebe über den Tod hinaus. Wer so sehr liebt, dass er auch im Gequake seines Lebensmenschen nur Wertvolles hört, der liebt wirklich.

Eine Wiederentdeckung wert: "3614 Jackson Highway", das Album, das Cher vor genau 50 Jahren veröffentlichte. Es erscheint jetzt in einer "50th Anniversary Edition". Damals, 1969, ging gerade nicht viel bei Cherilyn Sarkisian, sie hatte zwar mit ihrem Mann Sonny Bono Millionen von Platten verkauft und auch solo Hits gehabt, aber Ende der 60er-Jahre wusste sie nicht recht, wie der nächste Schritt aussehen sollte. Sie tat, was viele in dieser Situation tun: Sie nahm ein Album mit Coverversionen auf. Lauter Songs, die heute als Klassiker gelten, damals aber brandneu waren, darunter Otis Reddings zwei Jahre altes "(Sittin' On) The Dock of the Bay", "I Walk on Guilded Splinters", das Dr. John ein Jahr zuvor auf seinem Debütalbum gesungen hatte, und gleich drei Songs von Bob Dylan, die der gerade erst auf "Nashville Skyline" veröffentlicht hatte. Damals also sehr aktuell, sehr gut in der Zeit. Die Kritiker feierten das Album, die Käufer blieben aus. Pech. Dafür ist es verblüffend gut gealtert. Die abgehangenen Soul-Grooves legen sich viel besser unter Chers dunkles Timbre als all das Breitwandpop- und Dance-Geböller, mit dem sie die 80er- und 90er-Jahre plattmachte. Und ihre Stimme kam noch ganz ohne Computerverfremdung aus.

Noch eine Neuauflage: Brian Enos Ambient-Album "Apollo: Atmospheres & Soundtracks" erscheint nach 36 Jahren noch mal in einer aufpolierten und erweiterten Version. Entstanden ist es, weil Eno die Musik für einen Dokumentarfilm über das Apollo-Mondprogramm produzierte. Der Film funktionierte dann nicht so richtig, wurde mehrmals umgeschnitten, aber Eno konnte das egal sein, er war ohnehin schon zu dem übergegangen, was immer wieder gern als "Filmmusik ohne Film" beschrieben wird. Sphärische Akkorde, Synthesizerflächen, mal düsterer, mal lichtreicher. Das Problem an Enos Ambient-Alben - wie am gesamten Genre - ist natürlich das ewige Kennste-eine-kennste-alle. "Apollo" hebt sich von der Masse immerhin dadurch ab, dass Daniel Lanois (mit dem Eno später U2 produzierte) hier und da ein bisschen gefällige Country-Gitarre spielt. Aber ganz ehrlich, gut tut das der Musik nicht, die Ergebnisse klingen wie etwas, was David Gilmour bei Pink Floyd diskret hätte vom Band löschen lassen. Dann lieber gleich "Music for Airports" oder "Music for Films", die wirklich guten Eno-Alben.

Zuletzt noch ein Best-of: ZZ Top feiern ihr 50-jähriges Bestehen und haben gerade "Goin' 50" veröffentlicht. Nicht ein einziges neues Lied dabei, alles alte Kamellen, aber ein guter Einstieg für Menschen, die wissen wollen, was die drei Texaner jenseits ihrer großen Hits so gemacht haben. Ihre Klassiker aus den 80er-Jahren laufen bis heute täglich im Verkehrsmeldungsradio. Dabei hat das Trio in den Jahrzehnten davor und danach die weitaus spannendere Musik aufgenommen: erst zehn Jahre lang einmalig klapprigen Blues / Pop / Funk mit viel Mut zum Experiment, später einen eigenwilligen Blues-Rock, der es schafft, so verschiedene Welten wie Tom Waits und AC/DC zu verbinden. Klingt in seinen besten Momenten wie Voodoo-Partys in einer Autowerkstatt. Groß!