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Residenztheater München:"Niemand halte mich für schwach!"

Medea Residenztheater

Raum mit Tiefenwirkung – aber ohne Tiefensog: Medea (Carolin Conrad) und der sie verlassende Jason (Aurel Manthei). Im Kasten hinten: ihre Kinder.

(Foto: Sandra Then/Residenztheater)

Wo bleibt der Schock? Regisseurin Karin Henkel inszeniert am Münchner Residenztheater "Medea" als kühle Frauensache mit Mädchenchor.

Von Christine Dössel

Diese "Medea" am Münchner Residenztheater wird vom Premierenpublikum begeistert gefeiert, es gibt sogar einzelne Bravos. Die Inszenierung von Karin Henkel, einer preisgekrönten, als akribisch und perfektionistisch geltenden Regisseurin, ist handwerklich-technisch auch wirklich gut gemacht. Allein das Bühnenbild mit seinen Wasser-, Nebel- und Lasertechnikeffekten macht mords was her. Und es wirken eine Menge Kinder mit: neben den beiden theaterwirksam süßen Jungs, die Medeas Söhne spielen, ein 19-köpfiger Mädchenchor - das ist ein Pfund. Der Schlussapplaus trägt dem allen Rechnung. Und doch stellt sich die Frage: Ist es nicht verdächtig, wenn nach einer monströsen Geschichte wie der von Medea, die soeben ihre Kinder erstochen hat - was man in dieser Aufführung tatsächlich zu sehen bekommt -, sofort der fröhlichste Applaus losbricht? Herrscht denn kein bisschen Verstörung? Ist da kein Schock?

Das Geschehen auf der Bühne lässt einen im Herzen kalt

Nein, es herrscht keine Verstörung, man ist nicht geschockt, auch nicht einmal besonders aufgewühlt ob des auf der Bühne Geschehenen und Gesehenen. Es lässt einen im Herzen kalt. Vielleicht ist es sogar Erleichterung, die da in der Schlussbegeisterung mitschwingt: Harter Stoff, hat aber gottlob nicht weh getan.

Und das, obwohl Medeas Söhne in dieser Inszenierung "nach Euripides" ungewöhnlich viel Raum bekommen. Gleich zu Beginn sieht man die zwei Jungs in langer Unterwäsche und Gummistiefeln auf der gewässerten Bühne mit einem ferngesteuerten Boot hantieren, später kämpfen sie mit Neonschwertern. Sie spielen unter sympathischer Anleitung von Nicola Mastroberardino, ihrer "Amme", den Zug der Argonauten nach, den Raub des Goldenen Vlies' im fernen, sagenumwobenen Kolchis, wo ihre Mutter herstammt. Spielen nach, wie Medea sich in den Papa, den Griechen Jason, verliebt und ihm beim Raub des legendären Widderfells geholfen hat. "Tja, und jetzt sind wir hier in Korinth: Korinthenkacker", scherzen die Buben und verziehen sich fröhlich in einen erhöhten, mit Videowandmalerei verschmierten Kasten, der ihr Kinderzimmer darstellt.

So wird mit schöner Leichtigkeit erst mal die Vorgeschichte des Stücks geliefert, wie sie zum Beispiel Franz Grillparzer in seiner dramatischen Trilogie "Das goldene Vlies" erzählt, aus der sich Karin Henkel bedient. Dadurch wird umso deutlicher: Medea ist in Korinth eine Fremde, Schiefangesehene. Sie, die Königstochter, dem Mythos nach herausragend an Schönheit, Intellektualität und Entschiedenheit, hat für Jason alles aufgegeben; hat ihren Vater verraten, ihren Bruder ermordet und sich an der Seite des Geliebten Mannes in ein Flüchtlingsschicksal begeben.

Aus. Vorbei. Bei Euripides setzt die Tragödie ein, wenn Jason die Trennung schon eingeläutet hat und klar ist, dass er Kreusa, die Tochter des korinthischen Königs Kreon, ehelichen wird. Der antike Dramatiker kommt da in den ersten Sätzen direkt zur Sache. Bei Karin Henkel indes kommt erst mal der Mädchenchor zu Wort: "Ich habe Angst vor der Zukunft", skandieren sie, alle in Schuluniform und mit den gleichen weißen Glatthaarperücken wie aus einem Horrorfilm. Dann wird Jason das Wort erteilt. Aurel Manthei, der einen Gang wie ein Cowboy hat, stellt sich stramm alphatierisch hin, so wie er es in dieser Aufführung noch oft tun wird, ganz Säule seiner selbst, und sagt: "An all dem, was geschehen ist, trage ich keine Schuld." Na klar. Worte, die er am Ende, wenn Medea gemordet hat, mit der nämlichen Breitbeinigkeit wiederholen wird. Ohnehin hat die Figur in Henkels Interpretation wenig Facetten, und Manthei lässt sich nicht hinter den Gefühlspanzer blicken.

