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Retrokolumne:Frontbericht

Für die Clubkulturgeschichte fühlen sich gern die Falschen zuständig. Ein Compilation zeigt jetzt, wie man sich richtig an einen Club erinnert.

Mit der historischen Aufarbeitung der Clubkultur ist es so eine Sache. Wenn es einen legendären Club nicht mehr gibt, und wenn diejenigen, die ihn einst betrieben, nicht mehr leben, berufen sich Hinz und Kunz auf ihn - egal, ob sie jemals "drin" waren oder nicht. Der Mythos des New Yorker Clubs Paradise Garage, der 1987 schloss und dessen DJ Larry Levan fünf Jahre später starb, wird zum Beispiel seit Jahren gemolken. Auf obskuren Labels, deren Betreiber niemand kennt, erscheinen angeblich echte Mitschnitte von Levans beglückend deliranten DJ-Sets. Mit welcher Legitimation wird hier eigentlich versucht, am Mythos mitzuverdienen?

Da ist es zur Abwechslung einmal ganz wunderbar, wenn die Legende eines Clubs von denjenigen gefeiert wird, die sie auch wirklich selbst begründet haben: "Running Back Mastermix: Front by Klaus Stockhausen & Boris Dlugosch" (Running Back) heißt die Kompilation, die - mit einem DJ-Mix und zwei ungemixten Vinyl-Alben - die Erinnerung an den Hamburger Club Front feiert, der 1983 eröffnete und 1997 schloss. Betrieben von Willi Prange und Phillip Clarke, gilt das Front als jener Laden, der House Music nach West-Deutschland brachte - was vielleicht nicht ganz stimmt, denn es findet sich ja doch meist immer wenigstens noch ein früheres Beispiel. In diesem Fall wäre das wohl das Coconut in Köln, wo Stockhausen auflegte, bevor er von Prange nach Hamburg, Ecke Heidenkampsweg beim Berliner Tor, geholt wurde. House war damals noch kein Musikstil, sondern eine Art, mit zwei oder drei Plattenspielern eine Stimmung zu erzeugen, eine Dramaturgie. Electro, synthetischer Funk, Uptempo-R&B, Post-Disco - die Platten wurden nahtlos ineinander gemixt oder stilistisch gegeneinander gesetzt. Von Mitte der Achtzigerjahre an mischten sich dann die ersten Produktionen aus Chicago darunter, die tatsächlich House Music genannt wurden.

Boris Dlugosch kam 1986, mit 18 Jahren, als zweiter DJ ins Front. Auch er stand in der silbernen Box mit abgedunkelten Gucklöchern, die hier das DJ-Pult versteckte. DJs waren im Front keine Stars. Sie waren eher unsichtbare Götter der Nacht, was herauszulesen ist, wenn im Booklet ein Stammgast schreibt, das Front sei eine "Kirche des homo-hetero-tantrischen Hedonismus" gewesen. Das Front war ein Schwulenclub, eine "brutalistische Sauna in einem Betonkeller mit niedriger Decke", das heißt aber nicht, dass nicht "vielleicht netterweise auch Heten reindurften" - wie ein anderer Stammgast im Netz schreibt.

In allen Clubs geht es auch darum, wer da ist - oder war. Im Front gingen (heute) berühmte Leute ein und aus: Wolfgang Tillmans (der hier 1988 eine seiner ersten Ausstellungen zeigte), Carolin Emcke, Christiane Arp (heute Chefredakteurin der deutschen Vogue). Die DJs wurden auch berühmt. Stockhausen als Mode-Stylist. Er kostümierte jahrelang den Designer John Galliano für dessen Auftritte bei den Dior-Shows in Paris, heute verantwortet er die Modestrecken im Zeit Magazin. Dlugosch wurde als Produzent erfolgreich. 1999 tanzte Europa zu seinem Nummer-1-Remix des Moloko-Hits "Sing It Back". Dass es im Front aber nie um Berühmtheit ging, das zeigen im Booklet die Schwarzweiß-Fotos von Rüdiger Trautsch, der die Front-Nächte dokumentierte: verschwitzte, glücklich knutschende Männer mit Leder- oder Sport-Fetisch, Schnurrbärte, enge Jeans, Jungs in Damenkostümen. Wie viele dieser Männer leben heute nicht mehr?

Das ist einer der Aspekte, den man beim Hören der Kompilation nicht vergessen kann oder vergessen sollte: Die Funk-, House- und Electro-Tracks, die von Stockhausen und Dlugosch hier noch einmal zusammengemixt wurden, begleiteten als Soundtrack die schlimmste Zeit der AIDS-Krise. Eine Zeit, in der Hedonismus in der schwulen Community immer auch Widerstand gegen Angst und Trauer bedeutete. Willi Prange und Phillip Clarke, die Chefs des Clubs, gründeten 1992 den Hamburger AIDS-Hilfe-Verein "Big Spender e.V." mit. Beide leben nicht mehr.

Wie hysterisch im Front gefeiert wurde, das lässt sich aus dem grandiosen DJ-Mix heraushören: Zu Beginn wird gleich innerhalb von wenigen Minuten von dubbigem Electro-Boogie (Blue Moderne, "Through The Night") auf peitschend zischenden House hochgefahren (KC Flightt, "Let's Get Jazzy"). Hohe DJ-Kunst. Und wie ekstatisch geschrien wurde, wenn die Neonröhren an der Decke blitzten und dazu der überdrehte Disco-Track "Kairo" von Üdytü Ützeltürk And His Male Harem lief, das kann man sich auch gut vorstellen. Auf der Suche nach letzterem sei man bald verzweifelt, erzählt Dlugosch. Die GEMA-Werk-Datenbank gab dann den Hinweis auf einen Musikverlag, den es längst nicht mehr gibt und dessen einstiger Inhaber heute ein Yoga-Zentrum betreibt. Er leitete weiter zu Johannes Hofmann. Der nahm 1983 in seiner Kommune in der Nähe von Aschaffenburg mit einem Freund namens Ali diesen Song auf. Von Ali stammt der Muezzin-Gesang: "Allahu Akbar", Gott ist groß. Ja, es waren andere Zeiten. Herrlich, dass sie hier noch einmal aufleben.

© SZ vom 11.09.2018
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