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Retrokolumne:Albtraumpop

Giant Sand haben "Returns To Valley" noch einmal eingespielt. Außerdem: das schönste Album von Jackson Browne und sanfter Grusel von Julee Cruise.

Von Ann-Kathrin Mittelstrass

Dreampop. Da hat man sofort die frühen Achtzigerjahre im Sinn und die Cocteau Twins im Ohr, mit Elizabeth Frasers ätherischem Gesang. Oder heutige Bands wie Beach House, die so viele Gitarrenschichten und Effekte übereinanderlegen, dass man sich am Ende nicht etwa in einer Melodie, sondern vielmehr in einer Stimmung verliert, einer oft genug melancholischen, aber eben auch wohlig verträumten. Gar nicht mal so wohlige, sondern ganz schön gruselige Stimmung kommt dagegen auf, wenn man sich den Dreampop von Julee Cruise anhört. Der gehört eher zur Unterkategorie Albtraumpop. Und das ist hier aufrichtig bewundernd gemeint. Hinter Cruise' Musik steht Gruselmeister David Lynch. Der Regisseur arbeitete 1986 zum ersten Mal mit Cruise zusammen, als er eine Stimme suchte für den Soundtrack zu "Blue Velvet", seinem verstörend-surrealen Thriller mit Isabella Rossellini. Lynchs Haus-Komponist Angelo Badalementi brachte damals Julee Cruise ins Spiel. Mit Lynchs Anweisung "Sing wie ein Engel!" - später dann, als man sich besser kannte, wurde daraus "Stell dir vor, du hättest einen Orgasmus!" - schaffte es Cruise, ihre eigentlich starke, an Musicals geschulte Stimme vergeistigt, luftig und verführerisch klingen zu lassen. Die Zusammenarbeit hielt Jahre. Lynch schrieb Texte, Badalementi komponierte und Cruise hauchte betörend-bedrohlich. 1989 entstand ein erstes Album, auf dem sich auch der Song "Falling" befand, der später die Titelmelodie zu Lynchs Meisterwerk, der Serie "Twin Peaks", wurde. Das zweite Album "The Voice of Love" von 1993 bekam nicht mehr ganz so viel Aufmerksamkeit, es wurde gerade zum 25-jährigen Jubiläum wiederveröffentlicht (Sacred Bones). Die Wiederentdeckung lohnt. Selbst wenn man "Twin Peaks" nie gesehen hat, kann es sehr gut sein, dass einen die schaurig-schöne Stimmung der Musik nicht loslässt. Ist schon Herbst oder warum fröstelt es einen so?

Wer zuletzt trotz des heißen Sommers kühle Kinosäle aufgesucht hat, konnte dort den Spielfilm "Nico, 1988" sehen. Er erzählt von den letzten Jahren der aus Köln stammenden Sängerin Christa Päffgen alias Nico, die mit dem Album "The Velvet Underground & Nico" berühmt und zu einer Ikone der Sechzigerjahre wurde. Der Film ist eine gute Gelegenheit, mal wieder Nicos Solo-Alben zu hören und festzustellen: Ihr schönster Song ist und bleibt "These Days" von ihrem 1967 erschienenen ersten Album "Chelsea Girl". Der Song lässt Verlust und Einsamkeit und überhaupt die ganze Schwere der Welt seltsam tröstlich klingen. Geschrieben hat ihn der kalifornische Songwriter und Musiker Jackson Browne - im Alter von 16 Jahren! Seine eigene, später veröffentlichte Folk-Rock-Version von "These Days" klingt leider gar nicht so berührend, im Gegensatz zu den Songs auf seinem großartigen Album "Late for the Sky" (1974), das man sich genau jetzt mal wieder anhören sollte, bevor es zu seinem 70. Geburtstag Anfang Oktober alle tun werden. Allein wie Browne im Titelsong die Erkenntnis beschreibt, dass die Person, die man liebte, einem vollkommen fremd geworden ist, kann einem, im richtigen (oder falschen) Moment gehört, wirklich die Kehle zuschnüren. Martin Scorsese benutzte den Song in einer Szene seines Films "Taxi Driver", in der einem sein Antiheld Robert DeNiro auf einmal sehr menschlich vorkommt.

Von der Galionsfigur des Post-Siebziger-Westcoast-Pop zur coolsten Sau im Wüstenrock: Das ist die Geschichte von Howe Gelb aus Tuscon, Arizona. 2016 kündigte er an, seine Band Giant Sand nach fast 30 Jahren aufzulösen. Es war auch das Jahr, in dem er seinen 60. Geburtstag feierte. Zur Party kamen Weggefährten und ehemalige Bandmitglieder, auch die, die 1985 beim Debütalbum "Valley Of Rain" dabei waren. Mitten in der Nacht versuchten sie schließlich zum Spaß, Songs von diesem ersten Album zu spielen - und scheiterten kläglich. Gelb schwor sich, sie noch mal neu zu lernen, auch daran erinnert, dass er mit dem Sound des Albums eigentlich nie zufrieden gewesen war, das man damals in eineinhalb Tagen heruntergerockt hatte, mit einem Transistorverstärker. Was man aus einem Röhrenverstärker herausholen kann, wusste Gelb zu dem Zeitpunkt noch nicht. Statt sich bis zum Ende seiner Tage zu ärgern, beschloss Gelb, das Album mit einem Röhrenverstärker noch einmal so einzuspielen, wie es damals hätte klingen sollen. Jetzt heißt es "Returns To Valley Of Rain" (Fire Records) und klingt ganz anders, voller, lauter, schneller und roher. Mal hört man im Hintergrund ein Lachen oder ein Husten, dann wird ein Song zweimal eingezählt. Auffällig ist auch, dass Gelbs ohnehin tiefe Stimme über die Jahre noch tiefer geworden ist. Es lohnt sich, die alten und die neuen Aufnahmen im direkten Vergleich anzuhören.

© SZ vom 28.08.2018

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