Auch nicht in jenen, von der Regisseurin hinzugefügten Szenen, in denen Jason mit Kreusa alte Jugenderinnerungen austauscht: "Weißt du noch..." Franziska Hackl nutzt die Aufwertung dieser Figur mit sardonischer Lust und spielt sie mit der Aufgekratztheit der Zukurzgekommenen, die jetzt endlich ihre Chance ergreift. In einer entwürdigenden Szene lässt sie Medea, die bis dahin noch gar keine größere Redezeit hatte, wie einen Frosch hin und her hopsen, immer wieder, bis diese nicht mehr kann. Kreusa höhnisch: "Es soll doch lustig sein!" Zuvor hat sie der verachteten Migrantin im Gestus geheuchelter Freundschaft ein scheußlich neongelbes Kleid übergezogen. Damit ist Medea, die Fremde, wie mit dem Leuchtstift markiert. "Geh zurück in deinen Kaukasus", schnauzt Kreon sie an (schön weichlich-kriecherisch: Michael Goldberg), der die "Barbarin" verbannt.

In den Dialogen gibt die Regie zu wenig Möglichkeiten

Medeas giftgrüne Markierung stellt farbsymbolisch auch eine Verbindung zu dem Kinderzimmerkasten ihrer Söhne her, der wie eine eigene kleine Bühne mit Vorhang ist: Schaukasten für den Mythos. Manchmal fährt dieser Kasten auf hohen Stangen nach vorne, wie es auf Tilo Reuthers faszinierender Wasserlachenbühne überhaupt immer wieder zu visuell reizvollen Raumvertiefungen, Raumverjüngungen, optischen Nebeltäuschungen und Laser-Vexierspielen kommt.

In einer Schlüsselszene springt Medea im Pulk mit dem Mädchenchor - nun alle in moderner Alltagskleidung - durchs Wasser, euphorisch skandierend: "Nun hat ein Ende das endlose Lied von der schwachen Frau!" Da hat Medea bereits ihren Entschluss, Kreusa zu ermorden, gefasst, und sie weiß den Chor auf ihrer Seite: die weiblichen Stimmen für die Sache der Frau. Einmal laufen sogar völlig unvermutet drei andere Medeas über die Bühne, im selben Neongewand. Der feministische Ansatz von Karin Henkels Inszenierung kommt immer wieder eruptiv zum Ausdruck, hergeleitet und organisch erspielt wird er aber nicht, er bleibt aufgesetzt.

So ist es auch schade und der leidenschaftlichen Anteilnahme an ihrem Schicksal nicht förderlich, dass Medea bei Carolin Conrad von Anfang an eine recht verhärmte, hohläugig stierende, auf die kalte Schnodderschnauze festgelegte Figur ist, die vor allem eines will: kein Mitleid. "Ich bin kein Opfer", raunzt sie ins Publikum. "Niemand halte mich für schwach! Ich bin anders, und das soll die ganze Welt erfahren." Ihre Rache für Jasons Verrat vollzieht sie am Ende auch deshalb, um als Frau und exemplarisches Frauenschicksal nicht ausradiert, nicht vergessen zu werden, wie all die anderen leidenden, verratenen, verstoßenen Frauen dieser Welt. Zwischendurch flackert diese Interpretation auf, aber plausibel durchgezogen wird sie nicht.

Conrads Medea bleibt auch viel zu eindimensional für die schillernde Abrechnung dieser Frau mit dem Mythos Mutter. In den meist notorisch nach vorne gesprochenen Dialogen mit Jason oder Kreon gibt ihr die Regie zu wenig Möglichkeiten. Dass Jason und sie einmal ein Liebespaar waren, das durch Pech und Schwefel ging - nicht die Spur davon in Henkels Inszenierung. Es passiert zu wenig zwischen den Figuren. Es fehlt das Blut. Es fehlt die Fallhöhe.

Das zweifelhafte Schlussbild wirkt genauso aufgesetzt wie die vermeintliche Frauensache. Da sieht man Medea dann oben im Schaukasten mit ihrem neuen Gatten Aigeus, dem König von Athen. Sie winken. An ihrer Seite: zwei Töchter. Ist das nun ein Triumph?

© SZ vom 25.02.2020
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